Reine Routine

Christian Günther für #kkl37 „Präsenz“




Reine Routine

Es war Pfingsten in Essen-Werden und die Kirmes gastierte auf dem Parkplatz ‚Feintuchwerke‘ nahe den zwei Krankenhäusern und der katholischen Kirche.

»Gestern kam es zu mehreren Handtaschendiebstählen«, berichtete Romina, die Chefin des Reviers Kettwig/Werden. »Ich tippe, unser Freund Schröder ist wieder am Werke. Ihr kennt ihn, er kennt Euch, zeigt Präsenz. Womöglich reicht das schon, um es einzufrieren. In Zivil wie gewohnt, allerdings unauffällig, nicht als Polizisten zu erkennen. Reine Routine, sammelt ihn einfach unspektakulär ein, den Kleinganoven.« So blieben die inzwischen ständigen Begleiter, die Schutzwesten, im Kofferraum des Dienstwagens, bevor wir in das Gedränge vor Ort eintauchten. Musik und viele Stimmen von allen Seiten und in allen Lautstärken. Judith blickte sehnsüchtig auf den Autoscooter, wo es am lautesten war. Ja, das wär was für Ette! Für sie, die bei Verfolgungen gerne das Stabilitätsprogramm des Wagens ausschaltete, um driften zu können. Sie, die mit schnellen Reaktionen und fahrerischem Können ausgestattet war. Die das sogar einmal heimlich bei mir ausgestellt hatte, als ich mit ihr zu einem Einsatz fuhr. Was hatte ich mich erschreckt, als das Heck überraschend zum Überholen ansetzte! Doch ich bestand die von ihr initiierte Übung, fing es mit Gegenlenken ein. Natürlich mit einer für sie typischen Bemerkung mit Augenzwinkern: »Ey, Du kannst ja fahrn wie ‘ne echte Kerle!« »Wenn wir den Schröder ham, spendier ich Dir ‘ne Fahrt«, versprach ich.

»Nur eine?« Sie boxte mir vor den Oberarm. »Samma, bisse knauserig?« »Hunderte«, korrigierte ich.

»Dat klingt schon besser!«

Ich ließ den Blick schweifen. »Seh ihn nich, unseren Hünen, den Schröder. Is et noch wat früh für ihn? Du, wat hältsse von ‘ner Cola?« »Pooft noch, mutmaßlich. Hast töfte Ideen, Nick! Deine Cola zahl ich dann. Aber nur eine, nich hundert! Komm ich günstiger bei weg, ne?« »Et sei Dir gegönnt, jau!« Die Musik vom Autoscooter drang nur in Zimmerlautstärke bis zur Bude hin. Als die Dosen halbleer waren, erklang in geschätzt zwanzig Metern Entfernung eine laute Frauenstimme: »Hey, meine Tasche! Hey!« »Da is er!«, rief ich. Durch seine Größe überragte er die übrigen Leute, und er war der Eiligste der großen Gesellschaft. »Kommt in unsere Richtung!« »Seh ihn«, bestätigte Judith.

»Ich verstell ihm den Weg.«

»Ich komm vonne Seite, etwas dahinter.«

So trennten wir uns, ich ihr einen Klaps auf die Schulter gebend.

Schröder war darauf konzentriert, sich den Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. So sah er mich erst im letzten Moment und stoppte abrupt zwei, drei Meter vor mir. Eine gute Bremsleistung bei der Masse! Der Mittfünfziger hatte eher zu- als abgenommen, schnappte laut nach Luft und sein Gesicht war gerötet. Meine Hand ruhte auf dem Waffenholster, ziehen wollte ich sie bei den vielen Menschen nur im Notfall. Hoffte auf eine friedliche Lösung.

»Fengler, willst Du mir mein Geschäft kaputtmachen?« »Mit Vergnügen, Schröder! Ist mein Job, verstehsse?« Judith verharrte einige Meter hinter ihm. Menschen traten zur Seite. Wie in einem Boxring standen wir da. Der Verdächtige wie ein Schiedsrichter zwischen uns. Nur dass das Publikum ruhiger war, nicht anfeuerte.

»Sind zu zweit, Schröder«, teilte sie ihm mit ernster Stimme mit. »Sei vernünftig!« Was würde Schröder tun? Er blieb beharrlich stehen. Prüfte er seine Optionen?

Ein junger Bursche trat plötzlich zwischen ihn und Judith, rempelte die Partnerin mit den Worten »Scheiß Polizei!« an. Ich sah ein Messer, die Klinge glänzte.

Schröder merkte, dass ich von ihm abgelenkt war, und flüchtete in Richtung Autoscooter. Ich stand wie angewurzelt, nichts funktionierte! Nur meine Augen schienen zu arbeiten und gaben die Eindrücke an das Gehirn weiter. Ansonsten verharrte ich stockstarr. Was passierte hier? War das real? Warum konnte ich nichts tun? Was hatte Judith schon alles überstanden, seit ich mit ihr auf Streife war?

Bei der Fahrt auf die Motorhaube geklettert, um von dort abzuspringen und Schulkinder in einem führerlosen Bus vor schweren Verletzungen zu retten. Der Faustkampf mit einer Verdächtigen, nach dem ihr halbes Gesicht ein einziges Hämatom war. Wie überrascht sie der Juwelier damals ansah, als wir wegen der Eheringe bei ihm waren: So einen Schläger wollte diese Frau heiraten? Der heftige Crash, als sie vor meinen Augen den BMW fünf Meter hangabwärts spektakulär zwischen Bäumen parkte, diesen im Gegensatz zum Wagen unverletzt überstand. Die Rettung in letzter Sekunde an der Firma bei Neuss, gefesselt, mit diversen Platzwunden, mit gebrochenen Rippen und gebrochener Nase.

Judith, Du mutige Frau auf Augenhöhe! So zeitgemäß gleichwertig, wie es im 21. Jahrhundert sein sollte. Du liebenswerter Frechdachs, gebürtig aus Rüttenscheid, um keinen Spruch verlegen. Fäkalsprache vermeidend, denn gerade dieses hätte eine starke Frau nicht nötig, das stets Dein Credo.

Es ging so schnell, so überraschend, und das nicht nur für mich. Das Messer wieder verschwunden. Judith öffnete Augen und Mund weit, bevor sie zusammensackte. Sah sie zu mir mit dem Gedanken, warum tut der nichts und schaut nur zu?

Der Bursche verschwand so schnell in der Menge, wie er aus dieser aufgetaucht war. Niemand hielt ihn auf. Judith lag zusammengekrümmt regungslos auf dem Boden. Lebte sie noch oder …?

»Neiiin!«, schrie ich.

Ich bekam einen heftigen Stoß vor die Brust.

»Niiick! Ich möcht poofen! Wat plärrsse rum? Et is tief inne Nacht!« Zum Glück nur ein Stoß, keine Stichwaffe! Ich schüttelte den Kopf und atmete kräftig aus, sortierte die Gedanken. »Hab nur schlecht geträumt, Judith«, resümierte ich nach mehreren Sekunden besänftigend. »Entschuldigung, ich wollte Dich nich wecken.« »Schlecht geträumt? Dann kann ich nich Teil Deines Traumes gewesen sein, Nick. Also, poof weiter! Wir müssen morgen fit sein für den Großeinsatz. Für die Razzia, bei der wir routinemäßig bei der Absperrung aushelfen.« »Gut Nacht, Judith!« Ich legte meinen Arm um sie und zog sie zu mir heran. Drückte sie fest, ganz feste. So feste es ging.

Sie nahm das Angebot an. »Verziehen«, murmelte sie und drückte mich ebenfalls. »Bist doch mein Lieblingsbulle, nich?«

Anmerkung: Angriffe auf Polizistinnen und Polizisten, ebenso auf Rettungskräfte/Feuerwehr, mehren sich und zeigen, dass alle diese Leute, die im Grunde für unsere Sicherheit und für unsere Gesundheit einstehen, einem gefährlichen Beruf nachgehen und unverständlichen Risiken ausgesetzt sind. Selbst Alltagssituationen können einen unerwarteten Verlauf nehmen: Sie stehen ungerechtfertigten Beleidigungen, unnötigen Anfeindungen und erschreckender Gewalt gegenüber.





Nachtwache

Die Beine liegen auf dem Tisch, zurückgelehnt etwas essen und trinken, während der Blick parallel auf den Fernseher gerichtet ist – ja, so mag sich mancher die Nachtwache in einem Altenheim vorstellen, schließlich schlafen Menschen nachts für gewöhnlich.

Stunde um Stunde Langeweile. Präsenz nur auf Abruf. Doch ist das wirklich so? Was viele nicht wissen: Es ist im Nachtdienst erlaubt, dass eine Pflegekraft bis zu fünfzig Pflegebedürftige betreut. Ich nehme Sie gerne für ‘nen kleinen Dienstabschnitt mit …

In nahezu jedes Zimmer auf dem langen Gang einmal hineingeschaut, Tabletten verteilt, Getränke und Zwischenmahlzeiten angereicht, stehe ich nun bei der letzten Bewohnerin.

Frau Rasend-Schnell hat den Fernseher an. »Der Semir hat jetzt eine Partnerin«, meint sie.

Ich heb meinen Daumen und nicke. »Zur Zeit die wichtigste weibliche Rolle im deutschen TV! Gut ausgewählt, die Pia! Stark und mutig, dabei absolut menschlich dargestellt. Hab einige Autogramme von ihr.« Bevor Frau Rasend-Schnell etwas dazu äußern kann, geht die Schelle an.

»Jetzt beginnt meine Action«, bemerke ich.

»Nur müssen Sie alles allein bewältigen«, antwortet sie mitfühlend. »Sie haben keine Partnerin, die Ihnen die Hälfte Ihrer Arbeit abnehmen könnte.« »Bei dem langen und verwinkelten Gang wär ein Dienstwagen schon eine gute Hilfe. Um schneller von einem Ende zum anderen zu gelangen.« Frau Rasend-Schnell schmunzelt.

»Mit fähiger Fahrerin, natürlich«, füge ich noch hinzu.

»Dann gute Fahrt sowie ruhige Schicht, Herr Pfleger!« Ich bedanke mich und schaue auf das Display. Die Idee mit dem Dienstwagen ist gar nicht so schlecht: Ich muss zum entgegengesetzten Ende der Station. Mit dem realen und definitiv weniger wendigen Dienstwagen, dem Pflegewagen, mache ich mich auf den Weg.

Auf mich wartet eine größere Herausforderung, wie ich feststelle. Frau Führap hat Probleme mit der Verdauung, vier Tage nicht abgeführt. Als Bedarf erhielt Frau Führap morgens einen Einlauf, das sind etwa zweihundertfünfzig Milliliter durchsichtige Flüssigkeit. Zeigten sich tagsüber noch keine Auswirkungen, kommt es nun in x-facher Menge und in einer dunkleren Farbe wieder heraus. Ein Wunder, dass es nicht aus dem Bett tropft. In dem Ausmaß sogar für mich neu, und ich bin schon lange in der Pflege. Etwas später gestartet als Semir bei der Kripo Autobahn. Er hatte sein 25. Dienstjubiläum bereits, bei mir steht es bald an. Zumindest ist Frau Führap ein eher zartes Geschöpf, ich kann sie allein versorgen. Wird halt seine Zeit in Anspruch nehmen.

Als Erstes brauche ich Materialien. Bevor ich mir diese zusammensuchen kann, geht eine Schelle los. Wer ist das nun? Frau Freundlich, eine orientierte Selbstständige. Als ich auf den Flur trete, sehe ich auf dem Display eine weitere Schelle. Frau Betterl-Pfanne muss wohl zur Toilette, was bei ihr Steckbecken bedeutet. Sie hat also ein dringendes Bedürfnis, aber Frau Freundlich schellt sonst nicht. Ist ihr etwas passiert, ist sie eventuell gestürzt und meldet sich deshalb? Als Erstes zu ihr? Gleichzeitig liegt ja noch Frau Führap in ihrem flüssigen Stuhl. Ich sehne mir doch einen schnellen Dienstwagen nebst Fahrerin herbei.

Die Tür von Herrn Rennwegg steht offen! Er ist dement und hat die Tendenz zum ziellosen Laufen. Findet das eigene Zimmer nicht, geht in fremde. Ob mir die Kripo Autobahn bei der Suche helfen würde? Alarm für Cobra 11! Vicky/Semir, für gerade etwas gestresste Pflegekraft: Vermisst wird Herr Rennwegg? Ich hab nur zwei Hände und zwei Beine, und teilen kann ich mich nicht.

Da seh ich ihn aus dem Aufenthaltraum kommen und atme erleichtert auf. Den bringe ich als Erstes zurück, in der Hoffnung, dass er dann auf seinem Zimmer bleibt. Wer weiß, woher ich ihn sonst holen muss. Wir sind keine geschlossene Einrichtung, er könnte ebenso auf die Straße nach draußen laufen. Alles schon gehabt, mit vielen uniformierten Kolleginnen und Kollegen der städtischen Polizei vor Ort.

Ihn wieder ins Bett gelegt, leuchten nun drei Schellen auf. Frau Kleinlich, die öfters für Kleinigkeiten schellt, und ich habe nach wie vor die zwei anderen und Frau Führap liegen. Zwar ist das Zimmer von Frau Freundlich am weitesten entfernt, aber bei ihr schaue ich zuerst vorbei, dann der Toilettengang mit Frau Betterl-Pfanne, und Frau Kleinlich zum Schluss.

Erleichterung, Frau Freundlich sitzt auf der Bettkante. Sie ist nicht gestürzt. In ihrer Hand hält sie eine Wasserflasche. Die sind zum Teil echt fest verschlossen, selbst ich brauch einige Sekunden, um den Verschluss aufzubekommen.

Im Bad von Frau Betterl-Pfanne ist das Steckbecken deponiert. Normalerweise habe ich Einmalhandschuhe bei mir. Tatsächlich, da ist noch einer in meiner Gesäßtasche! Durch das lange Warten kommt der Urin nicht sofort, fast zwei Minuten verstreichen, bis ich das Gefäß entleeren kann. Zum Desinfizieren nehme ich es das nächste Mal mit, beschließe ich. Wegen so einem Verbrechen werde ich sicher nicht von der Kripo verhaftet.

Was hat Frau Kleinlich dieses Mal? Ich öffne die Tür zu ihrem Zimmer. Sofort beginnt sie, mir ihr Anliegen entgegenzurufen. Der Spätdienst hat versehentlich vergessen, ihre Zahnprothesen herauszunehmen und mit Reinigungstablette ins Wasser zu stellen. Ein Handschuh käme jetzt toll, aber meinen letzten habe ich eben verbraucht.

Der Pflegewagen mit der Schachtel steht vor dem Zimmer von Frau Führap, ich teile Frau Kleinlich mein Vorhaben mit. Die Mahnung, sie nicht zu vergessen, geht in einem Ohr hinein und im anderen heraus. Einmal links, einmal rechts und wieder links, hier ließe sich mit dem Heckantriebler echt toll driften! Auf dem Rückweg zum Zimmer öffnet sich die Tür von Herrn Rennwegg, der also immer noch nicht schläft, sondern voller Tatendrang ist. Bitte, schlafen Sie jetzt, ich lege sie noch einmal hin!

Die Ohren auf Durchzug gestellt, betrete ich das Zimmer von Frau Kleinlich. Sie murmelt irgendwas von: Ich hätte aber lange gebraucht. Wasser und Prothesen hab ich, aber wo sind die Tabletten hin? Sicher aufgebraucht und keine neuen aus dem Schrank geholt. Nein, dort steht keine weitere Verpackung, die Tochter hat noch keinen Nachschub gekauft. Natürlich bin ich daran Schuld, ich ziehe mich nach einer Minute aus der Diskussion zurück. Lassen Sie mich doch verhaften! Frau Führap wartet schließlich auf mich, möchte endlich wieder sauber sein.

Die Waschschüssel ist gefüllt, Lappen und Tücher liegen bereit, eine neue Vorlage und Wäsche ebenfalls, doch etwas fehlt. Wo ist der Wundschutz hin? Mein Blick sucht das Zimmer ab. In Bad und Nachttisch ist keine Creme, als es einmal rummst. Nachts hört man viel mehr als tagsüber, und das war ein heftiger Rumms. Was ist passiert? Ist Herr Rennwegg wieder aufgestanden? Hat er was umgestoßen oder ist selber gefallen? Oder ist jemand anderem was passiert? Theoretisch müsste ich jetzt jedes Zimmer kontrollieren.

Das Stationshandy meldet sich, die Kollegin der Etage über mir ist dran. Bei ihr ist jemand schwer gestürzt und blutet, zudem eine unnatürliche Stellung ihres Beines. Ein Rettungswagen muss gerufen, dazu der Überleitbogen gedruckt und die Versichertenkarte bereitgelegt werden. Möglichst noch ein Koffer mit Wäsche und Pflegeutensilien. Gleichzeitig muss jemand bei der Verletzten bleiben und dem Rettungsdienst die Tür geöffnet werden. Zwischendurch, je nach Schelle, diese parallel abarbeiten. Auf beiden Stationen und ohne Dienstflitzer, versteht sich.

Wenige Minuten später steht dafür der Dienstwagen der Rettung mit flackernden Lichtern vor der Tür. Zwei Sanitäter kümmern sich liebevoll um den Pechvogel. Bereits bei Berührung des Beines tut es ihr weh. Gesicherte Diagnose Oberschenkelhalsbruch, die blutenden Wunden sind nur oberflächlich. Es nützt nichts: Ein Notarzt muss hinzugezogen werden, der ihr erst einmal etwas gegen die Schmerzen gibt, bevor sie auf die Trage kommt. Die Einlieferung ins Krankenhaus ist unumgänglich, den Sohn informieren, und auf beiden Stationen sind nach wie vor Lichterwochen. Ich mag lieber blaue statt rote, auf dem Dach statt an der Wand! Was ist heute los, haben wir Vollmond?

Außer Atem stehe ich wieder auf meiner Station vor dem Pflegewagen. Ich lenke mich kurz mit dem Gedanken daran ab, würde er mit dem Dienstwagen der Kripo Autobahn kollidieren. Säh sicher spektakulär aus, nur: Wer räumt das ganze Material danach wieder auf? Zumal ich einen anderen Einsatz habe.

Das Waschwasser bei Frau Führap ist nach der halben Stunde längst abgekühlt. Ich hole mir neues. Wundschutz habe ich mir nach kurzer Fahndung bei Herr M. „geliehen“ – die Einträge beim polizeilichen Führungszeugnis werden immer mehr! Ein Blick zur Tür, nein, Vicky und Semir stehen nicht mit Handschellen im Rahmen.

Die Bewohnerin hat traurig, aber geduldig auf mich gewartet. Weshalb ich wegmusste, hat sie verstanden und wie sich herausstellt, kennt sie die Betroffene sogar, hat früher in derselben Straße gelebt. Ihr tut sehr leid, was der früheren Nachbarin passiert ist.

Endlich ist Frau Führap wieder sauber, neu bekleidet und liegt in einem frisch bezogenen Bett. Sie bedankt sich überschwänglich. Doch es wird nicht meine letzte Rettungsmission bei ihr gewesen sein diese Nacht, dessen bin ich mir sicher.

Essen und Trinken tät jetzt wirklich gut. Aus der Flasche habe ich zum ersten und einzigen Mal nach der Übergabe getrunken, das ist gut anderthalb Stunden her. Nicht zu trinken, da bekomme ich schnell Kopfschmerz.

Ich beiße voller Genuss einmal in das Butterbrot hinein, da geht schon wieder eine Schelle an und vom Gang aus fragt jemand »Hallo?«. Das ist Frau Eule, die die Nacht gerne zum Tag macht. Bisher geschlafen, ist sie nun wach und wird vermutlich jede Viertelstunde kommen und abhängig von der Uhrzeit, die sie ablesen kann, nach Mittag, Kaffee & Kuchen oder Abendessen fragen. Zum Glück ist hier nachts kein Straßenverkehr, sie wär wie Herr Rennwegg in großer Gefahr, angefahren zu werden.

Die Nacht ist noch lang, von den zehn Stunden Dienst nicht einmal ein Viertel rum. Ebenfalls lang ist der Gang, denn das Haus hat auf jeder Station neunundvierzig Pflegebedürftige. Gerade wenig genug, um nur zwei Pflegekräfte nachts haben zu müssen – und: Es heißt übrigens Nachtdienst, nicht Nachtwache!





Christian Günther wurde 1979 in Essen geboren. Er ist gelernter Industrie-Technologe und examinierter Altenpfleger. Schon in jungen Jahren veröffentlichte er Zeitungsartikel und Bücher.

Seit 2022 geht sein Essener Ermittlerduo Judith Reiter & Nick Fengler mit Ruhrpott-Slang und gleichberechtigt als »Die zivilen Fahnder/innen« auf Streife, als Krimiserie und in Kurzgeschichten.

Bereits erschienen sind Staffel 1 mit den ersten acht Fällen (2. Auflage, Mai 2023, 348 Seiten, neue ISBN 9783757867843) und eine begleitende Anthologie (1) mit kurzen Krimis (Juli 2023, 160 Seiten, ISBN 9783757840150).

Für das Frühjahr 2024 ist die Fortsetzung mit Staffel 2 geplant.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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