An der Wendeschleife

Paul Wlaschek für #kkl37 „Präsenz“




An der Wendeschleife

Ich ziehe in ein möbliertes Zimmer im Osten der Stadt, schon recht weit draußen, man muss dorthin eine dreiviertel Stunde mit der rumpelnden Straßenbahn bis zur Endhaltestelle fahren, erst die endlose vierspurige Ausfallstraße entlang, wo die blinkend mondänen Niederlassungen der Firmen bereits in schmucklose Betonquader übergegangen sind, dann durch die spießigen Vororte mit ihren Reihenhausgärten, Eternitfassaden und Alufenstern, bis sich schließlich Felder und Baumgruppen ins Blickfeld wagen. Es ist nur vorübergehend, dieses Zimmer, solange bis ich nach München umziehe, drei Monate vielleicht, da macht es auch nichts, dass das Zimmer die Augen und die Seele beleidigt mit den abgelegten, schiefen Möbeln: die Tür des Kleiderschranks quietscht und lässt sich nicht ganz schließen, klemmt einfach fest, noch bevor das Schloss schließen könnte, der Tisch ist wackelig und im Bett sinkt man ein, wenn man sich hinlegt, weil die Matratze in ihrem Alter nachgiebig und gleichgültig geworden ist. Die Vermietern weist auf das Waschbecken unter dem blinden Spiegel hin, da könne man sich waschen, eine Dusche mit Toilette und eine Küche mit einem Kühlschrank, gebe es auch über den Flur, die müsse man sich mit dem Nachbarn teilen, einem ruhigen Herrn, der schon ewig bei ihr wohne. Sie betont das als Zeichen der besonderen Wohnqualität, warum sonst würde es jemand solange aushalten? Ich nicke ihr zu, meine damit: ich nehme das Zimmer, ich brauche nur eine Unterkunft für begrenzte Zeit, bin ja ohnehin die meiste Zeit in der Arbeit. Sie schlurft zufrieden von dannen und ich packe die wenigen Sachen aus, die mein Koffer hergibt. Als ich auf den Flur hinaustrete und Küche und Dusche inspiziere, sehe ich die Tür zum Nachbarn offenstehen. Ich klopfe an die Türfassung, sage „Hallo … ?“, aber es antwortet niemand, keiner zuhause. Mein Zimmer hat einen Balkon, auf dem ich ausdrücklich auch rauchen darf. Unter mir sehe ich die Wendeschleife der Straßenbahn und in einiger Entfernung kann man den Fluss erahnen. Das Zimmer nebenan hat den gleichen Balkon. Passt schon, denke ich. Etwas später, es beginnt bereits zu dämmern und ich trage meine Monatsmiete – in bar und im Voraus, bitte – zur Vermieterin hinab in ihr Wohnzimmer, bemerke ich, dass die Zimmertür zum Nachbarn nun geschlossen ist. Ich habe ihn nicht kommen hören. Soll ich nochmal klopfen, um mich vorzustellen? Ich schiebe das auf.

Am Morgen ist der Nachbar offensichtlich bereits gegangen, die Tür steht wieder offen, im Zimmer ist alles still. Den ganzen Abend, die ganze Nacht habe ich keinen Laut vernommen, keine Musik, kein Türenschlagen, kein Wasser laufen. Ein stiller Zeitgenosse, offenbar. Meinen Tag verbringe ich in der Arbeit. Die Anfahrt ist jetzt länger, aber das ist ja nur für kurz. Die Arbeit ist genauso trist und sinnfrei wie immer. Als ich am Abend heimkomme, steht die Tür des Nachbar wieder offen, oder immer noch, wer weiß das schon. Also ist er nicht da, folgere ich. Einige Momente später, ich fülle gerade meine Einkäufe in den Kühlschrank, ist die Nachbartür geschlossen. Ich habe keinen Laut vernommen, kein Treppensteigen, nicht die Türe, oder auch nur ein leises Räuspern. Ich beginne, das hier alles seltsam zu finden und klopfe an. Nichts. Kein „Herein“, kein neugieriger Kopf im fingerbreit geöffneten Türspalt. Zurück in meinem Zimmer gehe ich zum Rauchen auf den Balkon. Vielleicht begegnet man sich ja dort und kann über das Geländer hinweg ein paar Worte wechseln. Unter mir kreischt die Straßenbahn in der engen Kurve. Ein paar Mücken spielen in der Abendsonne. Sonst tut sich nichts.

So vergehen die Tage und ich gewöhne mich an meinen gespenstischen Nachbarn. Oder besser: ich vergesse, dass ich einen Nachbarn habe. Wenn ich morgens das Haus verlasse, ist er bereits lautlos fort, was man an der geöffneten Tür erkennt. Wenn ich abends heimkomme, ist er meist noch nicht zurück. Irgendwann schließt sich seine Zimmertür, doch nie höre ich den kleinsten Laut. Wir begegnen uns auch nie, etwa auf dem Weg zur Toilette oder in der kleinen Küche. Mir ist es recht, ich brauche keinen neuen Freund, schon gar nicht einen gespenstischen. Manchmal ertappe ich mich, wenn ich ein Buch auf den Tisch werfe oder das abgestandene Wasser in der Leitung lange laufen lasse oder wenn ich mich ins knarzende Bett lege, dass mir die Geräusche aufdringlich vorkommen. Nie ist aus dem Zimmer nebenan auch nur etwas Ähnliches zu mir herübergedrungen.

Meine Zeit hier in der Stadt, hier in der Wohnung nähert sich langsam ihrem Ende, den Nachbarn bekomme ich nicht zu sehen. Dreimal habe ich nun meine Miete – im Voraus und in bar – im Wohnzimmer der Vermieterin auf den Couchtisch gelegt. Einmal frage ich vorsichtig, wer das da eigentlich ist im Zimmer nebenan. Aber die Vermieterin weicht meiner Frage aus, gibt nur ein paar allgemeine Floskeln von sich, dass der nun schon sehr lange dort wohnt, dass sie nichts Schlechtes sagen kann über ihn. Ich grübele, wie man es schaffen kann, sich über Wochen nicht zu begegnen, allen noch so zufälligen Begebenheiten eines Zusammentreffens aus dem Weg zu gehen. Morgens die Tür öffnen und lautlos die Treppe hinabsteigen, abends heimkommen und an meinem stets geschlossenen Zimmer vorbeihuschen, immer gewahr, dass ich in diesem Moment heraustreten könnte, um vielleicht den Müll herunterzutragen oder mir einfach nur die Beine zu vertreten.

Ich weiß nicht mehr, warum ich an jenem frühen Nachmittag bereits zuhause war, obwohl es doch gewiss ein ganz normaler Werktag gewesen sein muss. Die Tür des Nachbarn war geöffnet. Mir ist auch nicht klar, was mich geritten hat, jedenfalls setzte ich einen Fuß in das geheimnisvolle Nachbarzimmer. Vom Flur aus konnte man durch die geöffnete Tür nicht viel mehr sehen als gegenüber den Ausgang auf den Balkon. Aber mit ein, zwei fluchtbereiten Schritten verschaffte ich mir einen Einblick. Nichts wies darauf hin, dass das Zimmer bewohnt war. Das Bett war tadellos gemacht, als warte es auf einen neuen Mieter. Keine Bücher oder Sachen lagen herum, keine privaten Fotos auf dem Nachttisch, keine Tasche, kein Koffer auf dem Schrank. Nicht einmal Schuhe oder Pantoffeln standen herum. Das Waschbecken blinkte mich steril und unschuldig an. Einzig ein Zahnbecher mit Zahnbürste auf der Spiegelablage. Ich machte, dass ich fortkam, so verwundert wie ich war. Ich setzte mich auf meinen Balkon, las, rauchte und genoss den sonnigen Nachmittag. Eine Schar Kinder zog lauthals plappernd mit Käschern in Richtung der Altwasser. Die Straßenbahn kam um diese Zeit mit leeren Wagen, drehte und fuhr mit leeren Wagen zurück in die Stadt. Mag sein, ich döste auch ein wenig ein.  „Guten Abend“, sagte plötzlich jemand auf dem Nachbarbalkon. Ich erstarrte und unter meiner Haut stiegen siedende Perlen auf. Der Nachbar! Der Nachbar war auf dem Balkon! Warum jetzt? Warum zeigte er sich nun plötzlich? Ich wendete mich um und sah einen in seiner Durchschnittlichkeit unsichtbaren Mann. Ich könnte ihn heute nicht mehr beschreiben. Er sah unbeweglich zu mir herüber, ließ mich nicht aus den Augen, sagte aber auch nichts weiter. Ich beeilte mich, die unhöflich lange Stille zu beenden und grüßte zurück. Darauf wandte sich der andere ab und ging zurück in sein Zimmer. Der Schreck steckte mir noch einige Momente in den Gliedern, ich atmete ein paar mal tief ein und aus. Das war so unwirklich! Hatte ich mir dieses Zusammentreffen vielleicht nur eingebildet? Hatte ich lebhaft geträumt?

Die beiden nächsten Tage war alles wie gehabt. Morgens geöffnete Tür, abends irgendwann Tür geschlossen, kein Laut, kein Lebenszeichen. Dann, einige Tage vor meiner Abreise, begegnete ich zufällig der Wirtin im Treppenhaus. Sie teilte mir mit, dass mein Nachbar ausgezogen sei. Und das nach so langer Zeit. Als sie die Treppe hinabgewatschelt war, warf ich nochmals einen Blick in das fremde Zimmer. Das Bett war abgezogen, die Balkontür zum Lüften angelehnt, der Sessel  stand anders als zuvor, die Zahnbürste war verschwunden. Hatte mein indiskreter Besuch in dem Zimmer zu dem Auszug geführt? Zu der plötzlichen Kontaktaufnahme? Wenn man das so nennen wollte? Wie jede halbe Stunde kreischte die Straßenbahn unten durch die Wendeschleife. Kreischte mich an, als habe sie eine Antwort auf meine Fragen. Ich begann, meine Sachen zu packen.





Paul Wlaschek, geboren 1958 in Norddeutschland, hat 2023 sein Berufsleben beendet und im Ruhestand sichtet er nun (Kurz-) Geschichten, die sich über viele Jahre angesammelt haben, aber mangels Muße nie den Weg auf das Papier fanden. Etliche dieser Geschichten wurden inzwischen in Anthologien und Zeitschriften veröffentlicht. Paul Wlaschek hat drei längst erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in einer malerischen oberbayrischen Kleinstadt.

Bibliografie:

„Telefon für dich“ in #kkl30

„Hallo Rudi“ in

Literaturcafe.de / Schreibzeug: Gewinnerbeitrag zum Jubiläumspodcast

https://www.literaturcafe.de/schreibzeug-podcast-die-besten-texte-mit-50/3

„Ellschibittiku“ in: Zeitgeist, Anthologie, Verlag Roloff, ISBN 978-3-944758-39-8

„Etwas ganz Besonderes“ in: Das Lotto-Ritual, Anthologie, Pohlmann-Verlag, ISBN 978-3948552404

„Hin und weg“ in: neolith #8 unartig, Geest-Verlag, erscheint im Januar 2024

„der beweis per se als pataphysisches phänomen“ in: sfd& pataphysik. zeitschrift der schule für dichtung wien #05, erscheint im Januar 2024

„Egal“ in: Grenzenlose Aussichten, Anthologie, Agentur Autorenträume, erscheint im Januar 2024






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “An der Wendeschleife

Hinterlasse einen Kommentar