Sabrina Binek für #kkl37 „Präsenz“
Buddhas Brot
Einst lebte ein kleiner Müller in seiner klapprigen hölzernen Mühle mit dem kleinen Mühlrad an einem Berghang über einem grünen saftigen Tal. Nahe der Mühle entsprang die Quelle des kleinen Baches, der auch das Mühlrad des kleinen Müllers bewegte. Weiter unten im Tal sollte der Bach zu einem breiten Fluss werden. Dort stand auch die große, aus roten Lehmziegeln gebrannte Mühle des dicken Vetters des kleinen Müllers. Die große Mühle im Tal hatte drei Mühlräder im Flusslauf. Der große dicke Müller beschäftigte mehrere Knechte in seiner Mühle. Fast täglich musste der kleine Müller das Korn der Bauern mit seinem Handkarren den Berg hinauf ziehen, er tat all seine Arbeit allein. Oft schaute er auf den großen dicken Bauern mit Neid. Auch fragte er sich manchmal, ob all seine Plagen diese Sisyphusarbeit wären, von denen sich die Leute oft erzählten. Doch war der kleine Müller von Natur aus ein frohgemuter Gesell mit vielen Ideen. Da er sich keine Gehilfen leisten konnte, tauschte er im Frühjahr beim Bauern im Tal etwas vom Mehl des Vorjahres gegen eine junge Ziege. Diese sollte ihm seinen Handkarren den Berg hinaufziehen. Er baute dem Tier einen kleinen Schuppen neben seiner Mühle, dass es vor dem Wetter am Berg geschützt sei. Die Ziege war sehr jung und bockig. Sie hatte ihren ganz eigenen Kopf. Wieder und wieder versuchte der kleine Müller die Ziege vor den Handkarren zu spannen, doch es gelang ihm nie. Die Wege vom Tal hinauf auf den Berg wurden mit der störrischen Begleiterin nur noch beschwerlicher. Doch der kleine Müller hatte sich bereits an seine neue tierische Mitbewohnerin gewöhnt, so dass er sie bei sich behielt. Sie gab ihm zum Dank jedem Morgen frische Milch. Das Jahr zog ins Land, die Wiesen unten im Tal am Hang wurden grün und saftig, die Bauern bestellten ihre Äcker. Der große dicke Müller schickte die Knechte das Korn zu mahlen und in teurer Jutesäcke zu packen, der kleine Müller schleppte tag ein tagaus das Korn zuerst selbst zu kleinen klapprigen Mühle. Er konnte sich weder Hilfe noch eine Esel oder Gaul leisten, doch eines Tages hörte er davon, dass einem abergläubischen Bauern im Tal ein schwarzes Schaf geboren war, das dieser nun schnellstmöglich vom Hof haben mochte. So ein Schaf hat vier Beine, es kann doch helfen den Karren zu ziehen. Die Farbe des Tieres spielte für den kleinen Müller keine Rolle. Leider war auch dieser mutige neue Versuch nicht von Erfolg gekrönt. Das Schaf war viel zu langsam am Berg, zudem hielt es ständig inne, um zu grasen. Doch auch diesem neuen Mitbewohner schenkte der kleine Müller ein Zuhause an seiner klapprigen Mühle, er baute ein Gatter am grünen Berghang. Nun war auch die Ziege nicht mehr allein, wenn der Müller ins Tal hinabstieg, um seinen Handkarren mit neuen Korn zu befüllen. Der Sommer zog so ins Land. Die Ernte verlief gut, die drei Mühlsteine des großen dicken Müllers mahlten Schrot und Korn. Das kleine klapprige Mühlrad am Hang stand jedoch oft still, je länger der Sommer, umso dürrer wurde das Land. Der kleine Bach an der Quelle war oft nicht stark genug, das Mühlrad zu bewegen. Der kleine Müller versuchte nicht zu verzagen, fast täglich schaffte er trotzdem kleine Ladungen Korn mit dem Handkarren auf den Berg. Im Schuppen, den er für die Tier gebaut hatte, konnte auch die Ernte der Bauern lagern, bis sein Bach wieder sprudeln würde. Oft dachte der kleine Müller an diesen heißen Sommertagen an diesen Sisyphus. Auch neidete er Gewerke, wie das des Dorfschreiberling, wenn er schwitzend den Karren zog. Eines Tag gingen die beiden jedoch eine Weile gemeinsam des Weges, der Schreiberling bot dem kleinen Müller gar seine Hilfe an. So lernte der kleine Müller, dass der Dorfschreiber noch weniger an Brot und Milch hatte als der kleine Müller. Im schönen heißen Sommer erst recht. Alle sind am Tag auf den Feldern, zum Erfrischen am Abend im Fluss und danach zusammen bei Tanz und Wein. Keiner bracht dann Geschichten, das Jahr geht einher wie immer, es gibt nichts Neues zu erzählen
Auch dieses Jahr stricht ins Land und auf die Dürre im Spätsommer folgte eine langer nasser Herbst. Der Bachlauf oben nahe der Quelle war wieder groß und stark geworden. Im Tal hatte sich das Gewässer jedoch zu einem reißenden Strom verbreitert, der das Land der Bauern und vor allem auch die rote Lehmziegelmühle mit den drei Mühlrädern bedrohte. Der große dicke Müller und seine Knechte schaufelten nun Sand statt Mehl in die teuren Jutesäcke. Der kleine Müller konnte endlich seinem Tagwerk in der hölzernen Mühle am Hang nachgehen. Ab und an gesellte sich der Dorfschreiberling zum kleinen Müller auf den Berg und berichtet ihm das Neueste aus dem Tal. Beide teilen gern ihr Weniges an rot und Wein. Auch dem Schreiber ging es nun etwas besser, denn wenn die Tage oder die Zeiten dunkler werden, freuen sich die Menschen über eine gute Geschichte. So kamen sie eines Abends auf diesen Sisyphus zu sprechen.
„Dieser alte Narr rollte jeden Tag seinen Stein auf den Berg, um sein Glück zu finden. Nur um ihn dann ins Tal zurückrollen zu sehen.“, begann der Schreiberling. „Dir vertrauen die Bauern ihr Korn an, dass du auf den Berg hinaufbringst. Und du schaffst gutes Mehl hinunter ins Tal, auf dass Bäcker und Mägde bereits warten. Dein Tagwerk wird geachtet, man schreibt Geschichten über dich und besingt dich in Liedern.“
Der kleine Müller nickte andächtig.
„Deine Mühle hier am Hang ist sicher vor den Fluten im Tal. Du hast eine Ziege, die dir am Morgen Milch gibt. Ein Schaf, das dir Wolle schenkt für Strümpfe und Schal im Winter.“ Der Schreiberling deutete mit der Hand aus dem Fenster der hölzernen klapprigen Mühle: „Du hast einen freien Blick ins Tal, sowie auf die Sterne am Himmel.“
„Und einen guten Freund, der mich daran erinnert, wieviel Glück ich habe.“, lächelte der kleine Müller.
Künstlervita
Sabrina Binek schreibt mit anderen Berliner Autorinnen und Autoren im Rahmen der Volkshochschulen Gedichte, Kurztexte und Romane. Sie tritt auf Poetry Slam- und Lesebühnen auf.
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