Ingeborg Henrichs für #kkl37 „Präsenz“
Mein Mann trägt Rosa!
Als wir uns in den siebziger Jahren des letzten Jahrtausends begegneten, da trug er ein Shirt, ohne Krokodil Logo, was damals ja total angesagt war, aber sein Shirt war rosafarben. Mehr als ungewöhnlich, doch es stand ihm. Mit uns beiden ging es weiter, selbstverständlich auch mit den Diskussionen um seine Vorliebe für die Farbe Rosa, die ich bis dahin eher als Mädchen- und Frauenfarbe kannte. Klar, ich fand die japanischen Kirschblüten Fotos klasse, Flamingos, Rosenquarz gefielen mir auch, ebenso rosafarbige Rosen. Nur einen Ehemann, der gern irgendwas oder irgendwo ein rosafarbiges Accessoires trug, erstaunte mich damals schon und tut es bis heute immer noch. Bei der Farbauswahl, sei es blass-dunkel- oder hellrosa, himbeer- oder lachsrosa, puder- bis perlrosa zeigte er sich immer sehr geschmacks- und stilvoll und kreativ treffsicher.
Meine Großmutter meinte damals, und Unrecht hatte sie nicht, dass diese Farbe einen großzügigen, bedingungslos liebenden und warmherzigen Menschen, in meinem Fall also meinen Mann, zugeordnet werden kann. Und sie sagte auch: Wer Hellblau tragen kann, dem steht auch Rosa. Aber mein Mann kam nicht auf die Idee, es mal umgekehrt, also mit Hellblau zu versuchen. Ich hätte es interessant gefunden.
Das Leben nahm seinen Lauf und wir wurden Eltern von zwei Jungen. Nun, es passierte nichts Ungewöhnliches hinsichtlich einer eventuellen Farbübertragung auf die Söhne. Natürlich bemerkten sie, besser goutierten Vaters besondere farbliche Vorliebe und gingen auf Entdeckungs- bzw Einkaufstouren, um ihm besondere rosafarbige Einstecktücher, Krawatten, Fliegen, Socken, Hemden, Westen, sogar Pullunder ließen sie für ihn stricken, zu schenken. Und er freute sich darüber sehr. Ein liebevolles Schmunzeln lag und liegt beim Dankeschön sagen dann auf seinem Gesicht.
Die Jahre zogen ins Land und es passierte etwas Wundervolles: wir wurden Großeltern von Enkeltöchtern. Der strahlende Gesichtsausdruck eines gewissen Opas war nicht zu übersehen. Mit Vergnügen widmete er sich den Baby-Ausstattungen und er hatte Glück, seine Schwiegertöchter mochten die Farbe Rosa, nicht nur wegen der klassischen Mädchen-Farbe, sondern auch einfach so.
Auch wurde seine Expertise hinsichtlich der vielfältigen Nuancierungen besagter Farbe dankend angenommen. Die Kinderzimmer, allerdings nur bis zu einem gewissen Alter der Enkelinnen gewünscht, waren wirklich ein rosafarbener Traum, ein kleines Paradies, ich muss es zugeben. Bald waren die Teenager Jahre erreicht, natürlicherweise änderten sich damit auch ihre Geschmäcker.
Mein Mann blieb zufrieden, denn er konnte sich nun den schönsten Erinnerungen an eine einzigartige Zeit in Rosa hingeben
Ingeborg Henrichs, zuhause in Ostwestfalen, verfasst kürzere Texte, fotografiert gern Momente, die gedanklich weiterführen. Schätzt das Schöne und Wertvolle in Natur und Kultur. Einige Veröffentlichungen.
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