Nicole Prosser für #kkl37 „Präsenz“
Imagination als Gegenwart
Der Regen rinnt strömend von der gläsernen Kuppel herab. Sonntagabend in der Bibliothek, langsam wird es hier geschäftig. Am Vormittag waren hier kaum Studierende anzutreffen, nun aber füllen sich die Lesesäle.
In beleuchteten Lettern steht über dem Eingang der asiatischen Büchersammlung: Library. Dort gibt es einen gläsernen Raum mit roten Plastikstühlen und einigen Pflanzen darin. Ich sitze am runden Tisch in der Ecke, hinter mir der Blick auf eine graue Stadt unter einem grauen Himmel. Was zu hören ist, ist das Surren der Lüftung, das Geklapper der Tastaturen, wenn die Studierenden eifrig an ihren Texten schreiben, auch ab und zu ein Husten, dumpfe Schritte auf dem Teppichboden. Woran ich denke? An dich natürlich, so wie meistens seit unserem letzten Gespräch.
Ich gehe die langen Gänge entlang, verwirrendes Labyrinth, die Räume auf unterschiedlichen Ebenen angelegt: verwinkelt, verzweigt. Ich versuche diese Gegenwart vollumfänglich zu erfassen: Ich stelle sie mir als Vergangenheit vor; das, was mir widerfährt, als Gewesenes, ich als Gewesene, auch deine Präsenz als gewesen: unsere Liebe als Gewesene.
Erst durch diese Gedankenübung erkenne ich den Wert der gegenwärtigen Erfahrung. Jetzt erst begreife ich, wie glücklich ich mich doch schätzen kann, mindestens genauso glücklich, wie die Gewesene, an die ich gegenwärtig oft denke und die ich beneide. Auch mein gegenwärtiges Ich wird einmal von einem zukünftigen Ich beneidet werden.
Verklärter Blick auf die Vergangenheit, hoffnungsvoller und furchtvoller Blick auf die Zukunft im Wechsel – nur die Gegenwart allein ist nie genug, ungenügend in ihrer Unmittelbarkeit. Jegliche sensorische Erfahrung erscheint uns aufregender in der Vorstellung. Die Vorfreude als die „schönste Freude“. – Schmeckt ein Kuss jemals so süß wie die freudige Erwartung auf ihn? Ist nicht jener Moment am schönsten, ganz kurz bevor sich zwei Lippen das allererste Mal berühren – dieser Moment von Ahnung, Neugierde, Lust? Man kann es kaum erwarten, die Imagination ist der sensorischen Erfahrung schon einen Schritt voraus. Und was den eigentlichen Reiz ausmacht, ist das Verlangen nach „Abgleich“. Endlich möchte man wissen, ob die Realität auch nur annähernd mithalten kann mit der Vorstellung. Meistens kann sie es nicht und wir fühlen uns enttäuscht, betrogen von der Realität, die am Ende nur ein trauriger Abklatsch zu sein scheint.
Warum also wach sein statt zu träumen? Warum hinausgehen in diese Welt, mit allem, was in ihr erfahrbar ist, wenn die Erfahrung der Fiktion, sei es nun in Büchern, Filmen, den Gedankenexperimenten der Philosophie, in Tagträumereien… wenn diese Erfahrung so viel mehr zu bieten hat?
Ich klappe meinen Laptop zu, reibe mir die Augen. Das Prasseln des Regens ist nun leiser geworden. Ich packe meinen Rucksack und verlasse die Stille der Bibliothek. Draußen nehme ich einen tiefen Atemzug. Die Luft ist kühl und dampfend, es riecht herrlich nach nassem Asphalt. Ich blicke mich kurz um: Da läuft ein kleines Flüsschen stadtauswärts, dort sprießen die Frühlingswiesen in sattem Grün. Behaglichkeit liegt in der Luft. Ich sauge diesen Moment in mir auf: die Luft, den Duft, die Geräusche, die Stimmung… wissend, dass mir eines Tages die Erinnerung an ihn genügen wird.
Nicole Prosser wurde 1994 in Graz geboren, wo sie auch aufwuchs. Sie absolvierte ein Lehramtstudium in Graz und ein Studium der Philosophie in den Niederlanden. Längere Auslandsaufenthalte führten sie außerdem nach Frankreich, Deutschland und Marokko. Sie veröffentlicht Gedichte in Anthologien und Literaturzeitschriften. 2022 war sie Finalistin beim zeilen.lauf-Lyrikwettbewerb. Sie arbeitet als OeAD-Lektorin für Germanistik an der Universität Prešov in der Slowakei.
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