Lasse Thoms für #kkl37 „Präsenz“
Pyramiden
Hast du schon wieder nicht aufgepasst, Kind? Wo hast du nur immer deine Gedanken? Wie soll denn das mit dir nur noch werden?
Solche und ähnliche Fragen musste ich mir mein ganzes Leben lang anhören. Meine Eltern wollten das wissen, wann immer ich eine Frage von ihnen nicht wie aus der Pistole geschossen beantwortete. Meine Lehrer sagten das gleiche, sagten immer, ich sei nie so richtig da. Als ob man mir das wirklich ankreiden konnte, wenn „da sein“ nur hieß, sich im Unterricht zu langweilen, statt in meinen Gedanken zu sein, die, mit Verlaub, viel interessanter waren. Aber wenn ich sagte, ich war in Gedanken, dann dachten alle immer erst recht, ich sei eben nicht richtig da. Als wäre da immer nur da, wo sie gerade waren, wo sie mich gerne haben wollten – wahrscheinlich war das für sie ganz genau das.
Ich habe mir damals nie Sorgen gemacht, nicht richtig da zu sein. Ich hatte meine Gedanken, ja, ich war oft in ihnen wie verschwunden, denn wenn mich jemand ansprach, war es, als tauche ich auf, als drängen die Worte wie durch Watte zu mir. Von draußen, von da, wo ich zu sein hatte, aber es nicht war.
Und wie ist es heute? Heute, wo mir niemand mehr sagen kann, ob ich denn schon wieder nicht aufgepasst habe, weil ich eben kein Kind mehr bin, und wo die Leute mich auch nicht mehr mit der Frage plagen, was denn aus mir werden soll, da ist die Frage immer noch da.
Ich bin erfolgreich geworden mit dem Verkaufen meiner Ideen – wahrscheinlich erfolgreicher, als mir guttäte -, mit dem Beschreiben dessen, was alles in meinem Kopf passiert, wenn ich mal wieder nicht „da“ bin. Viele Menschen lesen meine Bücher. Ich muss mich eigentlich wirklich nicht mehr fragen, ob ich es denn damit zu etwas bringen kann, ob ich nicht zu viel in meinen Gedanken bin.
In letzter Zeit habe ich viel über Abraham Maslow nachgedacht. Und über die Pyramiden von Gizeh.
Aus der Schule weiß ich, dass Maslow die Bedürfnispyramide erdacht hat, und dass, wenn er Recht hat, erst die unteren, die basalen Bedürfnisse abgedeckt sein müssen, bevor jemand etwas von den höheren Bedürfnissen wissen will. „Bedarf geweckt, Bedarf gedeckt“, wie es in einem der Lieblingsfilme meines Sohnes heißt. Ich habe selbst immer geträumt, Geschichten zu erzählen, ich habe mir Geschichten erträumt und diese dann aufgeschrieben. Das habe ich schon gemacht, als ich noch nie selbst eine Rechnung bezahlt hatte. Heutzutage kann ich glücklich sagen, dass ich heute Rechnungen von dem Geld bezahle, dass mir meine Geschichten einbringen. Da habe ich immer meine Gedanken, zumindest wenn ich arbeite. Aber oft auch darüber hinaus.
Maslow sagt, die höheren Bedürfnisse, nach sozialen Bindungen zum Beispiel, werden dann wichtiger, wenn man sich nicht mehr fragen muss, wie man am Abend Brot auf den Tisch bekommt und wenn erstmal ein Schloss an der Tür hängt. So ging es mir auch. Aber dass ich dann so schnell so viel Geld mit meinen Texten verdienen würde, hätte ich nicht gedacht. Ich will nicht abgehoben klingen, aber es toll, sich keinerlei Gedanken mehr darüber machen zu müssen, ob ich in den nächsten vierzig Jahren genug zu Essen und Geld zum Heizen haben werde. Das gleiche gilt für meine Familie. Und damit kommen wir zu den sozialen Bedürfnissen.
Ich habe eine Frau und einen Sohn, den ich sehr liebe. Aber ich arbeite auch sehr viel, das wollen wir nicht unterschlagen. Manchmal, da klagt meine Frau, ich sei mal wieder so vertieft in meine Geschichten, dass ich nicht richtig da sei, nicht richtig bei ihr und unserem Sohn. Und manchmal mache ich mir darüber auch Sorgen.
Ich kann von großem Glück sagen, dass ich in meinem Job etwas mache, dass mir großen Spaß macht, das mich erfüllt. Um meine Selbstverwirklichung (nach Maslow) muss ich mir höchstens insofern Sorgen machen, wenn ich abwäge, ob ich will, dass Menschen das lesen, was ich da schon wieder geschrieben habe. Denn es ist immer persönlich. Das Schreiben, meine ich. In jeder Story steckt was von mir. Sagen Sie das nur nicht weiter. Ich mache mir sonst Sorgen, dass man es auseinanderreißen will. Wenn man zu tief in die Maschine schaut, ist sie auch nur noch eine Sammlung von Rädern. Und wo bleibt da die Magie?
Damit kommen wir zu den Pyramiden von Gizeh.
Ich habe mal gelesen, dass mehr Zeit zwischen dem Erbauen der Pyramiden und dem Leben Cleopatras liegt als zwischen Cleopatra und dem ersten iPhone. Wie ist das, um mal kurz die eigene Zeitwahrnehmung zu zerstören? Ziemlich gut, nicht wahr?
Wenn ich sage, dass ich mir keine Sorgen um das Erfüllen meiner Grundbedürfnisse machen muss, dann sage ich das nicht, um anzugeben. Aber es ist, was es ist. Sie müssen nur verstehen, dass es in meinem Beruf lange nicht mehr um Geld geht. Wenn ich dafür schreiben würde, könnte ich es auch lassen. Und ich könnte mich hassen. Ich schreibe, weil es mich erfüllt. Es ist, was ich kann. Was mir Spaß macht. So kann ich mich selbst verwirklichen, was Maslow ganz oben auf seiner Pyramide ansiedelt. An dem Punkt sind die Grundbedürfnisse in weite Ferne gerückt, verstehen Sie? Es ist nicht schwer, dabei die Bodenständigkeit zu verlieren. Vielleicht habe ich das längst. Wenn Sie das hier lesen, können Sie gerne selbst beurteilen, ob ich nur abgehoben bin. Ich weiß es nicht. Ich bin auch der Falsche, das zu beurteilen. Nur: manchmal macht es mir Sorgen. Dass genau das passiert, meine ich. Dass ich den Sinn für die kleinen, die alltäglichen Freuden verliere. Dass meine Frau Recht hat, wenn sie sagt, dass ich nicht so richtig präsent, nicht so richtig da bin. Verstehen Sie das? Es ist so viel Zeit vergangen, seit ich nur träumte und träumte und in meinen Gedanken war und sagen konnte: es gibt nur das. Keine Rechnungen. Nur Träume und Geschichten. Meine Zeit, nur träumen zu können um des Träumens willen, sie kommt mir manchmal so lange her vor. Und das, obwohl ich nicht schreibe, um die Rechnungen zu bezahlen. Nicht vor allem. Denn es bleibt ein Fakt, dass sie bezahlt werden müssen. Von meinem Schreiben. Und ich bin froh, dass ich das kann. Nur verliere ich mich manchmal eben wirklich darin. Dann mache ich mir Sorgen, dass mein Sohn schneller groß wird, als ich blinzeln kann, und dass, ehe ich es mich versehe, mehr Zeit zwischen Cleopatra und den großen Pyramiden liegt als zwischen ihr und dem iPhone. Mehr Zeit zwischen dem Schulabschluss meines Jungen und jetzt als zwischen jetzt und seiner Geburt.
Dass ich mein Leben womöglich nicht so präsent, nicht so da lebe, wie es von mir erwartet wird, damit komme ich meistens gut klar. Das ist Berufsrisiko. Aber dann mache ich mir Sorgen, dass ich dabei anderes aus den Augen verliere. Ehe ich mich´s versehe, ist mein Junge groß, ist sein Lieblingsfilm nicht mehr Robots sondern Terminator, zieht er aus und fängt an, seine eigenen Rechnungen zu bezahlen, mit seinem eigenen Geld. Und ich werde hier sein, wie die Pyramide, immer noch hier sein, und nur tun, was Pyramiden tun: herumstehen und grübeln, seit Ewigkeiten hier aber nicht wirklich präsent. Und das alles, während um mich herum die Weltgeschichte passiert, zumindest der Teil, der mich persönlich – aus naheliegenden Gründen – am meisten interessiert: meine Zeit, meine Geschichte und die meiner Familie. Ich hoffe, ich verliere sie nicht aus den Augen.
Ich hoffe, die Pyramiden werden immer da sein, aber ich hoffe, dass sie nicht nur teilnahmslos dastehen und beobachten, was um sie herum alles passiert.
Ich hoffe, dass ich das Gleiche tun kann.

Lasse Thoms ist 23 Jahre alt und lebt und studiert in Hamburg. Aufgewachsen ist er mit seinen beiden Brüdern und über die Jahre mehreren Hamstern bei Münster in NRW, wo er als freier Mitarbeiter bei der Lokalzeitung tätig war. Seine ersten kurzen Geschichten schrieb er in der Grundschule. In den Jahren seitdem haben sich zwar die Themen verändert, die Lust am Schreiben aber kaum. Höchstens hat sie noch zugenommen. Lasse Thoms hat mehrere Texte im #kkl Magazin veröffentlicht. Interview für den #kkl-Kanal HIER
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