Ralf M. Ruthardt für #kkl38 „Momentum“
Das verfehlte Momentum
Es muss ein Missverständnis sein, denkt er, als soeben das Ergebnis bekannte gegeben wurde. Dabei ist er sich seiner Sache sicher gewesen. So sicher, dass er zu keinem Zeitpunkt seine Ergebniserwartung infrage gestellt hat.
Fünfzehn Minuten sollte jeder Redebeitrag bei dieser Parteiversammlung dauern. Klar war, dass er seine Redezeit überziehen würde; es musste erkennbar sein, wer hier dominiert.
Zwischen zwei Kandidatinnen und zwei Kandidaten konnten die anwesenden Mitglieder sich entscheiden. Die geschlechtlich paritätische Besetzung war seine Idee gewesen. Er war stolz darauf – und fühlte sich dabei jünger und modern. Auf das Ergebnis brauchte diese Parität keine Auswirkung zu haben, schließlich ist er seit vielen Jahren in der Partei engagiert, etabliert und an seinen Ansichten kommt seit Langem keiner vorbei. Sein Netzwerk steht. Da sind die Inhaber der Bauunternehmen und Handwerksbetriebe. Da ist der ortsansässige Klavierbauer, der die Musikschule beliefert. Zudem der Kommandant der Feuerwehr und viele andere Duzfreunde. Man hält zusammen. Man unterstützt sich. Er wird für gerechten Ausgleich sorgen – sobald die anstehende Wahl des Oberbürgermeisters gewonnen ist.
Es galt heute Abend die Person zu wählen, die von der Partei für den besagten Wahlkampf nominiert und unterstützt wird. Der Amtsinhaber, ein langgedienter Parteikollege, tritt altershalber ab. Seit Jahren war klar, dass er dessen Nachfolger wird.
Jetzt wurde in einem Moment das, was bisher klar schien, zur ungewünschten klaren Unklarheit. Kein Höhepunkt seiner politischen Karriere. Keine finanziell attraktive Zukunft. Und noch mehr: Keine Plattform für Eitelkeiten. Und auch das: Keine nicht versiegende Quelle für sein fragiles Selbstbewusstsein. – Woraus soll er zukünftig seine Daseinsberechtigung ziehen?
„Ich bedanke mich bei allen zur Wahl stehenden Kandidatinnen und Kandidaten“, sagt soeben der Versammlungsleiter. „Es war eine wahrhaftig demokratische Entscheidung.“ Er hört nicht konzentriert zu, was der Versammlungsleiter zum Besten gibt. Er nimmt auch nicht war, als dieser zum Schluss der Parteiversammlung die große Anzahl an neuen Mitgliedern nochmals herzlich willkommen heißt und sich freut, dass diese soeben bei ihrer ersten Wahl teilgenommen haben. „Es hat in unserem Ortsverband noch nie innerhalb weniger Wochen eine so hohe Anzahl an neuen Mitgliedern gegeben. Betrachten wir es als historisch“, schwärmt der Versammlungsleiter, welcher zugleich Vorsitzender des Ortsverband der Partei ist. Und man hätte meinen können, dass dieser sich bei seinen Worten ein schelmisches Grinsen verkneifen muss.
Er hätte zuhören sollen. Er hätte aufmerksam auf die Gesten der für die Wahl zur Oberbürgermeisterin gekürten Kandidatin achten sollen. Jedem der Neumitglieder wurde eine herzliche, dankbare Umarmung zuteil. Ganz wie es sich gehört, wenn jemand auf demokratischem Wege Verantwortung für eine am Gemeinwohl orientierte Aufgabe übernehmen will.
Da steht er nun. Völlig irritiert, dass das Momentum, in dem die Dinge in die von ihm bestimmte Richtung laufen, ein Ende gefunden hat. Langsam dämmert ihm, dass es nicht der Zufall gewesen sein will, der diese, seine Zeit beendet hat.

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Ralf M. Ruthardt als Unternehmer mit der Digitalisierung und Prozessautomatisierung – auch basierend auf künstlicher Intelligenz. Seit 2023 ist er publizistisch tätig. Mit seinem Roman „Das laute Schweigen des Max Grund“ meldet er sich zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen zu Wort. Ihn interessieren vor allem die Menschen in deren Vielfalt und der jeweilige soziologische Kontext, in welchem Menschen leben.
Internetseite zum Buch: https://politik-ja-bitte.de/
Internetseite zum Autor: https://mitmenschenreden.de/
Interview auf dem #kkl-Kanal HIER
Über #kkl HIER
