Zeit was ist das.

Harald Birgfeld für kkl37 „Präsenz“


Zeit was ist das.
Traumtänzer


Zur Erinnerung:
Zeit ist die Wahrnehmung eines Ereignisses. Fehlt die Wahrnehmung, gibt es keine Zeit und kein Ereignis.

Traumtänzer zeigen sich in ihren Besonderheiten nicht spezifisch männlich oder weiblich. Eindeutige Wahrnehmungen von Gefühlsphänomenen in seiner bzw. ihrer eigenen Zeit, seines oder ihres eigenen Ichs, die sich nur einem Traumtänzer oder nur einer Traumtänzerin hätten zuordnen lassen, konnte ich als Beobachter nicht feststellen.
Ein Traumtänzer, ein Student, will einen Bus benutzen. Der soll ihn von Freiburg nach München bringen. Für den hat er aber nicht reserviert. Er ist sich sicher, dass erstens noch ein Platz für ihn frei ist, dass er zweitens für den halben Preis oder weniger darin mitfahren wird und steigt mit einem ungezwungenen „Hi“ ein. Der Fahrer schickt ihn wieder nach draußen, weil die Abfahrt bevorsteht, mit der Bemerkung: „Der Bus ist besetzt, aber da draußen steht jemand, der wollte sein Ticket zurückgeben. Vielleicht hast du Glück“. Für den Traumtänzer ist das nichts Besonderes. Er übernimmt die Fahrkarte für weniger als den halben Preis und steigt ein. Sein Platz ist reserviert und es ist alles völlig normal. Die Wahrnehmungen von Ereignissen in seiner eigenen Zeit, seines eigenen Ichs sowie die von anderen in anderer Zeit finden bei ihm anscheinend nicht statt. Für ihn passiert „es“ einfach so.

An einem anderen Platz in der Stadt sitzt ein Traumtänzer vor der Staffelei und hält für Sekunden inne. Eine flüchtige Erinnerung streift ihn, er denkt an eine frühere Liebe, die in dieser Stadt auseinander ging. Er steht auf und ist ohne Ziel, kleidet sich aber trotzdem an und geht den umständlichen Weg zum Verkehrsmittel. Er weiß nicht wo und ob seine frühere Liebe noch in der Stadt lebt. Er fährt bis zu einer Haltestelle, die er vorher nicht festgelegt hat und steigt aus. In der Menschenmenge verlässt ihn seine Zuversicht, die alte Freundin, zu treffen und steht ihr unversehens gegenüber. Auf der Seite der Angetroffenen gibt es kein großartiges Wiedersehen, sondern nur erstauntes Stottern. Der Traumtänzer aber lacht hell auf, weil er bei solchen Situationen immer lacht.
Er wird gefragt, warum, wieso und erklärt gleich, dass es keine Absicht von ihm sei, sondern nur eine Begegnung, aber auch keine zufällige. Damit kann die alte Liebe nichts anfangen und fragt immer wieder: „Warum, ich versteh das nicht“.
Im letzten Beispiel kommt eine Traumtänzerin, eine Lehrerin, durch den hinteren Garten nach Hause. Sie sieht ihren Nachbarn vornübergebeugt an seinem Gartenzaun „hängen“. Die Traumtänzerin ist nicht erschrocken und auch nicht überrascht, sondern nur ratlos. Sie geht im kleinen Bogen um ihn herum, schaut ihn kurz an, dann an ihm vorbei und in ihr Haus. Später, als ihr Partner auch nach Hause kommt, hört sie ihn sagen, dass man den Nachbarn in ein Krankenhaus hatte bringen müssen, weil er einen Herzinfarkt erlitten hätte. Er spricht sie an: „Hast du das gewusst“? und erhält zur Antwort: „Ich habe ihn vorhin im Garten gesehen. Er hing da im Zaun“. Die Traumtänzerin lacht, wie es ihre Art ist, wenn sie unsicher zu sein scheint.
Es ergibt sich ein heftiges Gespräch, bei welchem Vorwürfe laut werden, z.B.: „Warum hast du keine Hilfe herbeigeholt“. Sie antwortet: „Was hätte ich machen sollen. Ich habe nichts bemerkt. Er hat nicht gerufen und nicht um Hilfe gebeten. Ich hatte auch Musik im Ohr. Das Stück ist so neu und genial. Hör mal rein. Da achte ich nicht so genau darauf, was passiert“.
Traumtänzer brauchen keine Erklärung. Sie hinterfragen auch nie und nehmen Veränderungen ihrer Umwelt kaum wahr. Sie kennen weder alte noch neue ritualisierte Vorgänge, z.B. dass zu jedem Frühstück ein Ei gehört oder Kaffee, oder, oder, oder. Sie scheinen jede Veränderung zu akzeptieren, aber in Wahrheit registrieren sie sie nicht einmal und kommentieren nie Abweichungen vom scheinbar Gewohnten. Nachts verfällt ein Traumtänzer in bleiernen Schlaf oder findet erst gegen Morgen ins Bett. Nur mit sich selbst und dem was er gerade macht, kann er umgehen. Er kennt keine Regeln, sondern einfach nur spontane Notwendigkeiten. Muss er z.B. plötzlich und schnell aufstehen, also das Bett verlassen, unterbleibt die morgendliche Körperpflege, die sonst stundenlang andauern kann, auch wenn ich, der Beobachter, nicht weiß, warum, denn aus dem Bad ist zu lange kein Geräusch zu vernehmen. Die entfallene morgendliche Körperpflege wird auch nicht nachgeholt. Traumtänzer sind meistens freundlich und gut gelaunt. Sie empfinden keine Zeitmaße wie Stunden oder Verpflichtungen. Verabredungen und eigene Zusagen halten sie nicht ein, und sie dringen nicht darauf bei Versprechen anderer. Traumtänzer schöpfen aus einer Quelle, die weder mit ihrer eigenen Zeit noch mit anderer Zeit irgendwie im Zusammenhang steht. Sie scheint sein Leben zu bestimmen und leitet ihn mit Intuitionen. Intuitionen aber kennen keinen Grund, vielleicht einen Auslöser. Sie sind selten erklärbar und verlangen oft außergewöhnlichen Umgang mit Ereignissen, die mit Logik oder Zeit, als Wahrnehmungen von Ereignissen, nicht erklärt oder verstanden werden können.
Traumtänzer, sind scheinbar Glückspilze. Sie leben aber nicht in einer anderen Welt. Die gibt es für sie nicht. Vielleicht haben sie eine eigene Welt. Das wäre keine andere Welt. Traumtänzer leben eigentlich immer so, sie würden sonst reagieren. Das geschieht nicht. Als Reaktion ist nicht das Wiedergeben von Gehörtem oder Gelesenem gemeint. Vielmehr sollte z.B. durch Wahrnehmungen von Ereignissen in ihrer eigenen Zeit, ihres eigenen Ichs etwas, das Erfolgsaussichten oder auch nur Veränderungen verspricht, mit Begeisterung entdeckt und in die Tat umgesetzt oder es sollten Wahrnehmungen von Ereignissen anderer in deren anderen Zeit auf ihre Chancen und Möglichkeiten der Realisierung überprüft werden.
Für mich als Beobachter entsteht schnell der Eindruck, dass Traumtänzer über große Zeiträume, also Stunden, Tage und länger, erschreckend lebensuntüchtig sind. Wahrnehmungen von Ereignissen in eigener Zeit haben sie nicht und die von anderen in anderer Zeit erreichen sie nicht. Sie sind somit frei von anstehenden Entscheidungen und den Folgen nicht übernommener Verantwortung. Sie empfinden auch kaum Mitgefühl. Allerdings verteidigen sie ihren offenbar eigenen emotionalen Zustand vehement und nehmen ihn als beständig und unverändert hin. Ihre sichtbare Anspruchslosigkeit und Fröhlichkeit, ja überwiegende und ansteckende Unbekümmertheit wie Unverbindlichkeit, münden oft in Selbstbemitleidung. Leider stellt sich zusätzlich eine wenig beachtete, mangelhafte Vorratshaltung und fehlende, eigene Bewirtschaftung jeder Art ein. Hinzu können Verkümmern der Familienbindung, sehr oft vernachlässigte Körperpflege und Eigenhygiene kommen.
Traumtänzer sind nicht bereichert um Wahrnehmungen von Ereignissen mit Gefühlsphänomenen der besonderen Art in eigener Zeit und erfahren keine Wahrnehmungen von Ereignissen durch andere in anderer Zeit.
Sie leben, so gesehen, in einer sterilen Unerfahrenheit





Harald Birgfeld, geb. 1938 in Rostock, lebt seit 2001 in BW, 79423 Heitersheim. Von Hause aus Dipl.-Ingenieur, befasst er sich seit 1980 mit Lyrik und Prosa.
Veröffentlichungen erfolgten im Verlag:
„Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik. e.V.“ Leipzig, ISBN: 3-937264.
Weitere Veröffentlichungen auch in Druck und Herstellung bei BoD, Norderstedt.
Es erschienen mehr als 27 Gedichtbände, 2 Epen, mehrere Sachbücher.
Harald Birgfeld ist in über 40 Anthologien vertreten, z.B.
Bibliothek deutschsprachiger Gedichte“, 82166 Gräfelfing/München,
„Ausgewählte Gedichte“:
2008, 2009, 2010, 2012, 2013, 2014, 2015, 2017, 2019, 2021.
Lorbeer Verlag, Bielefeld, 2017, 2019, 2020, 2021.
experimenta, Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, Bingen, 2020.
Quintus-Verlag, Berlin, Ulrich Grasnick Lyrikpreis, 2022.
kkl, Magazin und Initiative für Kunst, Kultur und Literatur 2022, 2023 (2x).
Geest-Verlag, “Poets of the New World”, 2024.

Im Internet unter: www.Harald-Birgfeld.de






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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