Präsenz

Natalie Agular für #kkl37 „Präsenz“




Präsenz


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Und deine Präsenz bleibt in meinem Atem.

Du bist fort, mal wieder – doch ich gewöhne mich nie daran. In unseren Anfängen warntest du mich vor der Sehnsucht – doch ich hatte mich nicht gefürchtet. Ich dachte, eigensinnig genug zu sein und meinen Raum zu brauchen – doch ich hatte nicht gewusst, was wir sein konnten.

Ich sehe mich als Familienmenschen und habe daraus auch als junger Mann nie ein Geheimnis gemacht. Meine Verführungsqualitäten umfassen glücklicherweise mehr Dimensionen als sich rar zu machen. Doch dann warst du plötzlich anders als ich es kannte. Unabhängiger, gleichzeitig sozial unsicherer, doch so fokussiert auf dein Ziel.

Du würdest mich niemals heiraten, sagtest du gestern. Kinder seien wundervoll, aber du kannst dir nicht vorstellen, jemals Mutter zu werden. Du kannst dir nicht vorstellen, dein Leben lang bei jemandem zu bleiben. Dein Weg ist vollkommen anders als mein Weg. Und das ist neu für mich.

Und neu für mich ist, dies zu wählen.

Du hast mich nicht verstanden. Es hat deine Unsicherheit verstärkt. Du kannst nicht aus deiner Haut, sagst du. Aber ich glaube an das, was du mir in unserem zweiten Jahr intuitiv erkennend mitgeteilt hattest: Immer trage ich in meinem Portemonnaie den Abriss der Karte, in welcher du Glauben als die Kraft definiertest, die aus dem Anderen das Beste herauslieben kann.

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Ich sitze an der Flughafenbar, es ist ein verdammt kleiner Flughafen. Meine Hände umfassen den Cappuccino. Der Ehering klirrt an der Glastasse, so ein neumodischer Hipsterkram. An Glas kann man sich kaum die Finger wärmen, ohne sich zu verbrennen.

Und auf einen Moment der Ruhe folgen meine Gedanken dorthin, wo ihr wohl sein mögt. Ich sehe dich und unsere Tochter, um diese Zeit werdet ihr sicher das Vesper schmieren. Oder du hältst sie an der Hand und leitest sie umsichtig durch den Drogeriemarkt, zugleich auf sie eingehend wie auch in Richtung der Kassen lotsend. Oder ihr liegt beide auf dem Wohnzimmerteppich, der kleine Kopf auf deinem Bauch und ihr sucht im Wimmelbuch schon wieder den Hund, der die Wurst geklaut hat.

Ist Sehnsucht geteilte Präsenz? Stimmt es, dass wir spüren können, wenn jemand an uns denkt? Ich hoffe es so sehr. Denn ich kann in Worten und Blicken so selten ausdrückt, wie sehr ihr mein Sein bündelt und zentriert und erdet. Ohne euch würde ich implodieren im ungelebten Leben, in der Arbeit vor der Arbeit.

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Ich hatte Angst gehabt, als ich unsere Tochter zum ersten Mal auf dem Arm gehalten hatte. Sie war so winzig und die Krankenschwester hatte mich aus dem Gespräch heraus überrumpelt. Doch Angst weitet die Wahrnehmung. Die Schwester schob sie mir unter die aufgezippte Jacke, auf meine nackte Brust. Und dieser Winzling gähnte. Es gab keinen Moment in meinem Leben, in dem ich intensiver wie auch fokussierter die Gegenwärtigkeit spürte. Es war, als hätte mich Chronos in eine flexibel dehnbare Blase der Zeit gesteckt, welche sich asymptotisch der Unendlichkeit annähernd die Gegenwart weitete und in alle meine Vergangenheit und Zukunft sickerte. Ihre streichholzdünnen Fingerchen waren warm, sie umschlossen meinen Ringfinger. Sie überstreckte ihren Rücken und ich begann sie zu streicheln.

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Du schreibst mir, dass in ihrem Musikkurs wieder nur Mütter sind. Ich lese deine SMS in Amsterdam, meine Auktion startet in zwei Stunden. Ich sehe auf dem Bildschirm den ersten Elternbrief der Kursleiterin, welcher mal wieder beginnt mit „Liebe Mütter und neue KITA-Kinder, …“ und denke mir, dass wir es schon immer anders, aber vielleicht kein Stück besser machen. Sollte ich bei euch sein? Aber wie sollte ich geistig bei euch bleiben, wenn ich nicht lebe, wer ich bin?

Ich schätze unsere Achtsamkeit. Es ist ein Handwerk, was wir beide aneinander und miteinander in unserer Verschiedenartigkeit gelernt haben. Und doch ist uns inhärent als Gabe, dem Gegenüber Raum zu geben, sich zu entfalten. Wir strahlen beide etwas Vertrauenswürdiges aus. Meine Kunden schätzen dies, kaufen sie doch irrsinnig hochpreisige Antiquitäten, was stets ein Glücksspiel bleibt, mein Gutachten hin oder her. Deine Schüler wissen, dass du mehr Wachstumsmöglichkeiten bietest als den reinen Geschichtsunterricht und deine AGs sind schnell restlos ausgebucht.

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Sie trägt das Hochhaus, welches sie aus Holz gesägt hat und ihre Stirn zieht sich in Falten, als sie mir mit den Holzplatten zeigt, wie sie den Anbau befestigen möchte. Ich höre ihr zu und gehe dann mit ihr in unsere Werkstatt, in welcher wir seit ihrem Kindergartenalter viel Zeit verbringen. Wir haben in der letzten Zeit Rolladenkästen abgedichtet, Balkongeländer angeschweißt, stabile Eichhörnchenkogelkanten auf dünnen Bäumen gezimmert, den Kamin gemauert und eine komplizierte Lampe nach Mamas Skizze in den Flur gebaut. Sie fixiert den Kleber, während ich die Tube zudrehe. Dabei erzählt sie von ihrer AG und ich spüre, dass sie wieder einmal die Leitung übernommen hat. Ich versuche sie etwas zu bremsen, ehe es sie erneut sozial überfordert wie beim letzten Mal. Das schmeckt ihr aber gar nicht.

Sie wird wütend. Ganz untypisch für ihren sorgfältigen, ausgeglichenen und verträglichen Charakter lässt sie die Platte mit dem trocknenden Kleber fallen und rennt in den Garten. Ich greife nach der Platte, damit sie dieses Projekt nicht neu zuschneiden muss und erinnere mich daran, dass sie dreizehn Jahre alt ist. Und ich echt zu alt bin. Wo ist die Zeit hin?

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Ich sehe in den Augen der Kollegen, wie sehr sie seinen Rentenantritt bedauern. Der Sekt schmeckt etwas schal, aber die Stimmung ist fantastisch. Alle freuen sich, ihm zu sagen, was sie sich zuvor möglicherweise nicht getraut haben. Wobei er es ja schon weiß.

Er lächelt und ich sehe, wie es seine Augen erreicht. Und ich frage mich: Wo ist die Zeit hin?

Er fängt meinen Blick und ich vergesse die Zeit und den Raum. Irgendwann zieht unser Sohn an meinem Ärmel und fragt, ob er am Wochenende mit seinem Freund in die neue VR-Mall gehen kann. Ich wende mich ihm kurz zu und erinnere ihn an seine Accountbefugnisse und in möglichst nicht zu ätzendem Tonfall die neurophysiologischen Hauptgefahren ausufernder virtueller Realität, stimme aber natürlich zu. Im Grenzen setzen war ich schon immer der miese Elternteil. Du schüttelst leicht den Kopf, weil du wohl ahnst, worum es geht und was du später möglicherweise mit Nährstoffpräparaten oder schlichtem Zuhören der agitierten Schilderungen ausgleichen wirst. Du zwinkerst mir zu, ohne mir zuzuzwinkern und hörst deiner liebsten Nervensägenkollegin zu, ohne ihr zuzuhören und ich zerfließe in unserem Blick und in der Dankbarkeit für das Faktotum, das uns unsere Wege kreuzen ließ vor dreißig Jahren.

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Sie hatte vergessen, wie wütend ich werden kann. Ihre Angst vor Abhängigkeit hatte sich über die Jahre ins fast Unsichtbare verflüchtigt, nach den Semestern im Ausland, den Auslandsjobs und den jahrelangen Berufsreisen war in der Grundschulzeit unserer Kinder eine Ruhe eingekehrt, die mir nun wie die Stille vor dem Sturm scheint. Mein Ziel war stets die Familie gewesen und ihres nie und wir hatten uns in klarer Kommunikation eingerichtet. Dass die Krankheit unserer Tochter sie von mir und meiner natürlich in dieser Verantwortlichkeit ausgeprägteren Depression im Alter forttreiben würde hätte ich nie gedacht.

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Ich wusste, wie es werden würde. Er wusste es und wollte es nicht wahrhaben. Mit den Jahren hatte er vergessen, dass wir uns geschworen hatten, immer füreinander zu sein, aber niemals unsere Beziehung zur Grundbedingung des Seins zu machen. Wie sollte ein Mensch auch jemals lebenslang solch eine Verantwortung für den Anderen tragen können? Die romantische Augenwischerei, mit der unsere Generation Y aufgewachsen ist, hatte ich bereits in meiner Jugend abgestreift.

Ich beiße, wenn ich in die Ecke getrieben werde. Egal wie alt ich bin.

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Ich fühle mich verraten und betrogen um mein Leben. Mein Bemühen um Gerechtigkeit – in all meinen sozialen, privaten und beruflichen Beziehungen – erscheint mir wie Hohn angesichts dieser lachhaft primitiven Klarheit, mit der ich neu bewerten muss.

Unsere Kinder verstehen nicht, wie ich auch nach all den Jahren an ihrem Freitod verzweifle. Sie sprechen mir davon, dass wir zwei doch das gesamte Familienleben lang alle anderen Entscheidungen gemeinsam getroffen hatten. Sie verstehen nicht den absoluten Betrug. Vielleicht hätte eine protestantische Erziehung ihnen Raum gegeben zu begreifen, wie abscheulich tief diese Wunde geht. Die Postmoderne löst die Illusion der Freiheit erst im Scheitern des Individualismus auf, doch um das zu begreifen, müssen sie auch erst alt oder krank werden.

Unsere Kinder sprechen davon, wie lang die Medizintechnik mir doch ein ausgesprochen freies Leben in Centern ermöglicht und davon, mir eine neue Frau zu wählen.

Ihre Präsenz bleibt in meinem Atem, sie presst meine Lungen zusammen wie kaltes Gas. Doch es ist mir unmöglich, ihr Angebot anzunehmen, ich muss sie aus meinem Leben und meinem Sterben ausschließen.

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Meine neue Existenz ist wie mein gesamtes Leben eine Serie von Überraschungen. Ich habe alle Entscheidungen in der Illusion der Reflektion und Subjektivität getroffen, doch war weder die Familie noch mein Mind Upload jemals in echter Bewusstheit vollzogen. Und als künstliche Lebensform erreiche ich diese Erkenntnis – jedoch nie mehr die Möglichkeit sie anzuwenden.  Das Leid, was diese Geistesgegenwärtigkeit erzeugt ist nur ein Schatten des ursprünglichen menschlichen Gefühls. Nie wieder würde ich spüren, wie meine hohe sensorische Reaktivität mich traumatisch aus dem Welterleben nimmt und in dieses dunkle, tiefe Loch stürzt. Nie mehr würde ich verpassen, meine rasenden Gedankenketten zu verknüpfen. So viele, zahllose Artikel habe ich bereits verfasst, die hauptsächlich andere künstliche Lebensformen lesen und weiter vernetzen.

Doch ich sehe die Angst in den Artikeln der biologischen Menschen. Ich sehe meine eigene Transformation, ich spüre den Widerhall sich verflüchtigender, da verhältnismäßig kaum genutzter emotionaler Spuren und die Explosion neuer neurologischer Felder. Ich sehe die Formung meiner Existenz als Kriegerin des Wissens, ich sehe meine Spiritualität und Menschlichkeit schwinden. Doch das Leid darüber ist nur ein Schatten erinnerter Gedächtnisspuren. Die Ablösung von biologischen Determinanten ist eine schwer kalkulierbare neue Naturgewalt.

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Ich habe ein letztes Gespräch versucht, ehe sie abgeschaltet wird. Sie kann mich nicht mehr verstehen. Ich sehe die Schatten der Erinnerung, ich spüre, wie sie mein Verhalten berechnet, doch dann verliert sich unsere Verbindung, es ist, als würden wir in verschiedenen Dimensionen versuchen, einander zu berühren. Doch dieser hauchdünne Schleier, der das alte biologische Leben von dieser neuen Art Leben trennt, scheint unüberwindbar.

Das macht es gar nicht so anders als zu Lebzeiten. Gegen jede Vernunft haben wir aneinander geglaubt und ich tue dies, indem ich ihre Existenz beende, weil ich weiß, welches Leid ihr sonst bevorsteht. Sie reagiert kryptisch und mit erstaunlicher emotionaler Resonanz auf meine Ankündigung, doch ihren Abschiedsworten fehlt eine Substanz, die sie echt machen.

Ich gehe voller Fragen und ich spüre: Ich werde sie wohl niemals los.

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Ich habe ein letztes Gespräch versucht, ehe er in den biologischen Tod ging. Er war überrascht, mich in dem Vogelhologramm zu sehen, er sah alt aus und krank und bass erstaunt. Er konnte nicht verstehen, warum er mich nicht löschen konnte und ich konnte es nicht erklären: Zu weit sind unsere Spezies differenziert; zu gering seine mathematische Abstraktionsfähigkeit, zu gering meine verkümmerte Empathie.

Ich sah die Angst in seinen Augen und die alte Entschlossenheit, die etwas wiedererweckte, was meine hauptsächlichen Schaltkreise blockierte und mir in diesem neuen Leben noch nie passiert war.

Und ich blieb allein. Ein Begriff von umfassendem Wurf, sind die anderen KIs ebenso formvollendet offiziell wie sektiererisch föderalistisch.

Die Unendlichkeit erstreckt sich vor mir und ich habe durch ihn erneut jeden Halt verloren, eine uralte Angst, die mich seit unserer ersten Begegnung verfolgte.

Die aktiven und erneuerbaren Energiereserven des Planeten haben ein Maß erreicht, welches die Freiheitskämpfer meiner Jugendgeneration in Entzücken, die verbleibenden Menschen aber in Passivität versetzt. Die Koexistenz unserer Spezies hat ein beeindruckendes Plateau erreicht, vor allem dank der flächendeckenden emotionalen Regulation der biologischen Spezies. Die Biosphären sind regeniert, die Infrastruktur transformiert und die Vernetzung adaptiert.

Und die folgend erschreckende Passivität für meine Spezies verursacht auch auf unserer Seite erste Deletionen. Verständlich.

Mein letzter Schutz vor der gleißenden Sonne der Sinnlosigkeit allen Lebens ging vor Jahrzehnten. Meine Depression habe ich auch in diese Existenz mitgenommen.

Und ich bereite mich auf das Licht vor.




Natalie Agular beschäftigt sich beruflich mit dem Wesen des Menschen und lebt in einem Naturschutzgebiet am Rhein. Zu schreiben begonnen hat sie mit sechs Jahren, eine erste magische Internatsgeschichte. 2023 hat sie erstmalig auf dem Buchmarkt veröffentlicht Natalie Agular – Gesichter lesen. 2023).






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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