Raissa Moor für #kkl37 „Präsenz“
Präsenz im Wald
Dunkelheit. Die Abwesenheit von Licht. Die Hälfte der Zeit einer
Erdumdrehung liegt der Planet in Finsternis. Es ist eine einfache Tatsache und trotzdem erfüllt dieser Zustand unzählige Menschen mit Furcht.
Sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, kriechen wir in die Särge zurück, die wir Wohnungen nennen. In jene Räume, die uns Tag für Tag das Geld aus den Taschen ziehen.
Ein jeder schließt die Türen ab, aus Angst, etwas könnte aus der Dunkelheit emporsteigen und die schützende Tür, in tausend Kleinstteile zerfetzen. Ist die Sicherheit doch nicht im Preis der Wohnung mit einbegriffen?
Und du? Jene Trauergestalt, die es verpasst hat, pünktlich Zuhause einzutreffen, im schützenden Licht. Dir folgt die Dunkelheit nun auf Schritt und Tritt.
Das Waldstück, durch das du jeden Tag gehst, wenn du zur Arbeit musst, wirkt plötzlich unsagbar lang. Die Bäume, an denen du oft vorbeigegangen bist, die du in- und auswendig kennst, verwandeln sich in zähnefletschenden Gebilde.
Der Wind wirbelt ihre Arme in deine Richtung und sie versuchen, nach dir zu greifen. Erwischen eine Haarsträhne, ziehen daran. Du erschreckst und drehst dich um, aber da ist nichts. Nichts, was du sehen kannst, denn es herrscht Finsternis.
Das Laub rauscht weiter oben, übertönt jedes weitere Geräusch, das dort sein könnte? Ist da nicht ein Geräusch auszumachen? Ein Rascheln? Eine Präsenz? Schnell weiter.
Der Wind schlägt mit voller Kraft zu und raubt dir für einen Moment den Atem. So viel Luft, dass man selbst keine Luft mehr bekommt und dazu das Geräusch von Schritten, welche näher zu kommen scheinen, das macht dich nervös.
Du läufst in die Richtung, in der du das rettende Licht der Straße erahnst. Nicht mal der Mond leuchtet dir heute den Weg und das Handy hat den Geist aufgegeben. Defekter Akku.
Weiter, einen Fuß vor den anderen. Du musst weg von den Schritten, die sich im Rauschen des Windes tarnen.
Jetzt kannst du sie deutlicher hören.
Du biegst vom vermeintlichen Weg ab, gerätst ins Unterholz und versuchst, parallel zum Pfad zu laufen. Dein Verfolger sollt dich nicht mehr sehen können. Kann er dich denn sehen?
In eine Situation wie diese wolltest du nie kommen.
Du hast dich immer gefragt, warum Leute nachts in ein unbeleuchtetes Stück Wald gehen. Es besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass dort jemand lauert, oder etwas.
Das ist eine Ahnung, die dein Gehirn weiter Angst produzieren lässt.
Wer weiß, was da hinter dir ist? Ein Mörder? Ein Wolf? Ein Bär?
Gibt es noch Bären in Deutschland? Oder hat man schon alle zum Abschuss freigegeben, aus Angst sie könnten uns Menschen gefährlich werden? Eisbären findet jeder toll, wenn der Bär jedoch eine andere Fellfarbe besitzt, erschießt man hin. Total praktisch und auf dieselbe Art kann man es mit dem Wolf halten. Er darf in Deutschland leben, aber wenn er dem Menschen zu nahe kommt, tötet man ihn. Nur wie soll er uns umgehen? Wir sind überall. Ist so ein Verhalten eigentlich eine Form von Rassismus? Vielleicht Arten-Rassismus. Wir Menschen töten einfach alle Arten, die gefährlich sein könnten.
Egal, was es ist, was da hinter dir her schlurft, es ist nicht tot, es lebt.
Du fängst an zu rennen und dein Atem geht schneller. Trotz des starken Windes bilden sich Schweißtröpfchen auf deiner Stirn. Mehrere Äste gehen unter deinem Gewicht zu Bruch. Wahrscheinlich bist du das lauteste Reh, das je geflohen ist. Ein Stock stellt dir eine Falle, du verlierst das Gleichgewicht und schlägst mit der Schulter gegen einen Baum. Dein Pullover zerreißt an einem abgebrochenen Ast und es fühlt sich an, als hätten der Baum und du eure DNA getauscht. Ein Stück Fleisch hängt mit Sicherheit am Ast und anders herum, steckt ein Stück Ast und deiner Haut.
Es schmerzt, aber du musst weiter, vielleicht überlebst du die Nacht sonst nicht.
Deine Schritte werden länger und sicherer, du beschließt die Hindernisse, niederzutreten und dich nicht mehr aus der Bahn werfen zu lassen.
Der Plan geht auf und du legst eine ganz schöne Strecke zurück. Bist du noch parallel zum Waldweg? Keine Ahnung, aber die Schritte hinter dir sind noch da.
Also weiter gerade aus. Dann plötzlich, ein Schlag ins Gesicht. Er kam ohne Vorwarnung und fühlt sich wie der Ast eines Nadelbaumes an. Eine Nadel hat dich ins offene Auge getroffen. Sofort kommen die Tränen und du hältst für eine Sekunde inne. Es muss ein Nadelbaum sein, denn es riecht nach Tanne. Zwangsläufig musst du an dieses Fußbad aus Latschenkiefer Granulat denken.
Dein Gesicht brennt, mit Sicherheit zieren einige rote Striemen deine Haut.
Du richtest dich wieder auf und rennst weiter.

Da dahinten, sind das Lichter? Kann es sein, dass du das Waldstück durchquert hast? Gefühlt rennst du schon ewig durch das Dickicht. Am Tage brauchst du kaum länger als fünfzehn Minuten hindurch. Es kann also tatsächlich Licht am Ende des Waldes sein.
Du rennst, als gäbe es kein Morgen und du willst einen Morgen erleben, da bist du dir ganz sicher. Der kaputte Pullover ist egal, deinen Rucksack hast du immerhin noch auf.
Der Morgen ist das einzige, was jetzt zählt. Du brauchst diesen nächsten Tag, um alles besser zu machen, als du es bisher getan hast. Du willst dir einen Job suchen, den du wirklich magst. Endlich nach Irland reisen, weil du da immer mal hin wolltest. Du willst netter zu deinem Freund sein, der nichts dafür kann, dass du einen Scheißjob hast und immer deine schlechte Laune abbekommt.
Das könnte der neue Morgen bringen, wenn du es aus diesem verdammten Wald schaffst. Wenn nicht, würde dich vielleicht nicht einmal jemand vermissen, weil dein Freund noch sauer ist, da du ihn am Telefon angezickt hast.
Durch das Gegenlicht der Straße siehst du den nächsten Ast kommen und hältst schützende die Arme vors Gesicht. Das Holz schlägt gegen die Ellenbogen und du freust dich, denn das ist besser als ein erneuter Schlag ins Gesicht.
Das Licht kommt näher und gleich hast du den Gehweg oder die Straße erreicht. Es ist dir egal, wo du landest, die Hauptsache ist, du bist am Leben.
Ein Schritt und du bist raus aus dem Schwarz.
Ja! Du hast es geschafft, du bist auf dem Bürgersteig und lebst.
Das orange Licht der Natriumdampflampen umhüllt dich mit einem schützenden Mantel. Mit diesem Umhang aus Sichtbarkeit, kann dir niemand mehr etwas antun. Bei dem Gedanken musst du lachen, doch das vergeht dir wieder, denn da ist das Traben der Schritte zu hören.
Du drehst dich um, zum Wald, und siehst in das Dunkel. Eine Waffe, zur Verteidigung, besitzt du nicht, also greifst du nach einem Stock. Mit einem kräftigen Hieb haust du ihn auf den Boden, um zu sehen, ob er hält, was er verspricht. Und du hast Glück, das Holz ist stabil.
Die Schritte kommen näher. Da! Da kriecht der Verfolger aus dem Dunkel. Ein schwarzes Bein taucht auf, dann ein Zweites, dann seine rote Mähne und der nach hinten grauer werdende Schweif.
Es ist weder ein Mörder noch ein Bär und erst recht kein Wolf.
Ein Fuchs hat dich verfolgt. Zugegeben, es ist ein großer Fuchs, aber er wirkt vollkommen friedlich. Seine Augen schimmern im Licht der Straßenlaternen und er betrachtet eingehend das Stück Holz in deiner Hand. Er legt den Kopf schräg und wartet ab.
Du legst das Holz zu Boden und erwiderst den Blick des Tieres. In deinen Augen und in denen des Fuchses spiegelt sich gegenseitiger Respekt. Keiner von euch trachtet den anderen nach dem Leben.
Der Fuchs gibt einen Laut von sich, eine Art Bellen, jedoch viel höher, als ein Hund bellt. Er blickt sich um, sieht noch einmal zu dir und rennt davon.
Erleichterung breitete sich in dir aus, du fängst wieder an zu lachen.
Eine Frau, die vorbeiläuft, schenkt dir einen kurzen Blick und geht dann zügig ihres Weges. Du lachst, aber dann verwandelt sich dein Lachen in Tränen, du bist glücklich, am Leben zu sein.
Die Schmerzen bahnen sich allmählich einen Weg an die Oberfläche und du realisierst, dass deine Schulter blutet. Mit der Linken hältst du die Wunde zu und fängst an zu rennen.
Dein Ziel ist dein zu Hause. Es liegt ganz in der Nähe. In fünf Minuten bist du dort, läufst die Treppen nach oben, in den zweiten Stock, reist die Tür auf und suchst nach ihm.
Er steht in der Küche und schmiert sich ein Brot.
»Was ist mit dir passiert?«, fragt er und lässt Schmiermesser und Brot auf die Arbeitsplatte klatschen.
Und du musst weinen, denn in seinen Augen kannst du erkennen, dass er wirklich besorgt ist.
»Ich liebe dich«, antwortest du.
»Und ich liebe dich, aber erzähl mir, was dir zugestoßen ist. Du siehst aus, als habe dich jemand gejagt.«
Da verwandelt sich dein Weinen wieder zu einem Lachen. »Das stimmt auch. Ich wurde quer durch den Wald gejagt.«
»Wer hat dich gejagt?«, fragt er.
»Ein Fuchs«, antwortest du.
»Warum bist du quer durch den Wald gerannt, statt den Weg zu nehmen?«, fragt er.
Du lachst und wischt dir mit der blutüberströmten Hand, die die ganze Zeit deine Wunde zugehalten hat, eine Haarsträhne aus dem Gesicht. »Warum, fragst du? Tja, es ist wohl einfach zu schnell dunkel geworden.«
Raissa Moor ist 1990 in Berlin-Neukölln geboren.
Mit 26 Jahren begann sie an einer Geschichte zu schreiben, aus der später ein Roman wurde.Seitdem sind vier Bücher im Bereich Thriller, Krimi, Satire und Lyrik/Erzählung von ihr erschienen. Das Hörbuch zu ihrem Debütthriller »Pein« veröffentlichte sie 2023. Ein weiterer schonungsloser Roman ist bereits in Arbeit.
Berlin ist Schauplatz ihrer Geschichten und zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Werke.
Obwohl die Autorin zeitweise gemischte Gefühle für ihre Heimatstadt hegt, kehrt sie immer wieder dorthin zurück. Das bunte Leben, die Gewalt und die Zärtlichkeit in den dunklen Nischen der Stadt sind eine wichtige Inspiration für die Geschichten von Raissa Moor.
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