Christiane Spooren für #kkl37 „Präsenz“
Mama
Was ist dieses lange, glänzende Ding, das bis unter die Decke reicht? Meine Finger bleiben auf der harten Oberfläche kleben. Ob es schmeckt? Gar nicht so leicht, mit der Zunge dranzukommen. Dran saugen kann ich nicht, weil meine nassen Lippen immer wegrutschen. Wenn ich meine Nase dagegen drücke, schimmert es nicht mehr so schön. Dann wird es matt. Ich muss mir das einmal von weiter weg anschauen.
Huch. Wer bist du denn? Warst du da grade auch schon drin? Du hast ja dieselbe Hose an wie ich, mit Mickey Maus drauf. Das ist ja witzig! Komm, lass uns spielen. Siehst du, mein Auto leuchtet, wenn man hier drauf drückt. Wo ist denn deine Mama? Hinter dir vielleicht?
Nein, aber da hinten sitzt ja meine. Auf dem Bett, das genauso aussieht wie unseres. War sie nicht gerade noch hier? Na egal, sie ist wohl in das lange Ding hineingehüpft.
Hallo, Mama! Schau mal, ich habe einen Freund gefunden.
Oh, sie sieht traurig aus. Was hat sie denn?
Mama! Sei nicht traurig. Ich komme und muntere dich auf! Bin gleich da. Nur noch … ein kleines … Stück.
Autsch! Das tat weh. Das Ding ist wirklich hart. Es lässt mich nicht durch.
Mama!!!
Autsch! Ich komme nicht vorbei. Was soll ich jetzt tun?
Mama!
Aber sie hört mich nicht. Sie starrt nur auf ein kleines, schwarzes Teil in ihrer Hand. Ob es ihr wehtut? Vielleicht krallt es sich in ihre Haut. Oder ist ganz schlimm heiß.
Da! Ich habe eine Träne gesehen. Mama weint! Das darf nicht sein.
Mama!! Ich komme, hörst du.
Autsch! Es geht nicht. Ich schaffe es nicht.
Mama! Ich kann nicht zu dir. Warum hörst du mich denn nicht?
Vielleicht klappt es, wenn ich ein paar Schritte zurückgehe und dann mit Schwung …
Ach, plötzlich ist Mama wieder hier. Wie ist sie so schnell aus dem Ding gesprungen? Schnell hin zu ihr!
Mama. Endlich sind wir wieder zusammen.
Meine liebe Mama. Geht’s dir nicht gut? Schau, ich lache für dich. Ich schneide ulkige Grimassen.
Aber Mama, du guckst ja gar nicht.
Jetzt schmeißen wir erstmal das schwarze Teil weg, das dich gefangen hält. Gleich geht es dir besser.
Mama, warum bist du jetzt böse auf mich? Ich wollte dir nur helfen.
Wieso nimmst du das gemeine Teil wieder auf? Es hat dir wehgetan. Das verstehe ich nicht.
Was habe ich falsch gemacht? Du bist so kalt.
Heiße Tränen laufen über mein Gesicht.
Mama, sieh mich an! Sei nicht zornig. Ich habe es nicht bös gemeint. Nimm mich in den Arm!
Komm, ich krabbele auf deinen Schoß. Lege mich ganz nah an deine Brust, um deinen Herzschlag zu hören. Atme deinen Duft ein.
Warum schiebst du mich weg? Du siehst mir ja nicht einmal in die Augen. Dein Blick ist leer.
Bin ich dir egal? Hast du dieses kleine, schwarze Teil jetzt lieber als mich?
Mama, liebe Mama! Komm zurück zu mir! Nimm mich in deine weichen, warmen Arme, schenke mir deinen strahlenden Blick, streiche mir sanft über den Rücken, wie du es sonst immer tust.
Ich bitte dich Mama, ich habe solche Angst. Mein Herz puckert so schnell. Ich kann nicht mehr schreien, mein Hals tut weh und mein Kopf schmerzt. Ich bin so verzweifelt, zittere am ganzen Körper.
Mama!!! Ich brülle aus letzter Kraft, bevor ich auf dem Fußboden zusammensacke.
Jetzt siehst du mich. Komm schnell zu mir, nimm mich schluchzendes Bündel in den Arm. Schnell!
Ja, du stehst auf.
Mama … meine Mama. Endlich ziehst du mich in deine liebevollen Arme. Bedeckst mein Gesicht mit Küssen. Säuselst mir ins Ohr, wie leid es dir tut.
Ich bin so glücklich und erleichtert, dass du wieder da bist. Du hast mir so gefehlt. Ich hatte solch große Angst, dich für immer zu verlieren. Lass mich nie wieder los, Mama! Bleib bei mir.
Ich brauche dich doch.
Mama.
Geboren 1986 in der Lausitz, lebt Christiane Spooren mit ihrem holländischen Mann, zwei kleinen Kindern und einer Hündin am Niederrhein. Sie hat Literaturübersetzen studiert und arbeitet jetzt als Sprachprozessberaterin in Düsseldorf. Seit mehreren Jahren publiziert sie in Anthologien und Online-Magazinen über Partnerschafts- und Familien.
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