Durch die Auen

Martin A. Völker für #kkl37 „Präsenz“




Durch die Auen

Was ist Trauer? Trauer ist das, was keine Zeit zu heilen vermag. Stelle dir die Trauer nicht wie eine Wunde vor, die vernarbt, und deren Übernarbung immer blasser wird. Stelle dir die Trauer wie eine unversiegbare Quelle vor, die ein Bächlein speist, das im Unwetter zu einem gewaltigen Fluss aufschwillt, der die Ufer und Dämme überspült, bis dieser reißende Strom sich in ein träumerisch glucksendes Rinnsal zurückverwandelt. Wie lässt sich der Trauerfluss dauerhaft beruhigen, wie ist er zu bändigen? Im Flussbau geübte Menschen wissen, was zu tun ist. Sie schaffen das Flussbett kurzerhand um, verlegen es, sie begradigen und verschmälern, sie leiten den Fluss durch Betonkanäle, die ihn ins Unterirdische abfließen lassen. Für eine gewisse Zeit hilft das. Alles ist ruhig, der Bach gluckert dort vor sich hin, wo ihn niemand sieht, wo er nicht stört. Bis eben das Unwetter kommt, und das stärker denn je hochschießende Wasser alles zermalmt. Wer trägt die Schuld daran? Ist das Wasser verantwortlich zu machen, oder sind nicht viel eher die Helden der Technik und des ausgeklügelten Wassermanagements zur Verantwortung zu ziehen? Sie haben dem Trauergewässer nämlich das genommen, was es benötigt, um gefahrlos an- und abzuschwellen: Raum. Weise dem Trauerfluss kein neues Bett zu, sondern gib ihm Raum, gib ihm Raum zurück. Die Trauer wird sich ihr eigenes Flussbett suchen. Ich kann nachvollziehen, dass dir die Trauer Angst bereitet. Du kennst den Schmerz, du weißt, was er anrichtet, was er mit dir macht. Deshalb hegst du ihn ein, so umfassend und strikt wie möglich. Doch bedenke: Unter Bleidächern ist die Hitze am schlimmsten. Zudem stellt der Schmerz keine isolierbare Schadstelle dar. Du selbst bist das beschädigte Ökosystem. Der Trauerbach erfüllt dich mit steter Sorge. Mit zusammengekniffenen Lippen stehst du an seinem Ufer. Der Schmerz hat dich still gemacht. Stumm stehst du am Rand des Baches, weil du die Sprache des Wassers nicht verstehst, nicht verstehen willst, da du den wütenden Strom fürchtest. Aber die Sprache des Wassers kannst du erlernen, du musst dich nur entschließen, musst dich dem Wasser zuwenden. Es verlangt nach deiner Aufmerksamkeit. Was hat dir der Bach zu sagen? Was lässt er dich sehen und fühlen, das mehr als Schmerz sein könnte? Schenke dem fließenden Trauergewässer Beachtung. Um deine Präsenz buhlt es. Wandle aufmerksam an den zeichenvollen Ufern entlang, folge den mäandernden Wasserwegen, die dir eine weite und reiche Auenlandschaft aufschließen. Du wirst erkennen, dass das Wasser, je länger du hineinschaust, klarer als gedacht ist, dass es bisweilen lustig plätschert, und du sogar mitlachen musst. Seltene Tiere und Pflanzen bevölkern die Auen. Dort hinten erhebt sich ein Paradiesvogel. Daneben, schon an der Uferböschung, entdeckst du eine einzelne blaue Blume. Sie riecht nach Erinnerung. Ihr Duft ist betörend, sodass er zur Wegzehrung auf deiner Wanderschaft wird. Schreite mit offenen Sinnen durch diese Auen. Ziehe deine Schuhe aus, habe keine Angst davor, wenn das Wasser deine nackten Füße umspielen will. Dein Argwohn gehört von jetzt an den Trockenbaubastarden und Kleingeistklempnern.




Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.

#kkl Kanal Interview HIER







Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar