Vor mir der Horizont

Caroline Heindl für #kkl38 „Momentum“




Vor mir der Horizont

Ich wusste nicht recht, ob ich vor Aufregung lachen oder weinen sollte.

Während mir allein vom Zusehen das Blut in den Kopf stieg, wirkte Nico völlig unbekümmert.
Er tänzelte geschickte über das kaum handbreite Seil und wirkte dabei entspannter als so mancher bei einem Balanceakt am Bürgersteg. Trotz seiner Versiertheit machte mein Herz bei jedem Taumeln einen kleinen Sprung und beruhigte sich zunehmend mit jedem Schritt näher zum Ziel. Ein Lächeln zeichnete sich auf seinen Lippen, als er seinen tranceartigen Blick brach und den meinen erhaschte. Mich überkam das Verlangen laut Beifall zu klatschen oder ihm um den Hals gefallen, doch mir kam nur ein kleines „Wow” über die Lippen, als er sich auf festen Boden begab. Seine himmelblauen Augen reflektierten in der Mittagssonne und in mir rumorte es.

“Habe ich dir zu viel versprochen?” fragte er und deutete auf die atemberaubende Aussicht, während das Tal sich in ein helles Rot der untergehenden Sonne färbte. Es blieb gerade noch genug Zeit, um in Ruhe einzupacken und bei dem letzten Tageslicht unten anzukommen. Er erwischte mich, als mein Blick einen Moment zu lange auf ihm verweilte. Verlegen nickte ich ihm zu und wich aus. Um die leicht unangenehme Stille zu überbrücken, fragte mich Nico nach meinen Fotos – dem eigentlichen Grund, warum ich an diesem Samstag mit einem wildfremden Mann und seinen Slackline-Freunden den Peilstein erklomm. „Das hier. Ich finde, das hat echt etwas Zufriedenes.” Als ich ihm die Kamera reichte, durchstreifte sein gründlicher Blick jedes Detail des Bildes. Nicos sah mich wortlos aus dem Augenwinkel an, bis wir beide lachten. Auf dem Bild hielt er sein hart erkämpftes veganes Brötchen, das er nach einer mühsamen Diskussion mit dem Verkäufer liebevoll umschlang und mit aufgerissenen Augen verschlang. Während er kurz wieder in seinem kleinen Wutanfall des Unverständnisses abschweifte, griff ich nach meiner Kamera und zeigte ihm mein eigentliches Lieblingsbild von heute. Eine kribbelnde Nervosität machte sich bemerkbar. Vielleicht hätte ich doch ein anderes gewählt, murmelte die Stimme in meinem Kopf. Er blickte sich erneut entgegen. Kurz vor dem Aufstieg, noch bevor sich seine Miene völlig vertiefte, konnte ich seine entzückende Vorfreude erhaschen.  Mit seinen wasserstoffblonden Haaren stach er deutlich aus der ansonsten flachen Umgebung heraus, während hinter ihm die hellbraunen Felsenspitzen emporragten und dazwischen die sattgrünen Felder sich erstreckten, weit in die Ferne. Auch heute betrachtete ich das Bild immer noch gerne, dann wenn es unerwartet in meiner Vorschlagsliste auftauchte. Dabei verspüre ich unverändert diesen kleinen Anflug von Wärme. Die Ruhe, die von ihm strahlte, hatte ich so noch nicht und auch nie wiedergesehen.

Während wir die einzelnen festgehaltenen Momente bestaunten, begann sich der Rest langsam reisebereit zu machen. Es schien, als ob Nico der Schlussakt für den heutigen Tag war. Ich beobachtete sie beim Zusammenräumen und er schien etwas zu erkennen, das ich mir selbst nie eingestehen konnte. Ein Hauch von Versäumnis lag in meinen Augen, den meine Angst sofort im Keim zu ersticken versuchte. Nico neigte den Kopf, blätterte noch einmal durch die Fotos und sprach dann entschlossen: „Komm. Wir machen dir auch so ein Bild.“  Er nahm die Kamera und wies mich an, mich neben dem Ankerpunkt zu positionieren. Ich folgte seinen Anweisungen, doch kurz bevor er den Auslöser betätigte, warf er mir einen skeptischen Blick zu und schüttelte den Kopf. „Da fehlt noch etwas. Gerald, bring mir einen Klettergurt. S, bitte.“  Als er die Größe des Gurtes erwähnte, hielt er kurz inne und wartete auf meine Reaktion. Verwirrt nickte ich. Mit Geralds Hilfe schlüpfte ich in den Klettergurt, um laut Nico ein authentisches Foto für Instagram zu bekommen. Als ob mir das jemand abkaufen würde. Während er mich näher zum Seil führte, spürte ich eine Vorahnung in mir aufkommen, die sich wohl in meinem Gesicht widerspiegelte. Nico versuchte vergeblich, sein verschmitztes Lächeln zu verbergen, und bestätigte meine Annahme. Ich spürte, wie sich meine Augen instinktiv weit öffneten, als mein Blick in den zweihundert Meter tiefen Abgrund fiel. Gleichzeitig schüttelte ich vehement den Kopf und wiederholte das Wort „Nein!“ gefühlt sechzehnmal.

Nico schlängelte sich zu mir herüber, versperrte mir halb den Weg und ließ ihn doch einen Spalt weit offen. “Alles gut.“ Er legte seine Hand auf meine Schulter und gab mir die Kamera zurück. Mit einer derartigen Leichtigkeit setzte er sich auf die Slackline, den Rücken zur Schlucht gewandt, und deutete auf den Abschnitt vor ihm, der noch genug Platz für eine Person bot.

„Komm her, hier kann dir nichts passieren.“

Ich haderte mit meiner Entscheidung. Gegen jedwede Vernunft ließ ich mich befestigen und setzte mich eine Armbreite vor ihn. Meine Füße standen noch fest am Felsen, während die seinen bereits in der Luft baumelten. Er gewährte mir den Moment, um mich umzusehen und die Höhe zu spüren.
“Und, wie fühlst du dich?” Ich murmelte ein kaum verständliches Gut, ein triumphierendes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Wir saßen eine Weile, in der Stille der Natur. Ich schloß die Augen, bis plötzlich alles wippte und mich aus der Balance brachte, nervös krallten sich meine Hände das Seil. Er solle doch mit dem Blödsinn aufhören, schrie ich Nico an, während sich der immer weiter raus robbte. “Bereit für besser? “ seine Antwort, als er wieder zum Stillstand kam. Aufgeregt winkte er mir ihm nachzukommen.

Aus meinem Blickwinkel wirkte es, als würde er von mir verlangen, mich die halbe Slackline entlangzuziehen. Wahrscheinlich waren es nicht mehr als vier Meter, allerdings ohne jeglichen Halt. Gerade da, wo das Seil anfing, bereits etwas nachzugeben und sich mit dem Wind zu bewegen. Er sei wahnsinnig und würde mich noch umbringen, warf ich ihm halb wütend, halb ängstlich an den Kopf, während sich meine Hände vorsichtig immer näher hantelten.

“Den Ausblick muss man sich verdienen.” meinte er grinsend und zog sich weiter in den Abgrund.
„Und wie willst du jetzt ein Foto machen?“ fragte ich mit einem Hauch von Spott in meiner Stimme und blickte dabei auf meine Kamera, die einsam am Felsabsprung auf mich wartete. Nico wedelte mit seinem I Phone herum und hielt sich dabei spielerisch mit einer Hand fest. Ich gab mir alle Mühe, dabei so entspannt zu wirken, während mein Herz mir bis in die Ohren pochte. Er schüttelte wieder den Kopf, so wie ein Künstler kurz bevor er sein Werk erneut weiß übermalte.

„Kopfüber wäre besser.“ Nico setzte dabei einen nachdenklichen Blick auf, während ich ihn ungläubig anstarrte und er mit einem beschwichtigenden Schulterzucken antwortete. Ich wiederholte mein siebzehntes und achtzehntes Nein, kurz bevor ich mich rückwärts in den Abgrund fallenließ.

Kurz vor dem Absprung

Ich musste immer wieder an mein Erlebnis am Peilstein denken und somit unweigerlich auch an ihn. Unser Kontakt schlief die Zeit über ein, zu einem weiteren Treffen kam es nicht. Auch wenn es Michal nicht direkt ansprach, konnte ich die Traurigkeit in seinen Augen sehen, wenn ich in seiner Anwesenheit davon erzählte. Er selbst hatte mich nie ausgefragt und irgendwie den Moment verpasst.

Nun herrschte diese Anspannung zwischen unserem Blickabtausch, als ich auf meine blauen Flecken an den Beinen angesprochen wurde. Verlegenheit lag in meiner Antwort, meine Euphorie hielt ich bestmöglich zurück. Nicht das Pat echtes Interesse an meinem Erlebnis gezeigt hätte, viel eher wartete er darauf, um seine Pointe “Das sieht nach einer wilden Nacht aus. “ loszuwerden. Selbstgefällig blickte er in die Runde, um sich Anerkennung für seine einfallsreiche Bemerkung zu ernten. Wortlos lächelte ich und trank einen großen Schluck, während meine Augen nicht von Michal wichen. Die Bedrücktheit schien er überwunden zu haben, oder es recht gut zu kaschieren. Mit der passenden Entschuldigung eines leeren Glases, zog ich mich aus dem Gespräch, das sich nun endlich den wichtigen Dingen widmete: dem gestrigen Spielergebnis.

Ich schlenderte ziellos durch die Party, ohne einen Ankerpunkt zu finden. Meine Lippen hingen hauptsächlich an dem immer leer werdenden Glas oder an fremden Zigaretten. Die warme Nachtluft erlaubte es mir, den Sternenhimmel zu betrachten, solange ich wollte. Zunehmend verlagerte ich mein Trinkgelage auf diesen ruhigen Balkon und führte meine interessantesten Gespräche mit den Gästen, die genauso tief ins Glas geschaut hatten wie ich.

Michals plötzliches Auftauchen jagte mir einen kleinen Schrecken ein, ich war im Alleinsein mit den Gedanken abgetaucht. Ich hielt ihm mein Bier hin, um anzustoßen und bot ihm eine Zigarette an, die ich noch übrighatte. Er setzte sich neben mich und fragte mich danach, wie mir die Party gefiel und ob ich den Spaß hätte. Ein recht erwartbarer Gesprächseinstieg, die Art und Weise wie er sie formulierte ließ mich aber vermuten, dass noch mehr dahintersteckte. „Du wirkst abwesend“, ergänzte er, während er am Etikett des Bieres zog. Ich zuckte mit den Achseln und meinte, dass es vielleicht an der Menschenmenge lag. War mir heute wohl etwas zu viel. Er nickte. An diesem Punkt hätte ich gerne mehr gesagt, aber mein Blut hatte nicht genug Alkohol und die Atmosphäre nicht genug Vertrautheit.

Unsere Anläufe, ein längeres Gespräch zu führen, verliefen alle im Sand. Wir nippten an unserem Getränk, dicht aneinander und doch war da diese Weite zwischen uns, die unüberwindbar schien. Diese Stille war uns nicht neu, lediglich schien sie uns an diesem Ort beinahe zu erdrücken. Wir trugen sie mit uns mit, längst ein Teil von uns geworden. Gerade als ich uns mit dem Hineingehen erlösen wollte, drehte sich Michal zu mir und sah dabei regelrecht erschlagen aus.

“Würdest du ihn gerne wiedersehen?”  Da war sie endlich, die Frage aller Fragen. Alles drehte sich, Gedanken schossen wie Pfeile durch meinen Kopf und doch blieb kein einziges Wort davon hängen, um ihm eine Antwort zu schenken. Sie traf mich völlig unvorbereitet, ging unter die Haut. Als einzige Reaktion blieb die Flucht. „Du bist betrunken,“ wich ich aus, hielt dabei meinen Blick gedeckt.
Ich stand auf und bat ihn heimzugehen, das hier war nicht der richtige Zeitpunkt, um unseren versäumten Gesprächen nachzuholen. Inmitten einer Gesellschaft von Betrunkenen, die sich einen angenehmen Abend erhofften. Er griff nach meiner Hand. „Nein, wir müssen jetzt reden.“ erklärte er mit Nachdruck. Ein Flehen machte sich in seiner sonst bestimmenden Tonlage bemerkbar. Ich hörte seinen Schmerz und er berührte meinen. Auf seine Anweisung setzte ich mich wieder neben ihm, etwas weiter als zuvor. Zwischen uns saß all das Unausgesprochene der letzten Monate, wenn nicht gar der letzten Jahre. In mir köchelte gleichzeitig eine Wut, die versuchte, sich ihren Weg zu bahnen. Mit jedem weiteren Schluck Alkohol schien sie leichter durchzudringen und sich in meinen Worten niederzuschlagen. „Wir haben doch darüber gesprochen, Michal. Zwischen uns ist nichts passiert. Jetzt lässt du dich von Pat nervös machen?“ Michal rückte näher, unsere Knie berührten einander.

„Das weiß ich.“ sagte er zu meiner wiederholten Überraschung; die Sanftheit war wieder in sein Gemüt zurückgekehrt. Er nahm zaghaft meine Hand und sah mir für den nächsten Satz tief in die Augen.
„Ich weiß das,“ wiederholte er. „Nur, die Art wie du von ihm redest …“ in seiner Stimme klirrte ein großes Bedauern und mir schoss das Blut in den Kopf. Dieses Mal lag es nicht an einem großen Schluck Weißwein. Bevor ich ihm erklären konnte, welch ein großer Moment, das in meinem Leben war. Wie viel Überwindung es mich gekostet hat, mich von all meinen Ängsten loszureißen, und dass es dabei nur um mich ging, übermannte ihn erneut seine eigene Gemütslage.

„Sag mir nur, denkst du auch an ihn?“

Da gab es nicht viel zu ergänzen, nichts zu erklären. Nichts, was ich jetzt sagen konnte, hätte seinem Gefühl geholfen. Ich hätte mir nur das schlechte Gewissen von der Seele geredet. Ich bejahte und sein Kopf sank unter unserem beider Gewicht.

Wir sahen uns schweigend an und unser beides Schweigen sprach Bände.

Im Bann der Ektase

Wir verabredeten uns erneut im Park.

Bei der Fahrt spielten meine Gedanken verrückt, sprangen von jeder Extremität zur nächsten und wieder auf Anfang. Nervös drehte ich meine Ringe an den Fingern und fragte mich, wofür ich mich eigentlich so hergerichtet hatte. Mit welcher Intention wir dem Treffen zustimmten. Weswegen Michal darauf bestanden hatte. Wem ich damit etwas beweisen wollte, und was denn überhaupt.  

Die Bahn blieb stehen. Ich wollte sitzenbleiben, umdrehen und mich für die Verwirrung entschuldigen. Die Neugierde zog mich auf den Bahnsteig und redete mir gut zu. Es war nur ein Treffen, um meine Gedanken zu sortieren. An einem neutraleren Ort, fernab von diesem elektrisierenden Gefühl des Adrenalins. Das war ich meiner Beziehung schuldig, Michael und allem voran mir selbst. Nicos Stimme ertönte auf der anderen Straßenseite, als er mich sah „Hola! Chica.” Er winkte mir mit seiner freien Hand zu, die andere hielt zwei Kaffees, am Rücken schleppte er einen überdimensionalen Rucksack mit sich. Ich erahnte böses, zugleich durchzuckte mich schirre Vorfreude. Wir schlenderten den Weg entlang, bis wir einen Platz in der Sonne ausfindig machten. Er zerrte eine Picknickdecke, unter einem Berg voller Slackline-Gear, hervor und bestand darauf, am Boden zu sitzen. Die gesamte Hinfahrt über, hatte ich mir meine Sätze im Kopf zurechtgelegt und nun blieben sie mir allesamt im Hals stecken. Er blickte mich fragend an. “Ist was? “ Ich schüttelte den Kopf. Noch wollte ich diese Leichtigkeit nicht brechen, dachte ich mir. Eine Stimme in mir ergänzte meinen Gedanken, oder diese Tür noch nicht zu schließen. Meinen verzwickten Blick schob ich den blauen Flecken zu. Er nannte sie ein Monument meines Mutes. Darauf stießen wir mit unseren Cappuccinos an.

Sein Stichwort. Er begann seinen gesamten Rucksack auszuräumen und zog deren Inhalt zu den zwei Bäumen. Nun wusste ich, weshalb er diesen Platz gewählt hatte. Während Nico die Rodeo Line – eine äußerst nachgiebige Slackline – spannte, hielt ich unsere Getränke und fragte, wozu er die denn heute mitgebracht hatte. Mit einem leicht ironischen Unterton antwortete er: „Na, um an deinem Körpergefühl zu arbeiten.“ Es war angerichtet. Behutsam reichte er mir die Hand und hielt gerade genug Abstand zwischen uns, um mir Stütze zu bieten. Schon beim Aufstieg spürte ich mein mangelndes Gleichgewicht, stützte mich vollständig auf ihn und flehte ihn mit meinem Blick förmlich an. Ehrlich gesagt, ich hatte mich noch nie so ungeschickt gefühlt. Jeder Schritt war eine Herausforderung, und ohne ihn hätte ich den Boden schon beim Aufsteigen unsanft berührt. Obwohl er ständig betonte, wie gut ich mich schlagen würde, glaubte ich ihm kein Wort. Dennoch war seine Überzeugung ansteckend, er wiederholte es so oft, bis ich mich traute, seine Hand, wenn auch nur für den Moment, loszulassen. Lang genug, um kurz zu fliegen und wie erwartet zu fallen. Bevor ich mit dem Gesicht vorwärts in mein Unheil zu stürzen, fing er mich auf und zog mich aus meiner Misere. Dieser kurze Augenblick der Nähe, ließ in mir alle Zweifel auflodern und alles schien kurz um uns stillzustehen.

„An mir ist ein Trapezakrobat verloren gegangen.“ Scherzte ich, während wir der untergehenden Sonne auf der neuen Donau zusahen. Nico nahm einen Schluck von unserem Billigwein, den wir zuvor an der Tankstelle gekauft hatten, und antwortete grinsend. „Ich habe weitaus geschicktere Menschen an der Rode-Line verzweifeln sehen.“ Ich gab ihm einen leichten Schubs mit der Schulter, er stieß liebevoll zurück, rückte dabei noch näher an mich heran. In mir rumorte es wieder, als er zaghaft in meine Richtung sah und auf meine Reaktion wartete. „Nico, ich kann nicht.“ Er suchte wieder die Distanz zwischen uns, ich trank einen großen Schluck, um mir die Zunge zu lockern. Gerade als ich ausholte, um alles zu erklären, mir die Last von der Brust zu sprechen, stand er auf und blickte auf mich herab. „Komm, dafür braucht es keine Worte.“ Neugierig folgte ich ihm, all den Weg entlang bis hinauf die rostenden Bauleiter und ein fremdes Dach. Wieder leicht ergriffen von der Aussicht lächelte ich ihm zu und betonte, wie neu das alles für mich war. Ein Satz von ihm bleibt mir bis heute tief verankert in meinen Gedanken: „Hör nie auf zu Spielen.“ Ich mochte den Satz, es erinnert mich an sein Wesen.

Das Momentum

Es war ein Donnerstag.

Den ganzen Tag über verharrte ich an derselben Stelle: in meiner kleinen Arbeitsecke. Ich starrte all unsere Sachen an, lag in unserem Bett, öffnete unseren Kühlschrank, deckte mich mit unseren Decken zu und aß Instant-Suppe aus unserer Schüssel. Schleppte mich zurück zum Computer und setzte mich in seinen alten Sessel, den er mir geschenkt hatte, weil mein alter mir Rückenbeschwerden bereitete. An den Tisch, den er mir aufgestellt hatte. In unserem Zimmer. Inmitten unserer Vergangenheit und noch Gegenwart. Ich wartete, ohne zu wissen, worauf. In welcher Stimmung er durch diese Tür kommen würde, was er hören wollen würde, ohne zu wissen, was ich denn zu sagen hatte.

Es war so still um mich, dass ich sein Ankommen miterleben konnte: das Aufsperren der Haustür, die schweren Schritte bis zu unserem Zimmer, das Öffnen der Türklinke. Ich saß in der Ecke und sah zaghaft in seine Richtung. Sein Blick traf mich, und der Meine löste bei ihm Tränen aus. So hatte ich ihn bisher noch nie gesehen und es brach mir mein schweres Herz. „Du hast dich also entschieden“, das Flüstern war so laut, durchbrach all unsere Mauern. Nach zaghaftem Annähern nahm ich ihn den Arm und flüsterte ihm zu, wie leid es mir tat. Wir standen da eine Weile, bis wir es nicht mehr taten.
Bis wir uns trennten, zuerst noch unseren Besitz, gefolgt von dem wir. Bis unsere beiden Leben in völlig andere Richtungen verlief. Wir hatten es unzählige Male versucht, ob ein „Wir“ funktioniert. Hatten versucht, die anfängliche Leidenschaft wiederherzustellen, dorthin zurückzukehren wo alles begann. Im Alltag verblassten diesen kleinen Momenten wieder, bei denen wir ganz im Jetzt waren. Sie waren zu klein, um diese Weite zwischen uns je ganz zu bezwingen. Je fester wir danach griffen, desto gebrechlicher wurden sie. Irgendwann auf dem Weg kam dann die Erkenntnis, dass uns viel mehr trennte als zusammenhielt. Dafür brauchte es nicht Nico, nur das Gefühl, das ich mich als Erstes zu fühlen traute. Viel mehr über mich kam, zu groß war, um es zu ignorieren. Ein Hauch von Lebendigkeit, wenn man es so nennen möchte. Mich hatte an diesem Tag der Mut geküsst und nicht mehr losgelassen. Es war wie ein Lauffeuer, das mit dem kleinen Funken begann. Als ich kopfüber an dieser Slackline hängte, kam eine unbändige Hilflosigkeit über mich. Die mir erschreckend vertraut wirkte. Aus der ich mich nun endlich befreite, wir uns befreiten.

Mich hatte Nico gerettet, in der Situation und im übertragenen Sinn. Er, aber viel mehr unsere Momente waren ein Ansporn. Mich der Ungewissheit zu stellen, auf mich zu vertrauen. Mit Michal war ich so viele Schritte gegangen, weiß ich denn überhaupt, wohin ich gehe. Zusammen in eine neue Stadt gezogen und die erste eigene Wohnung mit Leben gefüllt. All die großen Dinge zuerst zusammen erlebt, wo stand ich denn fernab von dem wir.

Was zwischen Nico und mir entstand, war intensiv und leidenschaftlich, aber auch von sehr kurzer Dauer. Es brauchte nicht lange, bis sich das zeigte, was unter all‘ dem Verborgen lag. Erst nach dem Loslassen der Ekstase kam der weitaus härter Fall. Die Einsamkeit, die Trauer, die sich bisher gut ignorieren ließ. Nachdem die Stürme sich gelegt hatten, blieb aber etwas zurück: eine leise Neugierde und ein lautes Selbstbewusstsein. Er half mir dabei, verborgene Seiten an mir zu entdecken, die ich bisher übersehen hatte.

Ich bin immer noch am Entdecken.




Caroline Heindl

Gedicht-Sammelband:
Wien steckt ein bisserl in jedem von uns
2022/ Verlag: wortweise Was man liebt, das lässt man gehen. Ich werde wiederkommen, du mein schrecklich schönes Wien. S. 45 – 51
Instagram- Gedichtvlog: https://www.instagram.com/maryallenpoe/







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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