Chicago

Margot Lamers-Zigan für #kkl38 „Momentum“




Chicago

Morgens um halb sieben ist der Körper müde und der Geist wach. Lautlos gleiten wir durch die Rush Hour, sie ist um diese Zeit aktiver als wir. Der Tag ist längst angebrochen, doch die Nacht ist noch dunkel. Rote Rücklichter und weiße Frontscheinwerfer strahlen in leuchtenden Kometenschweifen. Wir verlängern unsere Verschlusszeit für die Langzeitbelichtung. Tochter wählt Chicago von Michael Jackson aus ihrer Playlist. Ich erfahre zwei Jahre später: Chicago is finally getting the love it deserves. Und freue mich posthum für Michael. Gestern waren wir in einem populären skandinavischen Möbelhaus, um Hotdogs mit dem Hund zu essen. Das haben wir lange nicht mehr gemacht. Pflichtschuldig kaufen wir „ein Bettdeck“, inspizieren artificial livingrooms, Teelichter, Sukkulenten und die Resterampe. Hund begeistert sich für ein Zirkuszelt und den Friedhof der Kuscheltiere.

Ein Scherzkeks hat die Braunbären in den Kinderbetten verteilt. Lässig räkeln sich Teddies Vorfahren auf den Matratzen. Der Lokalsender hat heute Morgen nach den Overthinkern die Couchpotatoes auf dem Kieker. Wir haben es alle geahnt: Vor der Glotze wegnicken ist nicht effektiv für den Schlaf, ergo ebenfalls schädlich für die im Anschluss beabsichtigte Produktivität. Es folgt Philosophisches über Schlafhygiene und ich grusel mich. Die Hotdogstation ist sauberer als früher. Ständig wischt eine Reinigungsfachkraft um uns herum und ich rechne fest damit, dass sie mir gleich die Röstzwiebeln vom Brötchen fegt (ich wollte schreiben: Mein Würstchen wienert, aber). Die Getränkespender produzieren ökonomisch wohldurchdachten Schaum in allen Geschmacksrichtungen, der sich erst nach zehn Minuten in ein Getränk verwandelt. Bis dahin ist der Snack verputzt und der Kunde über alle Berge. So rechnet sich die All-You-Can-Drink-Auffüllstation. Neu für uns ist auch die Möglichkeit der Bestellung am S(elbst)B(edienungs)-Terminal. Ich denke an den Chai Latte neulich in dem amerikanischen Schnellrestaurant (heute keine Lust auf Product Placement), für den ich während des Bestellvorgangs mindestens zehnmal die Bakterien vom Touchscreen geklaubt habe. Im Möbelhaus gibt es alternativ noch ein berührendes Lächeln an der Kasse. In Rüttenscheid ist Weinflohmarkt und wir streben, nicht nur tatendurstig, in den Weinhof. Vorwiegend ergrautes Publikum, mit ausdrucksstarken Brillenfassungen und in ihrem Bemühen um Individualität nicht besonders individuellen Looks, drängen sich gierig um die Tränke. Von Kundschaft zu sprechen wäre zu verallgemeinernd, denn nicht jeder plant neben der Verkostung auch den Kauf. Wir zum Beispiel. Das Geld verströmt dennoch seinen intensiven Duft, die reduzierte Ware wird kistenweise heraustransportiert. Die hektischen Käufer lösen Verlustängste aus, doch wir bleiben standhaft und laben uns in willkürlicher Reihenfolge an den, interessanterweise vorwiegend französischen, Restposten zum Schleuderpreis. Den Spucknapf ignorieren wir. Kampf dem Verderb. Eine Konkurrentin an der Tränke erklärt, dass sie neben ihrem Lieblingswein für besondere Anlässe auch einen billigen Hauswein für den täglichen Gebrauch suche. Harald Schmidt habe schon gesagt, dass guter Wein nicht teuer sein müsse. Ich bin nicht sicher, ob diese Erkenntnis von ihm stammt, freue mich aber, von ihm zu hören. Auch wenn es in Zusammenhang mit Alkoholabusus ist. Ich stecke fest und hänge in der Luft. Mit Wurzeln und Flügeln hat das recht wenig zu tun. Wir gleiten lautlos durch die morgendliche Nacht und ich höre zum ersten Mal Chicago.




Margot Lamers-Zigan
Geboren und aufgewachsen im Herzen des Ruhrgebiets.
Stolze Mutter und glücklich verheiratet.
Dienerin eines selbstbewussten Terriers.
Zu Fuß und mit Worten gerne auf Abwegen.
https://margot-lamers-zigan.jimdosite.com/







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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