Katharina Kappert für #kkl37 „Präsenz“
Das Haus meiner Tante
Das Haus sah immer noch so aus wie früher. Ein wenig verwittert, aber es weckte sofort alte Erinnerungen. Früher, als Kinder, waren sie oft hier gewesen. Das Haus von Tante Rosa. Die seltsame, allein lebende Frau die in dem schönen und zugleich mysteriösen Haus lebte. Bianca drehte den Schlüssel im Schloss und das leise, vertraute Knacken löste ein Lächeln auf ihren Lippen aus. Langsam und andächtig betrat sie das Vorzimmer. Es roch noch nach Tante Rosa, Kindheit und Unbeschwertheit. Sie verstand, weshalb ihr Bruder damals hier her zurückgekehrt war. All die Wochenenden und Ferien die ihr Zwillingsbruder Timotheus und sie hier verbrachte haben. Ihre Tante Rosa die sie mit fantastischen Geschichten verzaubert hat, während ihre Eltern sich wieder auf irgendeiner Schickimicki Party stritten oder anders Aufmerksamkeit auf sich zogen.
Tante Rosa, die Schwester ihres Vaters, hatte ihr Erbe genommen und dieses Haus gekauft. Danach war genug übrig geblieben, dass sie sich mit einem Teilzeitjob in der hiesigen Bücherei ein gutes, bescheidenes Leben führen konnte. Das Haus stammte aus dem späten 19. Jahrhundert und hätte sich gut als Kulisse für einen Geisterfilm gemacht. Eine kleine Veranda vor der Haustür, dunkler Backstein, kombiniert mit dunklem Holz. Jugendstil „Rundungen“ zierten jede Ecke, die es abzuflachen gab. Als hätten es eine Hexe und ein Künstler erschaffen oder aus einem Steampunk-Märchen herausgeholt. Es hatte eine spezielle Präsenz. Die einen waren fasziniert, die anderen gruselte es bei seinem Anblick. Verstärkt wurde dieser Eindruck noch, wenn der Mond so wie jetzt hoch über dem Haus stand.
Wenn man bedachte, dass es Stellen gab, die sehr zugig waren und Heizungsrohre vor Altersschwäche vor sich hin krächzten, konnte man die Gänsehaut mancher Besucher schon nachvollziehen.
Bianca war von diesem Ort immer fasziniert gewesen. Er regte ihre Fantasie an. Auch Timotheus hatte sich hier wohl gefühlt. Hier hatte er einige seiner besten Bilder gemalt. Zwei davon hingen auch noch hier im Wohnzimmer. Später, als es schlimm geworden war, hat er sich nur hier präsent gefühlt. Nur hier, war er noch er, konnte mit dem, was ihn umgab Kontakt aufnehmen. Außerhalb des Hauses verlor er sein Selbst und jeden Bezug zur Realität.
Ein Teil von ihr war an jenem Tag mit ihm gestorben. Er hatte nicht nur sein Leben auf dem Gewissen. Tante Rosa hat kurz danach Krebs bekommen, den sie lange bekämpft und schlussendlich doch gegen ihn verloren hat. „Ich bereue nichts. Aber es tut mir leid, dass ich ihn nicht retten konnte. Es lag nicht in meiner, oder deiner Macht.“ Das hatte ihre Tante gesagt, kurz bevor sie endgültig eingeschlafen war. Deshalb stand Bianca jetzt hier. Ein leichter Lufthauch zog an ihr vorbei. Eine der vielen zugigen Stellen. Sie überprüfte ob die Fenster alle geschlossen waren. Da es sie ein wenig fröstelte, entschloss sie sich noch ein Bad ein zu lassen. In jedem Zimmer stand ein Bücherregal. Sogar im Badezimmer. Zwar nur ein kleines, aber es war da. Das war die stete Anwesenheit ihrer Tante. Gläser mit Pinseln und Farbtuben standen und lagen auch jetzt, drei Jahre danach noch herum. Rosa hatte nichts davon weggeräumt. Vielleicht hat es ihr geholfen sich vorzustellen, er sei noch da. Außerdem lagen in einer Schublade noch ein paar Kerzen, die Bianca im Badezimmer aufstellte. Das Bad brachte das Haus zum singen und krächzen, dennoch genoss sie das heiße Wasser. Sie hoffte, dass das Haus sich bis zum schlafen gehen beruhigen würde. Erfahrungsgemäß, tat es das. Aber heute nicht. Sie lag lange wach im Bett, während das Haus noch rumorte. Beide schliefen ziemlich gleichzeitig, doch noch ein. Schweißgebadet wachte Bianca mitten in der Nacht auf. „Schwester, bleib bei mir“. Das Mondlicht malte mit Hilfe der Vorhänge ein Bild an die Decke, das aussah als würde eine formlose Gestalt über ihr schweben. „Nein, nein, nein. Nicht schon wieder“,dachte sie. Endlich hatten die Albträume aufgehört. Eine Tasse Tee, sollte helfen, und sie ging hinunter in die Küche. Es war keine Lampe notwendig, da der Vollmond so hell durchs Fenster schien. Der See reflektierte das silberne Licht und die Aussicht aus dem Küchenfenster schien wie aus einer anderen Welt.Der Lavendel im Garten verbreitete seinen Duft im Haus, obwohl alle Fenster und Türen geschlossen waren. „Ich bin hier, in der Küche, alleine. Niemand ist bei mir. Ich bin hier um das Haus zu überprüfen und zu beschließen, ob ich es haben will oder nicht.“ So versuchte sie sich zu beruhigen. Ein leises Knarzen war auf ein mal zu hören. „Was ist bloß mit diesem Haus. Als hätte es Leben in sich.“ Die Tür zur Terrasse war geschlossen. Doch da fand sie den Übeltäter. Der schwarze Kater vom Nachbarn, hatte sich irgendwie Zugang verschafft und ließ das alte Parkett knarren. Sie nahm den Kater auf den Arm und kraulte ihn. „Na Eddie, willst du mir Angst machen? Nein du bist nur auf der Suche nach Futter oder?“ In der Küche fand sie tatsächlich eine Dose Katzenfutter, die ihre Tante mal für den immer wieder kehrenden Gast besorgt hatte. Nach der Raubtierfütterung, begab sie sich wieder ins Bett. Ein leises Schnurren begleitete sie in den Schlaf. Doch der Frieden sollte nicht lange wären. Schmerzen in der Brust ließen sie aufschrecken. Es fühlte sich an, als würde ihr Brustkorb aufgerissen werden, die Lungen zerquetscht, das Herz herausgerissen werden. So stellte sie es sich zumindest vor. Und sie kannte das Gefühl. Ein, aus, ein, aus, ein, aus. Mit Atemübungen versuchte sie sich zu beruhigen. Es dauerte eine Weile, dann half es. Doch sie befürchtete, dass das mit dem Schlaf diese Nacht nichts mehr werden würde. Das Mondlicht fiel durchs Fenster, auf ihr Bett. Wie konnte man sich zugleich so zerrissen und doch geborgen fühlen? Der Mond hatte schon immer einen besonderen Zauber auf sie ausgeübt. Wie auch auf ihren Bruder. Das Licht war in dieser Nacht fast gelb und fühlte sich an wie eine Umarmung. Sie nahm ihre Tasse Tee und ging hinunter ins Wohnzimmer. Dort setzte sie sich in den blauen Ohrensessel am Fenster, mit Blick auf den See. Der Kater begleitete sie. Irgendwas war heute anders mit dem Tier. So kannte sie ihn nicht. Er war inzwischen wahrscheinlich schon fast 20 Jahre alt. Heute benahm er sich, als gehörte er zu ihr, oder als wollte er sie vor etwas beschützen. Sie war alleine im Haus, wenn man vom Kater absah. Und doch fühlte sie eine Präsenz. Wahrscheinlich waren ihr nur die vielen Geschichten ihrer Tante zu Kopf gestiegen, oder die Tatsache, dass ihr Zwillingsbruder sich hier das Leben genommen hat. Sie dachte, dass sie seine Motive nachvollziehen konnte, aber was sie nicht verstand, war, wie er ihr das hatte antun können. Er hatte nicht nur sich das Leben genommen. Er hatte einen Teil von ihr mitgenommen. Der Schmerz in ihr wuchs. Da wurde sie durch ein Geräusch aus ihren Gedanken gerissen. Ein Buch, war aus dem Regal gefallen. Das war doch sicher dieser Kater. Doch Eddie lag zusammengerollt, aber mit wachsamem Blick auf dem Hocker neben dem Sessel. Novecento. Die Tasten fangen an, die Tasten hören auf. Eines von Timotheus´ Lieblingsbüchern. Für ihn war es nicht das Klavier, sondern die Leinwände. Das war seine Welt. Dort wusste er was zu tun war. Nein es war kein Wissen, es war Instinkt. Wie oft hatten sie beide dieses Buch gelesen. Das Schiff, war wie dieses Haus, oder war das Haus wie das Schiff? Dass etwas so wunderbares auch so schmerzhaft sein kann ist eine grausame Ironie dieser Welt. Der Kater miaute plötzlich und wieder ging ein Windhauch durch das Zimmer. Der Luftzug streifte ihre Schulter, wie eine Hand die sie davon abhalten möchte zu gehen. „Bianca“ es war als hätte jemand ihren Namen geflüstert. Langsam wandelte sich das Licht auf der Terrasse von Silber zu Gold. Ein orangener Streifen war am Horizont zu sehen. „Bleib“ Flüsterte es wieder. Oder bildete sie sich das nur ein? Es war doch nicht möglich, oder doch? Es fühlte sich an, als wäre jemand hier, als wäre ihr Bruder hier. Da polterte es an der Haustür. Rasch ging sie hin um nachzusehen. Am Boden vor der Tür lagen die Zeitung und ein Brief. Beides legte sie auf den Küchentisch. Danach ging sie wieder ins Wohnzimmer. Das Gold des morgens, hatte die Bilder ihres Bruders erreicht und betonte nun das Rot in Ihnen. Das Rot, das er mit Tropfen seines Blutes vermischt hatte. Es waren die letzten drei Bilder die er gemalt hat, und Tante Rosa, hatte sie behalten. Ein Triptychon aus Farbe, Schmerz, Blut und der Einsicht nirgends woanders hingehen zu können. „Jetzt werde ich immer hier sein“ hatte er gesagt. „Solange meine Bilder hier sind, bin ich auch hier. Nirgends sonst will ich sein.“ Und dann, zwei Tage später, war er nicht mehr. Seit dem, war sie immer wieder im Krankenhaus gewesen, hatte kein echtes zu Hause mehr gehabt. Der Verlust hatte sie zerrissen, einen Teil ihrer Seele entrissen. Doch hier, fühlte sie sich wohl, trotz der kleinen Streiche, die ihre Wahrnehmung ihr gespielt hat. Ob es für sie gesund war hier zu leben, da war sie sich nicht so sicher. Doch was war schon gesund. Was war schon vernünftig oder gut? Jemand mit Zugang zu ihr und mit genug Vernunft, hätte ihr sagen können, dass anderes Gutes kommen konnte, kommen würde. Aber um es zu finden, musste man hinaus gehen in die Welt, und sich nicht hinter vier Wänden verstecken. Doch so jemanden gab es nicht mehr in ihrem Leben. Vielleicht würde sie irgendwann den Weg in ein neues Leben finden. In ein Leben mit weniger Schmerz. Ein Leben im Hier und Jetzt. Doch so lange sie die Präsenz ihres Bruders fühlte, und die Vergangenheit verlockender schien als die Zukunft, würde sie hier bleiben.

Katharina Kappert
Ausbildung an der Modeschule Michelbeuern, Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaft an der Universität Wien. 2009-2014 Kostümassistentin u.a. am Volkstheater und an der Volksoper Wien, Seit 2015 freischaffend als Kostümbildnerin am Theater tätig. Schon als Kind habe ich mir gern Geschichten ausgedacht. In meiner Teenager-Zeit habe ich mehrere Bücher geschrieben. Nun möchte ich dieser Tätigkeit wieder intensiver nachgehen. Letztes Jahr habe ich begonnen an einem Theaterstück und einem Roman zu arbeiten. Seit Herbst 2023 Teilnahme an mehreren Schreibwettbewerben
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