Präsenz

Anna Ludwig für #kkl37 „Präsenz“




Äußerst beeindruckend, welche starke Präsenz manche Menschen haben. Sobald so ein Mensch den Raum betritt, richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit ausschließlich auf diese Person. Dieser Mensch sticht aus der Gruppe aus. Er muss nicht einmal sprechen, er ist einfach da.

Solche Präsenz wird auch Attitude oder Charisma genannt. Woher haben diese ausgewählten Menschen sie und warum können alle Menschen sie nicht haben? Ist die Präsenz angeboren oder gelernt? Wo kann man sie teuer kaufen?

Ich mache mich auf die Suche nach der Quelle dieser besonderen Eigenschaft und treffe eine Reihe solcher Menschen. Gerne nehme ich Sie auf die gemeinsame Reise mit, um das Geheimnis zu lüften.

Den Anfang macht der Professor aus einer bayerischen renommierten Universität. Dieser Professor ist ein hochintelligenter, stattlicher, gut angezogener Mann. Er ruht in sich und wirkt als ob er mit sich selbst im Reinen wäre. Heute trägt er seinen Lieblingsanzug aus Tweed von einer englischen Firma mit seinem ständigen Begleiter im Sommer und Winter, dem dünnen grünen Schal, sorgsam doppelt gewickelt um den langen, dünnen Hals. Er steht kurz vor der Pensionierung und ist mit seiner eigenen Lebensleistung durchaus zufrieden. Zwar erwähnt er hin und wieder, dass er keinen Nobelpreis bekommen hat, aber immerhin hat er ein Dutzend Bücher über sein Lieblingsfach „Betriebswirtschaft“ geschrieben. Diese Bücher werden von fleißigen Studenten jedes Semester gekauft und für die Klausuren auswendig gelernt. Auch wenn keiner von Studenten um eine Signatur des Professors bittet, erfüllt es ihn mit einem gewissen Stolz die Studenten im Campus mit seinen Büchern unter dem Arm rennen zu sehen. Seine ruhige, manchmal monotone, in zahlreichen Vorlesungen geübte Stimme ist sein zweites Arbeitsinstrument neben den Büchern. Diese Stimme setzt er gekonnt ein. Wie ein Yogameister wiederholt er immer wieder seine „Mantras“. In den Seminaren schreibt er auf dem Projektor langsam, erlaubt sich Pausen und hetzt sich nicht. Nicht nur bei Studenten, sondern bei seinen Kollegen und Vorgesetzten hinterlässt er einen bleibenden Eindruck. Er fehlt bei keiner der Universitätsveranstaltungen, steht einfach da und strahlt diese unbeschreibliche souveräne Präsenz aus. Wenn er einen Lederwarenladen um die Ecke vom Unigebäude betritt, um ein neues Paar an Lederhandschuhen oder einen neuen Gürtel zu kaufen, geht die Verkäuferin sofort auf ihn zu. Sie lächelt ihn breit an und lässt alle andere Kunden stehen.

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Am Wochenende fahre ich ans Land, um über die gewonnenen Eindrücke nachzudenken. Auf dem Dachgeschoss der Ferienwohnung sehe ich die Gitarren an der Wand hängen. Sie ziehen meine ganze Aufmerksamkeit und ich frage mich, ob solche Präsenz nicht nur bei den Menschen, sondern bei den Gegenständen vorhanden ist. Immerhin ist mir der grüne Schal des Professors und die Haarlocken der Ladenbesitzerin besonders in Erinnerung geblieben. Um weiter dieser neuen Spur der Präsenz zu folgen, melde ich mich zu einer Imagewechselberatung in der Stadt ein. Eine freundliche, schlanke, fesche Frau eines mittleren Alters empfängt mich mit einem festen Händedruck. Ihre Haare sind blond mit einem dunklen Ansatz. Sie erklärt mir später, dass diese Farbe auch ein „Straßenköter-Look“ genannt wird und sehr beliebt ist. Die Beraterin trägt einen kurzen weißen Blazer mit goldenen Knöpfen, eine dicke goldene Uhr einer bekannten Modemarke und passende weiße Hose mit royal-blauen Pumps. Sie fragt mich nach meinem Ziel. Ich erkläre, dass ich auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal bin und auf Andere „präsent“ wirken möchte. Sie mustert mich interessiert und sagt, am besten fangen wir mit ihren Haaren und ändern dann ihre Kleidung, Schmuck und Make-Up. Trocken fügt sie hinzu, wenn ich weg von dem aktuellen Look „einer netten jungen Frau von nebenan“ möchte, einiges opfern muss. Die Imageberaterin legt mir die Farbpalette in die Hände und erklärt, wie sie mich von einem warmen Herbsttyp in einen kühlen Wintertyp verwandelt. Meine kastanienbraunen Locken sollen schleunigst geglättet und in einen dunkleren angesagten Asche Ton gefärbt werden, meine Lidschattenpalette soll von beige-gold-braun in den weiß-silber-grau Ton gehen, meine flachen bequemen sportlichen Schuhe sollen gegen unbequemen Hochabsatzschuhe mit spitzen Nasen eingetauscht werden, meine bequeme Jeans und braun-grüne Oberteile sollen gegen eleganten schwarzen Bleistiftröcke und Kurzblazer mit den Nähten ausgetauscht werden. Die neue Unterwäsche soll meine Silhouette von kurvig-weiblich in gerade Linie zaubern. Selbst meinen Lieblingsschmuck mit Blumenmuster muss ich verabschieden und gegen den überdimensional großen farbigen Anhängerkette und Statement-Ohrringe aus dem italienischen Murano-Glas eintauschen. Eine Woche später habe ich alles von der empfohlenen Liste und traue mich so in der Öffentlichkeit zu zeigen.

An der gleichen Ecke gibt es ein kleines schnuckeliges Restaurant, das internationale Speisen aus aller Welt anbietet. Die Portionen sind klein, für die Großstadt bezahlbar, aber richtig kreativ und bezaubernd. Genauso bezaubernd, wie die Restaurantbesitzerin. Sie ist eine außergewöhnliche, offene, fröhliche und freundliche Person mit den dunklen Haaren im peppigen Afro-Look. Ihr schönes dunkle Gesichtston unterstreichet die geraden weißen Zähne und die volle Unterlippe, die rot geschminkt ist, und damit ein wunderschöner Kontrast zu der ungeschminkten dunklen Oberlippe bildet. Sie begrüßt jeden einzelnen Besucher persönlich, obwohl sie zwei flinke studentische Aushilfen hat. Die jungen Mädchen sind schlank und blond, aber sehr unsichtbar und leise. Sobald das Türglöckchen ertönt, geht die Besitzerin auf die Restaurantbesucher zu und begrüßt sie in allen möglichen Sprachen. Heute singt sie dem Professor und mir ein „Bon jour, Bon Diaz“ entgegen. Ich spreche sie darauf an, warum kein gewohntes „Grüß Gott“ uns gesagt wird. Auf dem Hinweg zu unserem Tisch verrät sie mir, dass sie stets ihre Begrüßung bei den Besuchern mit einem Stichwort endet. Dieser lautet: „Heute ist ein perfekter Tag, um die kulinarische Welt kennen zu lernen!“. Sie berät uns, genauso wie andere Gäste, charmant bei den angebotenen Speisen, macht zwischendurch ein Kompliment über das neue Leder-Accessoire des Professors und lobt unsere Speisewahl und die gesunden Getränke. Sie serviert jede einzelne Speise, als ob ein kostbarer, zerbrechlicher Schatz auf dem dunklen Teller mit dem goldenen Rand sich befindet. Wenn ich mich im Restaurant umschaue, stelle ich fest, dass die meisten Gerichte entweder mit den essbaren Blüten oder grünen Kräuter verziert sind, die so liebevoll und exklusiv die kleine Speise auf dem Teller in das beste Licht bringt. Nach genauem Umschauen, die Attitude der Besitzerin findet sich auch in der Wanddekoration wieder, die mit den zahlreichen kleinen gemalten Bildern aus fernen Ländern zugepflastert sind. Die Decken tragen runde, ovale und bauchigen geflochtenen Leuchten mit einem für die Augen angenehmen gelben Licht. Das bewegt die Besucher unweigerlich zum Träumen über den nächsten oder vergangenen Urlaubsort. Sobald der Geschmack von frisch zu bereiteten vollmundigen Speise sich mit diesem Traum im Kopf neuronal verbindet, kommt ein stimmiges Wohlgefühl hoch.

Erneut treffe ich den Professor, um mit ihm über weitere Kandidaten für meine Recherche zu sprechen. Nachdem ich an seiner Uniraumtür klopfe und reingehe, sagt er trocken, dass er jetzt niemanden mehr empfängt, weil er eine Verabredung hat. Erst nach dem zweiten Blick hebt er seine sonst ruhigen Augenbrauen hoch und fragt, ob ich meinen Beruf in die Bankbranche gewechselt habe. Nach einer kurzen verlegenen Pause lache ich los und sage, dass auf der Suche nach der Präsenz ich wohl falsch abgebogen habe und erzähle ihm von meinem Imagewechselversuch. Wir sind uns einig, dass das Charisma nicht käuflich ist und stempeln dieses Fauxpas als eine Recherchepanne. Dafür beschließen wir, in der Bankbranche nach geeigneten Kandidaten zu suchen. Zum Glück, kennt der Professor aufgrund seiner langen beruflichen Tätigkeit Einige davon. Er arrangiert mir ein Treffen mit einem Aufsichtsratsmitglied.

Als ich im Vorraum eines Aufsichtsratsmitglieds im 10. Stock eines schicken Büros sitze, bereu ich allmählich, dass ich meinen Look wieder auf „nette junge Frau von nebenan“ zurückgedreht habe. Die ganze weiße Einrichtung und teure Wohnassessoires wirken einschüchternd. Die Assistentin bietet mich endlich rein. Die Tür geht auf und ein großer Mann in einem Anzug mit der passenden Weste streckt mir entschlossen die Hand entgegen. Sein Händedruck ist sehr fest und sein Daumen tut mir ein wenig weh. Er schaut mir durchbohrend direkt in die Augen und sagt, ich habe 30 Minuten. Er setzt sich in seinen Ledersessel und stößt seine auf dem Tisch stehende kinetische Tischkugelschaukel an. Mein Stuhl ist ziemlich niedrig und hart, so dass ich das Gefühl habe, wie ein Kind mich strecken zu müssen, um ihn hinter seinem Tisch zu sehen und ohne Rückenschmerzen gerade zu setzen. Er lässt einen schwarzen Kaffee für ihn und einen Kamillentee für mich bringen. Endlich traue ich mich Fragen zu stellen und möchte wissen, wie er so erfolgreich geworden ist. Er rattert seinen Lebenslauf kalt runter und fixiert mich dabei mit seinen dunklen Augen. Ich höre aufmerksam zu und fühle mich von der Kugelschaukel und seinem Gespächsstakkato hypnotisiert. Nach 20 Minuten hört er auf zu erzählen und nimmt einen Schluck Kaffee. Ich atme endlich ein und aus und mein Blick wandert auf ein Foto auf seinem Schreibtisch. Dort ist ein Hund abgebildet. Ich erkundige mich nach dem Haustiernamen. Plötzlich passiert etwas Unerwartetes, seine Gesichtszüge entspannen sich, er lockert seinen Schlipsknoten und nennt mir den Namen seines Lieblings. Seine Stimme bekommt einen anderen Ton und er wirkt nachdenklich, müde und ein wenig sentimental. Meine Angst löst sich in Sekunden auf. Er fasst sich schnell und sagt, „Danke für Ihren Besuch“.

Meine Suche geht weiter.  




Anna Ludwig ist Wirtschaftswissenschaftlerin, die ihre 40-jährige Lebenserlebnisse mit der Welt teilen möchte. Anstelle von Spielzeug hatte sie Unmengen an Büchern in Kinderzimmer. Internationale Arbeitseinsätze bescherten ihr neue Denkweise.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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