Die Zeit der fehlenden Worte

Ela Rosenberg für #kkl38 „Momentum“




Die Zeit der fehlenden Worte

Stille umgibt meinen Vater. Immer schon. Ich wusste nie, was er denkt. Heute weiß ich nicht, ob er überhaupt noch denken kann. Ist er glücklich? Er lächelt, wenn man mit ihm spricht. Viel häufiger als vor dem Schlag, der einen Teil von ihm löschte. Denkt er darüber nach, ob sein Leben richtig war oder erfüllt? Hatte er das jemals getan?

Vaters Leben begann mit Entbehrungen und dem frühen Verlust der Mutter. Die Stiefmutter ließ ihn mit seinen Geschwistern im Stall schlafen. Er erzählte von langen Schulwegen ohne Schuhwerk und von Brotstücken, die er als Kind heimlich den Insassen des naheliegenden KZs über den Zaun warf. Seine Stiefmutter ließ ihn vom Gymnasium holen und er musste den Beruf wählen, den der willenlose Vater für ihn bestimmte. Sein Erbe, ein einfaches Stück Land, wurde ihm genommen. Ich weiß, dass er damals zornig war. Er ging nicht zum Begräbnis seines Vaters. Er verweigerte seinen Halbgeschwistern den Gruß. Er wollte nicht verzeihen, auch nicht der nächsten Generation. Er erfüllte seine Beamtenpflicht bis zu jenem Tag, an dem seine zweite Tochter endlich ihr Studium beendete. Dann trat er in den Ruhestand. Die zweite Tochter, das war ich.

Neun Jahre baute er ein Haus, in dem viele Menschen hätten leben können. Nun wohnt er dort zusammen mit meiner Mutter. Nie sah ich die beiden Hand in Hand. Nie sah ich einen zärtlichen Kuss, noch hörte ich ein liebes Wort.

„Er hat nie gelernt, seine Gefühle zu zeigen“, sagte die Mutter. Muss man Gefühle lernen? Kann die Seele so vernarbt sein, dass nichts mehr hinein noch hinausgehen will? Vaters Blick, wenn er denn auf mich fiel, war oft geringschätzig. Ich war nicht das Kind, das er wollte. Er wollte nicht noch eine Tochter. Er hatte schon eine. Einen Sohn wünschte er sich, wenn es schon ein zweites Kind geben müsse. Und dann war die zweite Tochter auch noch so anders, frech und laut. Wenn er auf mich stolz war, ließ er es durch die Mutter ausrichten. Es war nicht dasselbe. Es erforderte keine Erwiderung. Wenn ich Erfolg hatte, war er überrascht. Er erwartete Enttäuschung.

Nun ist er alt und ein Teil von ihm schon tot. Er lächelt, wenn er mich sieht, und schweigt. Doch seine Stille kränkt mich nicht mehr. Die Zeit der fehlenden Worte ist vorüber. Jeder hat das Recht, sein Kind nicht zu lieben. Und doch soll mir ein Band der Zärtlichkeit bleiben. Wenn er stirbt, möchte ich trauern. Ich suche den Moment, der mir bleibt, um mich an ihn zu erinnern.

Vergilbte Fotoalben liegen neben seinem Bett und wir blättern darin. Ich erzähle Geschichten von Stiefmüttern und fehlenden Winterschuhen. Er schüttelt ungläubig den Kopf. Er freut sich über die Bilder von hohen Bergen, die er als junger Mann bestiegen hatte. Auf einem Foto sitze ich, an das Gipfelkreuz gelehnt. Wie sehr hasste ich die sonntäglichen Familienausflüge. Mein Vater legt seine Hand auf die Seite und lässt mich lange Zeit nicht weiterblättern. Er lächelt und streicht sachte mit seinem Finger über das Bild. Auch ohne Worte weiß ich, dass er trauert und den Moment sucht, der ihm in Erinnerung bleiben soll.




Ela Rosenberg

Ela Rosenberg ist in der österreichischen Provinz aufgewachsen und hat während Ihres Studiums die Liebe zum Stadtleben entdeckt. Nach unterschiedlichsten Berufsstationen in der Wirtschaft und als Verlagslektorin, widmet sie sich dem Schreiben und unterstützt als Lektorin andere Autorinnen und Autoren. Ihre Kurzgeschichten wurden in Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlicht.







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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