Trude Trautmann für #kkl38 „Momentum“
Zwischenwelt
Ein schlaftrunkener Gedanke und sofort in die Tat umgesetzt. Um 7 Uhr früh lief Mila zum Bahnhof. Ein Zug stand fahrbereit am Bahnsteig 1. Als der Zugbegleiter sagte: „Dies ist die letzte Station“, stieg Mila aus, mit der Erkenntnis, dass diese Stadt etwas Wunderbares für sie bereithalten würde. Ihre permanente Suche nach hohen Schuhen, Pumps, Sandalen würde heute bestimmt erfolgreich verlaufen. Es war wie eine Sucht, aber auch eine Notwendigkeit, denn in ihrer Schuhgröße 34 war die Auswahl überall ganz bescheiden. In den Straßen und immer weiter verzweigten Gässchen suchend, stand sie nun vor einem Haus, das mit braunem Packpapier und einer großen Aufschrift „Neueröffnung“ fast total verhüllt war. In der Tür war ein kleines viereckiges Guckloch offen gelassen. Genau auf ihrer Augenhöhe. Sie hatte heute ihre 10 cm hohen Pumps an, deshalb 160 cm groß. Wirklich groß. Nicht klein oder ein Stumpen, ein halber Meter, wie andere abschätzig oder belustigt bemerkten. Neugierig schaute sie durch das verstaubte Tür-Fenster. Gerade in dem Moment regnete es Bindfäden. Schnell die Türklinke gedrückt und hineingegangen. Eine kleine Melodie ertönte, doch niemand war da. Seltsam, stand doch Neueröffnung draußen. Vielleicht erst in ein paar Tagen? Auf einem silbernen Barwagen stand ein Schild: Lieber Wanderer, setze dich und bist du durstig, trinke vom köstlichen Ingwer-Wasser. Mila dachte: „Lieber sehe ich mich im Laden mal um.“ Er ist ziemlich schmal, links und rechts sind Regale aufgebaut. Links sind ein paar Bücher mit blauem Einband und rechts wenige mit rotem Einband einsortiert. Ein rotes nahm sie heraus und las den Titel in weißem Fettdruck: Text ohne Worte. Was für ein seltsamer Titel für ein Buch! Sie blätterte darin und fand tatsächlich kein einziges Wort. Nur lauter Punkte. War das ein Buch in Blindenschrift? Dann hätte es ja einen Sinn. Mila stellte das Buch wieder zurück. Ein Plakat lag aufgerollt auf dem schweren Holztisch aus dem 18. Jahrhundert. Ihre zweitliebste Shopping Anlaufstelle waren Antiquitätengeschäfte. Das Plakat: ah, klar, die Buchhandlung „Zwischenwelt“. Es waren Bücher in allen Farben aufgedruckt und das Wort in verschiedenen Schreibstilen gezeichnet. Durstig und müde nahm sie das Angebot an den lieben Wanderer an. Mila setzte sich auf das alte Sofa, englischer Stil, mit großem Blumenmuster, und goss das Ingwer-Wasser in ein Glas ein. Sie seufzte, ein Cocktail wäre ihr lieber, schließlich war es inzwischen schon Mittagszeit, ein Manhattan, Gin Tonic, und dazu ein paar belegte Brötchen mit Lachs, Käse und Tomate wären eigentlich super für eine Neueröffnung. Ihre drittliebste Beschäftigung: Vernissagen, dort gab es immer etwas zu trinken und manchmal auch eine Kleinigkeit zu essen. Nach ihrer Rückkehr würde sie die Events im Internet durchforsten und auf ihre to do Liste setzen. Plötzlich ertönte eine leise Stimme: „Bist du nun endlich da, ich warte schon seit Jahren!“ Mila rieb sich verwundert die Augen. Das Zimmer sah nicht mehr wie vorher aus, die Wände waren zwar weiterhin in Blau und Rot gehalten, aber keine Bücher mehr zusehen. Sie erblickte ein kleines Mädchen mit platinblonden Haaren. War das ein Traum? Das Mädchen schien zu ahnen, was Mila dachte. Sie sagte: „Ich bin dein früheres Ich. Spreche mich mit Harmony an. Du wolltest schon immer größer sein, dein Run auf hohe Schuhe zeugt von Selbstzweifeln, dein Selbstwertgefühl ist unterirdisch. Komm mit mir in meine Welt, ohne deine Hilfsmittel. Wie kannst du damit nur gehen, am Ende deines Lebens werden die Zehen vollkommen verformt sein! Igitt.“
Mila zog ihre geliebten Schuhe aus. War das Ingwer-Wasser mit etwas Unbekanntem versetzt worden? Dieser seltsame Zustand von Schwerelosigkeit. Harmony nahm ihre Hand und beide glitten in den Raum tiefer hinein. Mila glaubte, dass der Raum dunkler werden würde, aber das Gegenteil war der Fall. Es wurde heller und auch wärmer, sie fühlte sich gesättigt. Sie schmeckte auf ihrer Zunge eine Tomate mit Mayonnaise. Ah, ein Geschmack vom Gin Tonic umtoste ihre Zähne. Bis jetzt war es auch still gewesen, aber als beide an den Rand des Raumes kamen und Harmony eine Hand durch die Mauer schob, zerbröselte diese und blieb als Sanddüne liegen. Nun sah Mila alles auf Augenhöhe: Apfelbäume mit roten Äpfeln, die sie greifen konnte, Palmen mit Kokosnüssen, auch diese nah. Das Wasser plätscherte in einem See. Beide durchwateten diesen, um das andere Ufer mit vielen fröhlich winkenden Menschen zu gelangen. Mila fiel auf, dass obwohl Harmony kleiner als sie war, beide gleich knietief im Wasser standen. Sie sagte: „Harmony, wie kann das sein?“ „Liebe Mila, merkst du denn nicht, dass in dieser fiktiven Wohlfühlwelt alles auf jeden von uns einzelnen zugeschnitten ist? Das kann wunderschön und einfach sein, wie du es jetzt hier siehst, aber die reale Welt ist doch viel interessanter, mit all den Höhen und Tiefen, Anstrengungen, Aufregungen. Denk doch mal darüber nach, was du alles in den vergangenen Monaten erlebt hast. Diese Welt hier ist wie ein Spiegelkabinett, wenn man dahinter sieht, ist es eintönig, fahl, immer das Gleiche. Kehre zurück und erzähle deine Geschichten.“ Mila bemerkte einen Windhauch und schlug die Augen auf. Ein Mädchen mit dunklen Locken lächelte sie an: „Bist du eingeschlafen? Unsere Eröffnung ist morgen. Willst du mir helfen? Ich bin momentan alleine hier und finde es öde. Keiner spricht mit mir.“ Und schon redete Mila wie ein Buch ohne Punkt und Komma.
Trude Trautmann, Jahrgang 1961, lebt mit ihrer Familie in Süddeutschland. In Schreib-Seminaren lernte sie das Handwerk kennen. Beobachtungen aus dem Alltagsgeschehen und familiäre Erinnerungen werden in Kurzgeschichten abwechslungsreich verwoben.
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