Fernwirkung

Birgit Glombitza für #kkl37 „Präsenz“




Fernwirkung

Sie hatte erwartet, dass so etwas ganz schnell ging. So schnell, dass sie danach gar nicht mehr wüsste, ob es wirklich geschehen war. Tatsächlich ging es sehr langsam. Und trotzdem wusste sie nicht, ob es sich auch in der Reihenfolge ereignete, die sie sich gemerkt hatte. Oder ob ihre Erinnerung einer eigenen Ordnung folgte. Eine, die ihr Hirn brauchte, um fallende Körper zu begreifen. In diesen Sequenzen jedenfalls sah sie sich selbst nur von hinten. Ihren Rücken und die Beine durchgespannt, die Hände gerade nach unten, wie bei den Greifarmen einer Playmobilfigur. So hatte sie sich gefühlt, das wusste sie noch. Steif und glatt und humanoid. Und etwas anderes wusste sie. Dass sie in diesem Moment irgendwie die Zeit gefunden hatte, sich an früher zu erinnern. Als sie in der Schule über die Relativitätstheorie geredet hatten und sie kurz glaubte, etwas verstanden zu haben. Sie hatte vergessen, was sie verstanden hatte, aber sie wusste noch genau, welches Beispiel es war. Wenn man in einem stehenden Zug am Fenster sitzt und nebenan einen anderen Zug sieht, der anfährt, glaubt man rückwärts zu fahren. Man glaubt es wirklich, und dann, wenn der Zug weg ist und man seinen Blick an irgendeinem Punkt stabilisieren kann, verschwindet das Gefühl wieder, und man muss sich vergewissern, dass man es ganz klar gespürt hat, wie der Zug rückwärts gefahren ist, weil es einen leicht in den Sitz gedrückt hat, wegen der Beschleunigung.

Tom stand auf dem Balkon. Rechts von ihr. Hinter ihm der Herbsthimmel über dem Parkplatz. Er hatte ihr den Kopf zugedreht. Sein Körper zeigte keinerlei Spannung. Weder zur Abwehr eines Unglücks noch zur Erledigung eines Vorhabens. Seine Knie gaben nach, der Torso kippte nach vorn, wickelte sich um das Geländer, die Beine kamen nach. Sein Gesicht wellte sich zu einem vagen Relief. In ihrer Erinnerung war nichts in diesem Ausdruck zu finden. Kein Entschluss, keine Verzweiflung. Nicht einmal Überraschung, über das, was nun kam. Oder darüber, dass sie aufgetaucht war, wo sie doch längst auf dem Weg sein sollte. Nein, da war nichts.

Anne hatte Tom bei ihrem neuen Job kennengelernt. Er war im Archiv einer Be-hörde, sie in der Presseabteilung. Sie hatte zuvor selbstständig gearbeitet. Weil sie sich mit Dingen beschäftigte, die sie wirklich mochte, ohne Anstrengung, Dringlichkeit oder Bedeutung für andere, mochte, fühlte sie sich privilegiert. Nicht in einem klaren Arbeitsverhältnis zu sein, sich aus Zusammenhängen raushalten zu können. Als freie Was-auch-immer. Von Projekt zu Projekt, wie alle um sie herum. Um sich der Vorzüge dieser Existenzform wieder bewusster zu werden, hatte sie entschieden, eine Weile angestellt zu arbeiten. Um es auszuprobieren mit den Zusammenhängen, um sich etwas mehr leisten zu können, um wieder zurückzukehren und dann zufrieden zu sein.

Nach ein paar Wochen fand sie, dass Tom gut roch und dass sie es ernst meinte. Wenn er neben ihr schlief, wurde sein Gesicht schattig und haarig und irgendwie allgemein gültig. Sie lauschte, wie sein Atmen auf ihrem durch die Nacht gondelte. Bevor am Morgen wieder eine wortlose Fremdheit aufzog. Es musste unsicher und jedes Mal aufs Neue gewünscht bleiben. Eine pragmatische Romantik. Mit der Zeit sank der Spannungswert der Distanz, die Nähe entspannte sich. Anne registrierte es und fand sich erwachsen. Sie schätzte nun die Gleichförmigkeit ihres Daseins. Mit sich. Mit Tom, ein- bis zweimal die Woche. Manchmal erinnerte sie sich an früher wie an einen schlechten Film, den sie vor langem gesehen hatte. An die zittrige Anstrengung, aktiv zu sein. Unaufhörlich von neuen Vorhaben zu sprechen und Auskünfte über Abgeschlossene in laufende Gespräche zu rühren. Sie vermisste es nicht. Auch nicht dieses demütigende Gefühl, einen Sommertag nicht zu Hause verbringen zu dürfen, weil eventuell draußen etwas passieren könnte. Sie genoss es, beim Rauchen aus dem aufgesperrten Fenster in die Räume der Nachbarschaft zu spähen, nach der Arbeit die eigenen Umrisse loszulassen und erst am nächsten Morgen wieder Kontur anzunehmen.

Tom war nie traurig, sondern erschöpft. Nicht verknallt, sondern zufrieden. Er schätzte die Menschen in seiner Nähe wie ein weich getragenes Sweatshirt, das mit ihm alterte. Seine Höhenangst war sein einziges Außer-sich-sein. Auf Brücken bewegte er sich wie ein Astronaut auf exterrestrischem Gelände. Für Anne hatte Toms Akrophobie mit der Angst vor Bedeutungs-, und Kontrollverlust zu tun. In ihrem Kopf unterstellte sie eine Sehnsucht nach ihr. Einmal hatten sie sich über das Schwereempfinden im Weltall gestritten und Google zur Schlichtung hinzugezogen: „Die Schwerkraft äußert sich in der gegenseitigen Anziehung von Körpern. Sie nimmt mit zunehmender Entfernung ab, besitzt aber unbegrenzte Reichweite. Sie ist eine ohne Zeitverlust durch den leeren Raum wirkende Fernwirkungskraft.“ In der Relativitätstheorie entspricht die Gravitation einer „Krümmung der vierdimensionalen Raumzeit“.

Tom war elastisch. Auch körperlich. Ohne die Hände zu benutzen, konnte er seine für den massigen Körper seltsam schmalen Beine zum Lotussitz falten. Er war ein Barbapapa, er konnte alles sein, in ihrer Vorstellung. Ein anspruchsloser Bekannter oder jemand, dem man einmal in einer Kassenschlange begegnet war und an den man sich noch lange Zeit mit dem Gefühl eines erheblichen Versäumnis erinnerte. Er konnte wunderschön sein und in anderen Augenblicken war er nur blass und wirklich unbedeutend. Anne glaubte, Tom war so dehnbar, weil er eigentlich gar nicht da war. Nichts war, was sie wirklich gesehen hatte.

Im Juni hatte sie John bei einem Abendessen mit Freunden kennengelernt. Er war Philosophie Professor. Er bringe reichen Kids Institutionskritik bei, sagte er. Und Anne dachte: Idiot. Irgendwann dachte sie überhaupt nichts mehr, sie schaute ihn an, er schaute zurück, ohne Flirt, ohne Schmalz. Seine Augen waren nichts Besonderes, vielleicht waren sie grau. Sex mit John war wie mit einem Feuerwehrauto einmal um den Häuserblock fahren. Danach war Anne auf seltsame Weise nüchtern. Überklar nüchtern. So klar, wie man im Leben eigentlich nicht sein möchte, dachte Anne. John grinste sie an, und drehte ihr eine Zigarette. Anne fühlte sich seltsam, weil ihr die Erinnerung an Toms Körper entglitt. Alles in Ordnung? – Ja. – Sicher? Du wirkst ein bisschen traurig. – Ich bin nicht traurig. Ich bin gemein.

In diesem Spätsommer war es auch abends sehr heiß. Die Sonne war weg, die Wärme blieb. Sie stand in den Zwischenräumen der Häuser, in den Eingängen, in den Treppenhäusern. Anne saß in Unterwäsche zuhause am Fenster und rauchte. Auf dem kleinen Vorsprung, der zu winzig war für um darauf zu stehen, stand noch der Blumenkasten einer Vormieterin. In ihm wuchsen grüne Stängel mit winzigen weißen Blüten. Anne hatte den Kasten nie gegossen. Trotzdem war da immer etwas, wurde größer und knickte irgendwann nach rechts und links ab.

Zwei Wochen nachdem sie John getroffen hatte, kam Tom aus Portugal zurück. Sie trafen sich in dem Park am Bahnhof. Sie erinnerte sich, es war heiß. Viel Licht, Schatten, ein Himmel mit schnellen Wolken. Sie machten nicht Schluss an diesem Nachmittag, sie hatten sich nichts versprochen, nichts gestanden. Nur stumm gezweifelt. Dann erzählte Tom beiläufig eine Geschichte. Er erzählte sie wie jemand, der woanders ist oder auf dem Weg dahin. Er erzählte nichts Beliebiges, aber auch nichts, was ihn hätte aufhalten können. In dieser Geschichte war er jung, hing in einer WG ab und begann irgendwann halbherzig ein Jura-Studium. Anne versuchte sich vorzustellen, wie er damals ausgesehen hatte. Er hatte ihr einmal ein Foto aus dieser Zeit gezeigt. Da saß er hinter einem Lenkrad in einem Auto. Sein Mund war geöffnet, er musste gerade über etwas gesprochen haben. Sein rechter Arm schwebte über der Mittelkonsole in der Luft, die Handfläche zeigte nach unten. Eine flache, scharfe, stillstehende Geste. Sie konnte den Anfang von etwas oder das Ende von etwas meinen. Damals hatte Tom eine Freundin, Claudia. Lange braune Haare, ein ausweichendes Gesicht. Irgendwann ging Claudia nach Australien und wollte da bleiben. Viele Jahre später hatte Tom sie in einem Dokumentarfilm gesehen. Zeitung lesend in einem Museumscafe. Sie wusste nichts von diesem Bild, nichts von diesem Film, nicht dass sie von viele Jahre entfernten Menschen betrachtet werden würde.

Nachdem Tom ihr das erzählt hatte, stand er auf und ging mit sich nachhause. Etwas hatte sich verschoben, hing nun aus seiner Verankerung gelöst in ihr. In ihrer Wohnung blieb Anne im dunklen Flur stehen und etwas war schrecklich. Sie war eifersüchtig. Auf diese Erzählung. Auf ihre Schlichtheit. Auf ihre Abgeschlossenheit. Genau wie damals, auf das Foto. Auf die Menschen, die ihn kannten, die ihn betrachteten haben, als wäre er sehr schön. Auf die Zeit, als sie ihn noch nicht kannte.




Birgit Glombitza lebt in Hamburg und arbeitet als freie Autorin, Dramaturgin und Dozentin in Deutschland und der Schweiz. Als Autorin mit den Schwerpunkten Film, Videokunst, Kunst etc. hat sie zahlreiche Texte in Ausstellungskatalogen, Essaysammlungen und in den Feuilletons der „ Zeit“, „taz“, „Spiegel online/Spiegel“ u.a. veröffentlicht.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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