Robert Höpfner für #kkl37 „Präsenz“
Wie macht sie das bloß?
In dem Mietshaus, in dem ich vor Jahren eine Zeitlang wohnte, gab es eine Frau, die einen Stock unter mir wohnte. Sie lebte allein und schätzte sie auf Mitte vierzig. Ihr Äußeres war ansprechend, ohne auffällig zu sein, sowohl was ihr Aussehen als auch ihre Kleidung angeht. Diese Frau – dass hatte ich nach einer gewissen Zeit herausgefunden – verließ morgens um acht Uhr das Haus und kam gegen sechszehn Uhr nach Hause; sie musste also berufstätig oder zumindest irgendeiner Beschäftigung nachgegangen sein – wo und was, dass zu erfahren, war mir nicht möglich. Dass lag vor allem daran, dass die Frau jeden Kontakt scheute und schon gar nichts über sich erzählte. Aus ihrer Wohnung drang all die Jahre kein Laut und ich sah auch nie, dass sie abends nochmal das Haus verlassen hätte. Auch an den Wochenenden und Feiertagen war von ihr nichts zu sehen.
Ich war noch keinen Monat in meiner Wohnung, da stellte ich mir zum ersten Mal diese Frage: Wie macht sie das bloß, wie kann sie so zurückgezogen und alleine leben? Um ganz sicher zu gehen, dass sie wirklich zu Hause war, ging ich nachts nicht nur einmal vor das Haus und sah hinauf zu ihrer Wohnung, die im zweiten Stock lag. Meist brannte nur in einem der Fenster Licht und das ging pünktlich um 22 Uhr aus.
Man könnte nun annehmen, dass sich ein solche Person vernachlässigt. Doch das traf nicht zu, denn zwei Mal die Woche und zwar dienstags und freitags, kam sie beladen mit einer großen Einkaufstasche; im Sommer hingen an der Brüstung ihres kleinen Balkons mehrere Kästen mit Geranien.
Mit der Zeit bedrängte mich immer mehr die Frage, wie sie bei ihrem Lebenswandel – obwohl wegen dies Fehlens von jeglicher Abwechslung das Wort Wandel streng genommen unzutreffend ist – mit der Einsamkeit zurechtkommt, ob sie unter Vereinsamung leidet. Und wenn ja, wie macht sie das bloß. So war es mir auch unerklärlich, wie sie es fertigbrachte, ihre Urlaube zuhause zu verbringen, denn ich sah sie nie verreisen. Es gab auch keine Anzeichen, dass sie Ausflüge machte und wären sie noch so kurz. Dass sie kein Auto besaß, konnte nur bedingt ein Grund sein.
Trotz ihrer Zurückgezogenheit blieb es freilich nicht aus, dass wir uns hin und wieder im Treppenhaus oder am Hauseingang über den Weg liefen. Geradezu freudig ergriff ich solche Gelegenheiten, sie anzusprechen und Worte aus ihr hervorzulocken. Und zu meinem großen Erstaunen ging sie stets freundlich darauf ein. Dabei zeigte sie zwischendrin ein sehr einnehmendes Lächeln. Sie war nie Eile, sondern strahlte im Gegenteil jene Art von Ruhe aus, die ich gerne hätte. Nach solchen Begegnungen fragte ich mich erst recht, wie sie das bloß macht.
Im zweiten Jahr machte ich einen längeren Urlaub. Als ich zurückkam, erlebte ich eine Überraschung, die mich erschütterte. Ich entdeckte bei der Ankunft am Haus, dass an den Fenstern jener Frau keine Vorhänge mehr waren. Überdies brannte – obwohl es erst einundzwanzig Uhr war – in keinem der Fenster Licht. Dass beunruhigte mich derart, dass ich panikartig hinauflief und bei meiner Wohnungsnachbarin klingelte, mit der ich immer wieder mal einen Plausch führte. Als sie öffnete, überfiel ich sie mit der Frage:
„Wissen Sie, was mit der Frau unter mir los ist?“
Trotz meines Überfalls reagierte die Frau gefasst, so als hätte sie mit meinem Kommen gerechnet: „Die ist vorige Woche ausgezogen.“
„Ach, so plötzlich, wieso denn das?“
„Also, dass ist weil…“ antwortete sie und stockte dann.
„Jetzt sagen sie schon, sie wissen doch was.“
„Na gut, aber das wird Ihnen vielleicht nicht gefallen. Soviel ich weiß, ist sie fortgezogen, weil sie sich von Ihnen beobachtet gefühlt hatte. Sie hat dafür ihren Urlaub abgewartet, von dem sie ihr wohl man erzählt haben müssen.
Ich war konsterniert. Aus meiner Verständnisfrage ´Wie macht sie das bloß?´ wurde augenblicklich die Unverständnisfrage ´Warum hat sie das gemacht?´.
Auch wenn ich mich die Tage danach wieder beruhigt hatte, belastete es mich zusehends, dass ich das Erlebte nicht aus dem Kopf bekam. Und in Vertrautheit der gewohnten Fragestellung münzte ich den Satz gebetsmühlenartig um in ´Wie mache ich das bloß?´
Robert Höpfner
Robert Höpfner, geboren 1954 in München und seit 1981 in Grassau/Chiemgau, dort bis 2018 Geschäftsleiter der Marktgemeinde; seitdem Vorstand der Wolfgang-Sawallisch-Stiftung zur Förderung begabter Nachwuchsmusiker; Initiator des Literaturwettbewerbes ´Grassauer Deichelbohrer´.
„Ich schreibe seit 40 Jahren Lyrik, lyrische Prosa, Erzählprosa, Erzählungen, Essays; Plus ein Roman. Mehrere Buchveröffentlichungen in verschiedenen Verlagen (Allitera Verlag, Kleine Schritte Verlag, Geest Verlag, Verlag tredition u.a.); zudem Veröffentlichungen in Anthologien, u.a bei Reclam“.
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