Ole Karnatz für #kkl37 „Präsenz“
Mir glaubt keiner
Mein Vater und ich hatten ein sehr gutes Verhältnis. Er brachte mir das Fischen bei genauso wie das richtige Handeln im Angesicht des Elends der Welt. Wenn er einmal selbst einen Fehler an seinen Mitmenschen begangen hat, entschuldigte er sich dafür – sogar bei mir, seinem Kind. Finanziell unterstützt hat er mich ebenso. Als er dann krank wurde und starb, war er in großer Furcht. In den letzten Minuten im alten Schlafzimmer, ich war bei ihm und hielt ihm die Hand, lächelte er trotzdem. Seine einst kraftvollen Finger waren krumm geworden. Er löste sie aus meinem Griff und deutete in die Mittagssonne, die zwischen den Gardinen hervortrat. „Es ist alles wahr“, sagte er, ganz leise. „Da ist ein Licht und da ist Er.“
Sein Lächeln wurde zu einem Lachen. Er, der sich immer um ein gottgefälliges Leben – nein, einfach nur ein ordentliches Leben – bemüht hatte, erhielt dafür den Lohn. Er starb glücklich. Leider konnte ich diesen wunderbaren Anblick in der Traurigkeit niemandem vermitteln. Und darum schwieg ich. Mir würde ohnehin keiner glauben; nicht in diesen Zeiten. Aber ich wusste, was ich gesehen hatte – und wie ich meinen Vater gesehen hatte.
Mein Vater und meine Mutter taufte man aus Tradition, und so tauften sie mich ebenso. Mit der Institution der Kirche hatten wir wenig zu tun; Weihnachten, ab und an einmal an Ostern. Banal und normal, mit dem widersprüchlichen Respekt eines jungen Menschen, der in die Höhen eines Gotteshauses spürte und den Altar und die Bilder maximal für ihre Geschichten begeisternd fand.
Nach dem Tod meines Vaters suchte ich Anschlussversuche in die Gemeinde. Den Pfarrer fragte ich nach den hilfreichsten Stellen in der Bibel. Für mich war unzweifelhaft, dass es der christliche Gott war, der meinen Vater abgeholt hatte. Dies sagte ich auch dem Pfarrer, der mir erwiderte, dass ihn zum Christentum der Namensträger selbst gebracht hatte. Kein Licht, kein Gott, sondern Jesus als Christus; als Gott, der Mensch geworden war, oder genau anders herum. Ich sagte ihm neunmalklug, dass andere Götter auf die Erde gekommen seien, worauf der Pfarrer nickte und gleich danach den Kopf schüttelte. Diese Götter, der griechischen Antike zum Beispiel oder dem hinduistischen Glauben, seien in Menschengestalt auf Erden gewandelt. Sie seien nicht zum Menschen geworden: Darin lag der entscheidende Unterschied. Weil mich dies aber nicht überzeugte, sagte er mir: „Wissen Sie, bevor ich Theologie studiert habe, machte ich ganz viele andere Dinge. Ich musste mich Jesus intellektuell näheren. Nennen Sie es einen post-naiven oder aufgeklärten Glauben. Einer, der eine gehörige Skepsis gegenüber der vermeintlichen Sicherheit hat und deshalb auch keine allgemeingültige Ethik aus der Bibel ableiten würde. Aber einer, der anerkennt, dass wir wenigstens diese Geschichte brauchen zwischen dem Menschen und etwas Höherem.“
Aber ob er denn die Präsenz Gottes spürte, fragte ich ihn, und schilderte ihm endlich, was meinem Vater widerfahren war.
„Nein, nicht in dem Sinne, wie man’s von einem Gottesmann erwarten würde. Aber dafür habe ich ja die Gemeinde. Darauf kommt es an.“ Und er deutete um sich herum, durch die Kirche, die nur mager gefüllt war. „Natürlich war Ihr Vater etwas Besonderes“, schob er noch hinterher.
So es meine Familie und die Vorbereitung der Beerdigung meines Vaters zuließ, verbrachte ich so viel Zeit wie nötig in der Kirche. All die Rituale erfüllten nicht das Ziel. Durch das Singen und Rezitieren, das Händeschütteln und Empfangen, fand ich nicht das, was mein Vater gefunden hatte, doch ich traf einige freundliche und hilfsbereite Menschen. Die Menschen in der Kirche besaßen einen tieferen Sinn für das Leben als ich es für möglich gehalten hatte. Manchmal war ihr Engagement eines der Gewohnheit, bei anderen aber aus Überzeugung. Es war eine ganz eigene Welt, die parallel zu dem banalen Rauschen des Alltags aus Arbeit und anderen Pflicht existiere. Aber ich spürte keine Präsenz, egal wie oft wir sangen oder ich Jesus in die Augen blickte. Auch der Pfarrer war leider nicht so oft zugegen wie es mir hilfreich gewesen wäre. Ich wollte ihn fragen, was ich tun könnte, um die Wünsche zur letzten Ruhe meines Vaters zu ändern. Wenn er in seinen letzten Momenten Gott gefunden hatte, dann würde er doch sicherlich in der Erde bestattet werden wollen und nicht, wie ursprünglich geplant, im kalten Meer. Das war nur der Fall, weil meine Mutter, die Jahre zuvor gestorben war, ohne jedes Licht, es so gewollt hatte.
Ich sprach mit meiner Frau darüber, doch sie weitete das Thema auf. Vor einigen Tagen hatte ich ihr anvertraut, wie es tatsächlich zum Ende mit meinem Vater gewesen war. Ihr Verständnis dafür war stirnrunzelnd. Sie selbst glaubte nicht und verwünschte alle Religionen als Unterdrückungsinstrumente. Meine Besuche in der Kirche sowie das Studium der Heiligen Schrift wurden von ihr lediglich als Trauerarbeit eingeordnet. Das vermittelte sie mir auch in einer längeren Unterhaltung über dampfendem Tee in der Nacht, als wir endlich einmal Zeit für Gespräche dieser Art hatten. „Aber langsam ist es soweit, dass dich dein eigener Sohn vermisst“, sagte sie, „und deine Familie überhaupt. Ich habe niemandem erzählt, was deinem Vater widerfahren ist. So sehr ich es verstehe, aber du weißt doch: Er ist nicht der erste und wird nicht der letzte sein, der in dieser Weise von uns ging. Wer will denn einfach die Augen zumachen? Wer will denn kein Licht sehen?“
Selbstverständlich niemand. Ich erklärte ihr ein weiteres Mal, dass ihre Anwesenheit nötig gewesen wäre, um zu verstehen, um zu fühlen, wie es in dem alten staubigen Raum gewesen ist; wie es auf einmal ganz warm wurde; wie mein Vater – ich konnte es nicht anders nennen – bestätigt war.
„Ja, er hat einen guten Sohn erzogen“, sagte sie und war doch nicht zufrieden.
Als wir mit dem Schiff aufs Meer fuhren, die gesamte Familie, viele Freunde, war es sehr warm. Und doch würde das Wasser eisig und kalt sein. Wir würden die verbrannten Überreste meines Vaters hinabsenken – daran gab es keinen Zweifel mehr. Aber ich hatte mich durchgesetzt bei der Wahl des Trauerredners. Es war mein Pfarrer.
Er sprach all die guten Dinge, die ich ihm mitgeteilt hatte. Ich bat ihn dabei insbesondere um eine Erwähnung Gottes und seines Sohnes sowie ihre Bedeutung in der gegenwärtigen Welt. Keine Phrasen, sondern ernsthafte Worte. Er sollte sich nicht zurückhalten.
Was er nicht tat. Aber ich sah seine Zweifel, denn die Gesichter der Teilnehmer waren verzogen. Stirnrunzeln, schiefe Münder. Ich hatte ihnen dann doch wenigstens angedeutet, dass mein Vater – ihr Bruder, Onkel, Cousin, Schwiegervater oder Freund – eine besondere Begegnung am Ende seines Lebens hatte. Der Pfarrer und auch meine Frau hatten mich darauf hingewiesen, dass dies in der Kürze nicht ausreichen würde. Doch auch in der Länge nicht, wie mir schien. Meine Familie glaubte an nichts und fand sich selbst jetzt ein klein wenig belustigt wieder.
Ich spürte nichts, als wir die wasserauflösliche Urne hinabsinken ließen. Auch zeigte sich Gott nicht über die Seelöwen, die man in der Ferne um das Schiff kreisen sah oder die Möwen über uns. Und auch die Sonnenstrahlen, die durch eine Wolkendecke brachen und Bewunderung auch bei den übrigen Teilnehmern des letzten Abschieds auslösten, bemerkte ich keine Präsenz eines höheren Wesens.
Diese kam erst beim erneuten Anlegen des Schiffes am Hafen. Der Kapitän und seine Leute legten den Zugang zum Schiff hinab an den Kai und wiesen mir respektvoll den Platz am Ausgang, sodass ich jedem meiner Verwandten und Bekannten die Hand schütteln konnte. Während sie mir noch einmal ihr Beileid versicherten, die Schönheit der Zeremonie lebten, und das Wesen meines Vaters priesen, antwortete ich mit dem, was ich für richtig hielt; von dem ich glaubte, dass mein Vater es auch so sagen würde: Ich sagte ihnen, dass ich für sie da sein würde. Wenn sie mich bräuchten, bei welcher kleinen oder großen Sache auch immer, so half ich ihnen, egal ob Tante oder Onkel, Cousin oder Cousine oder deren Kinder.
Da spürte ich so etwas wie, im Angesicht ihrer Gesichter. Auch wenn ich mir natürlich niemals sicher sein kann, ich kenne die Argumente: Da spürte ich es. „Wir sehen uns ja sicher erst wieder zur nächsten Beerdigung“, sagte einer meiner Cousins mit einem traurigen Grinsen eines Hais. Da verstand ich, warum es gut war, dass es einen Jesus Christus gegeben hatte, den auch er belächelte.
Aber ich sagte nichts über diese Hintergründe und schwieg weiter. Die Präsenz war meine Sache, so wie sie auch Vaters gewesen war. Der Pfarrer verstand, und meine Frau akzeptierte es. Mein Sohn hingegen fragte nicht und trauerte um seinen verstorbenen Großvater. Was genau ich ihm einmal sagen sollte, wusste ich nicht – noch nicht. Doch ich hoffte, betete für Erkenntnis über ein Leben, das nur mit Licht etwas Wert war.
Ole Karnatz wurde in der Universitäts- und Hansestadt Greifswald geboren. Studium der Sozialwissenschaften in Gießen und Jena. Er arbeitet und lebt in Leipzig. Einige Kurzgeschichten wurden bereits in Anthologien veröffentlicht.
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