Ulrike Wessel-Fuchs für #kkl37 „Präsenz“
Denn ich wusste nicht, was ich tat
Ohrenbetäubendes Krachen.
Splitterndes Glas.
Schreie.
Stille.
„Hast du sie? Gut, dann können wir sie ganz rüberziehen.“
Träge versuche ich meine Augen zu öffnen, überlege, bei welchem Film ich dieses Mal eingeschlafen bin. Sicher so ‘n langweiliger Fernsehkrimi.
Die Schwärze der Nacht löst sich auf. Endlich kann ich etwas sehen. Aber da ist kein Wohnzimmer, kein Fernsehapparat. Überhaupt nichts Vertrautes.
Ich bin auf einer Wolke. Um mich herum wiegen Farben und Lichter. Gestalten schweben an mir vorbei. Ich will sie ansprechen, aber sie sind zu flüchtig. Kaum gesehen, schon wieder fort.
Langsam dämmert in mir die Erkenntnis, ich bin nicht am Fernseher, sondern am Lenkrad meines Wagens eingeschlafen. Das ist mein Ende.
Eine Frau tritt auf mich zu.
„Geht es dir gut?“
Das Sprechen fällt mir schwer. Also nicke ich nur.
„Kannst du dich erinnern?“
Ich gebe mir Mühe. „Ja, sicher.“ Meine Stimme klingt eigenartig, hohl und blechern. „Ich war in Köln, traf mich mit Leuten wegen eines Castings. Wir verabschiedeten uns, wünschten eine gute Heimfahrt und …“
„Hat wohl nicht geklappt?“ Die Frau lächelt mich an.
„Wer bist du?“
„Kannst du es nicht erraten? Ich bin Gott.“
Ich reiße meine Augen auf. „Du bist eine Frau!“
„Nein, ich bin keine, aber du siehst in mir eine Frau.“
„Das verstehe ich nicht.“
„Das ist doch einfach. Die meisten Kinder sehen in mir ein Kind, Männer fast immer einen Mann und Frauen halt eine Frau.“
Das finde ich reichlich verwirrend, also schweige ich und schaue mich um. In größerer Entfernung entdecke ich noch mehr Wolken, auf denen Menschen zu erkennen sind. Offenbar bin ich im Himmel gelandet.
„Habe ich als Engel gar keine Flügel? Wie soll ich mich da fortbewegen?“
Gott runzelt die Stirn. „Wie kommst du darauf, dass du ein Engel bist?“
„Nun, da ich im Himmel bin, nahm ich an …“, stottere ich unsicher.
„Warum denkst du, dass du im Himmel wärst?“
„Wo bin ich denn?“
„Du bist auf einer Wolke.“
Ich verkneife mir eine ironische Bemerkung. Es ist gewiss ratsamer, sich nicht mit der Chefin anzulegen.
„Deine Wolke befindet sich noch in der ZVJ“, fügt sie erklärend hinzu. Als sie meinen verständnislosen Blick sieht, ergänzte sie: „Das ist die Zentralvergabe des Jenseitsbestimmungsortes.“
Es dauert geraume Zeit, bis ich die Bedeutung der ungewohnten Worte begreifen kann. Überhaupt erscheint es mir, dass mein Verstand sich verlangsamt hat, so, als wäre er eingefroren.
„Das bedeutet also, dass ich mein endgültiges Ziel noch nicht erreicht habe?“, vergewissere ich mich schließlich.
„Genau. Wir haben noch zu wenige Informationen über dich, deshalb musst du einen Fragebogen ausfüllen.“
Mit diesen Worten überreicht Gott mir ein umfangreiches Bündel Papiere.
„Sieht aus wie meine Steuererklärung.“
Gott lacht. „Was für ein Vergleich! Ihr Menschen habt wirklich Humor!“
Ich bin geschmeichelt. Sicherlich gelingt es nicht jedem, Gott zum Lachen zu bringen.
„Wie viel Zeit habe ich zum Ausfüllen?“
„Vergiss Zeit. Das ist ein irdisches Wort. Wir brauchen es hier nicht. Ich komme, sobald du fertig bist.“
„Und danach wird über meinen … Jenseitsbestimmungsort entschieden?“
Gott nickt. „Alle Verstorbenen werden aufgrund ihrer irdischen Fähigkeiten, Eigenarten und Veranlagungen entsprechenden Wolkenbereichen zugeordnet. In manchen gibt es zum Beispiel Musiker, in anderen sind Kunstmaler oder Politiker. Es gibt sogenannte himmlische und höllische Wolken. Wir verfahren nach dem Sprichwort: Gleich zu gleich gesellt sich gern.“
Da ich schon immer Geschichten geschrieben habe und Mitglied in einem Schreibforum bin, male ich mir umgehend aus, dass ich zusammen mit anderen bedeutenden Schriftstellern auf einer himmlischen Wolke zusammentreffe. Etliche Namen fallen mir ein. Schiller, Goethe, Brecht zum Beispiel, das wäre phänomenal. Aber vielleicht wäre ein zeitgenössischer Autor zweckdienlicher? Benjamin von Stuckrad-Barre kommt mir in den Sinn. Mit ihm hätte man nicht nur einen gleichwertigen Diskussionspartner und interessanten Gesprächsstoff, sondern auch noch jede Menge anderen Stoff. Abends wäre Party angesagt und man könnte täglich stoned sein. Langsam bedaure ich, dass ich meine Himmelsreise nicht schon viel früher angetreten habe. Und schade auch, dass Stucki-Man nicht hier ist, sondern seine Leserinnen und Leser wohl noch auf der Erde erfreut.
Ich nehme mir also das Fragenpaket vor und mache mich an die Mammutaufgabe. Einfach erscheinen mir die Angaben zum Namen, Geburtsort, Sterbetag. Heikel sind die Fragen nach Religionszugehörigkeit, Kirchenbesuche, Wohltätigkeitsarbeit, Ehrenamt. Verdammt, wer hätte denn je gedacht, dass Gott tatsächlich existiert? Jetzt, mit meinem Wissen, hätte ich natürlich vieles anders gemacht. Schmerzlich bereue ich meinen Kirchenaustritt. Weshalb nur ließ ich mich dazu verleiten, zumal der finanzielle Vorteil äußerst gering war? Eindeutig ein Beratungsfehler meines Steuerberaters, somit nicht meine Schuld. Und warum – ach – warum kam ich nur auf die Idee, den Zeugen Jehovas die Autoreifen aufzuschlitzen? Andererseits, zeugt es nicht auch von schlechtem Management, solche nervtötenden Abgesandte zu schicken? Man stelle sich vor, Chanel oder Gucci gingen mit diesen lausigen Typen auf Kundenfang! Da wäre die totale Firmenpleite bereits vorprogrammiert. Ehrlich, hätte Gott wirklich viele Anhänger rekrutieren wollen, dann hätte sie eher den Clooney und die Klum verpflichten müssen, oder?
Ferner denke ich reumütig an die Köttbriefe (für Nicht-Kölner: Bettelbriefe von Wohltätigkeitsinstitutionen), die von mir, ohne mit der Wimper zu zucken, weggeworfen wurden. Aber schließlich vertraut man sein schwer verdientes Geld nicht irgendjemanden an! Und dass mit dem Mitleid der Leute doch nur Schindluder getrieben wird, zeigen die kriminellen Machenschaften verschiedener Hilfsorganisationen. Eine Mitgliedschaft bei einem dieser dubiosen Vereine gereiche mir jetzt auch nicht zu meinem Vorteil.
So laviere ich mich durch die Bögen und komme zum Abschnitt „Fähigkeiten und Erfolge“. Hier kann ich einiges aufweisen. Minutiös schildere ich meine eingereichten Texte im Schreibforum, erwähne ausführlich jeden einzelnen Kommentar. Immerhin hatte ich pro Text etwa zehn Rückmeldungen. Davon waren fast fünfzig Prozent wohlwollend. Die sieben oder acht ablehnenden Beiträge beliefen sich, wenn man die Gesamtmitgliederzahl zugrunde legt, auf weniger als 3 Prozent.
Auch meine drei Komparsinnenrollen lasse ich selbstverständlich nicht unerwähnt. Zwar wurden meine Auftritte stets aus den Filmszenen herausgeschnitten (schriftliche Proteste blieben jedes Mal unbeantwortet und mangels Geldes konnte ich meine Rechte nie mit juristischer Hilfe durchsetzen), doch die Tatsache bleibt bestehen, dass ich am Set mit dabei war.
Nach unzähligen Blättern mit weiteren, für mich recht sinnentleerten Fragen folgt endlich ein Bogen, der mich Hoffnung schöpfen lässt. Da steht: Welches ist dein größter Wunsch? Vermutlich darf ich mir von meinem weltlichen Leben etwas hochbeamen lassen. Die Antwort muss wohl überlegt sein. Spontan fallen mir mein Notebook, mein Hund und das Cabrio meines Mannes ein. Da ich hier aber weder Bäume noch Straßen sehe, entscheide ich mich für den Laptop.
Endlich, endlich naht das Ende dieser nervigen Fragebögen. Zu guter Letzt wird ein Bibelzitat verlangt. Meine Güte, was erwartet Gott denn? Dass man die Bibel auswendig gelernt hat? Die Schulzeit ist ewig lang her, wie soll mir da etwas Gescheites einfallen? Doch plötzlich streift mich ein genialer Gedankenblitz. Auf meiner letzten Autofahrt hörte ich im Radio die Ansprache von einem Geistlichen. Es ging, wenn ich mich recht entsinne, ums Lukas Evangelium. Da heißt es: Im Himmel wird mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben, umzukehren. Ha, nun kann Gott mal ihre Barmherzigkeit unter Beweis stellen! Eindeutig bin ich eine bekehrte Sünderin. Folglich wird sie sich über mich mehr freuen als über all die frömmelnden Kirchgänger.
Kaum schreibe ich das letzte Wort, steht Gott vor mir. Keine Chance, alles noch einmal durchzulesen und letzte rhetorische Feinheiten auszuarbeiten.
Gespannt beobachte ich Gott, als sie meine Antworten überfliegt.
„Viel steht ja hier nicht“, meint sie schließlich geringschätzig.
Unwillig reiße ich ihr das Paket aus der Hand und will widersprechen. Doch die meisten Seiten sind tatsächlich leer. Ich fasse es nicht. Wo sind meine sorgfältig formulierten Antworten? Die ganze Mühe – umsonst?
„Wir verfahren, übrigens anders als bei deiner Steuererklärung, nach dem weißen System“, erklärt Gott. „Der Fragebogen nimmt ausschließlich Antworten auf, die der Wahrheit entsprechen. Lügen …“
„Ich habe nicht gelogen!“
„… oder Halbwahrheiten bleiben weiß.“
„Du hast mich reingelegt!“ Ich bin fassungslos angesichts eines solch ungöttlichen Hinterhaltes.
Gott schüttelt ihr weises Haupt: „Ich habe mir die Freiheit genommen, dir Fragen zu stellen. Du hattest die Freiheit, sie nach deinen Vorstellungen zu beantworten. Ich glaube, wir sind quitt. Ich konnte mir ein recht gutes Bild von dir machen. Aber abgesehen davon: Denkst du noch an die Zeit? Du hast nur noch zwei Minuten.“
„Schon vergessen? Hier gilt keine Zeit“, widerspreche ich. „Das sind deine Worte! Oder war es eine Lüge oder Halbwahrheit?“
Gott grinst. „Die Abgabefrist für den Schreibwettbewerb beim #kkl läuft in zwei Minuten aus. Wenn du sie nicht verpassen willst, muss deine Geschichte umgehend abgeschickt werden und daher hier enden.“
Ulrike Wessel-Fuchs wurde 1959 geboren. Nach dem Besuch der Volksschule wechselte sie auf das Gymnasium, bestand 1978 das Abitur und arbeitete als Grundschullehrerin. Sie liest gern und schreibt Geschichten, die in verschiedenen Anthologien und im Kölner Stadtanzeiger veröffentlicht wurden. Ihr erstes Kinderbuch heißt „Schaffst du es, Amelie?“ und erschien 2020. Sie arbeitet zeitweise als Komparsin und Kleindarstellerin. Sie lebt mit ihrem Mann, einem Hund und zwei Katzen im Rhein-Sieg-Kreis/Deutschland.
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