Martin A. Völker für #kkl38 „Momentum“
Moment mal! Moment an!
Alles ist im Überfluss vorhanden. Auch an Katastrophen mangelt es uns nicht, wohl aber an Zeit, diese zurückzudrängen oder sogar zu verhindern. Jede Kartenlegerin erwähnt wie selbstverständlich, dass Zeit fließend sei. Wie ein breiter Strom erscheint sie uns dann. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Zeit keineswegs fließt. Längst hat sie ihren Aggregatzustand verändert. Gasförmig ist sie geworden. Wir benötigen die Zeit wie die Luft zum Atmen, wir sind bedürftig, können sie jedoch nicht wahrnehmen. Wir nehmen sie erst wahr, wenn sie vergangen, verflogen ist. Wir sind Weltmeister darin, den Zeitverlust zu beklagen und uns zu bemitleiden, was uns noch unfähiger macht, die gegenwärtige Zeit gut zu nutzen. Sein und Zeit: Wir suchen nach dessen Sinn und beklagen ihren Verlust. Streng genommen Anzeichen des Todes. Zumindest Zeichen der schleichenden Existenzauslöschung, gegen die jede Religion machtlos ist. Welches Leben nach dem Tod kann versprochen werden, wenn sich das Leben lange vor seinem Ende erledigt hat? Fortglimmen kann bloß der Funke. Das Ausgehauchte dunkelt blitzschnell ein, wird kalt und bleibt es auch. Lebst du noch? Denke an deine Kindheit zurück: Die Zeit war noch kein flüchtiges Gas, sie erschien dir so massiv wie ein Stein, dem die Jahrhunderte wenig anhaben können. Langeweile war, von heute aus gesehen, der schönste Ausdruck dafür, dass Zeit, dieser erzschwere Brocken, nicht vergeht, unverrückbar wirkt. Wenn Zeit im Überfluss vorhanden war, Zeit kaum verging, haben wir Kinder dies zwar ebenso beklagt wie heute den Zeitverlust, dennoch waren wir dazu fähig, rasch aus der Not eine Tugend zu machen und uns irgendwelchen Spielereien hinzugeben. Im Spiel gerieten wir in den Zustand der Selbstversunkenheit. Die Selbstversunkenheit schaltet das aus, was uns klagen und eifern lässt und jedes Handeln vereitelt. Die Selbstversunkenen gehen voll in ihrer Tätigkeit auf. Sie hinterfragen nicht, sie sind geborgen in der Zeit, die den Selbstbewussten, den Selbstmächtigen davonfliegt. Das Briefmarkensammeln war eine solche Tätigkeit der Selbstversunkenheit. Zunächst mussten die gebrauchten Briefumschläge genauestens betrachtet und mit der Schere bearbeitet werden. Auf das Ausschneiden der Marken folgte das Ablösen im Wasserbad sowie das vorsichtige Hineinlegen ins Trockenbuch. Während die nassen Briefmarken ruhten, blätterte man eines der fertigen Alben durch. Das leise Knistern der milchglasigen Zwischenblätter ist unvergesslich. Hier mit der Pinzette eine Marke zurechtrücken, dort eine andere der Einsteckseite entnehmen, um sie am nächsten Tag in der Schule zu tauschen, eine deutsche Marke gegen eine aus Österreich, die viel ungewöhnlicher und schicker aussah. In allen Kaufhäusern, selbst im kleinsten Schreibwarenladen gab es diese prallen Klarsichtbeutel mit Briefmarken. Ein Beutel rettete ein ganzes Wochenende. Zu Ostern und zu Weihnachten, zum Geburtstag sowieso, wurden motivkräftige Sondermarken, rare Ersttagsbriefe oder dicke Michel-Briefmarkenkataloge verschenkt und dankend entgegengenommen. In der kindlichen Selbstversunkenheit lebst du im richtigen Augenblick, der unvergänglich ist. Dagegen ist im Erwachsenenalter der richtige Augenblick immer schon vorbei und verloren. Der richtige, der fruchtbare Augenblick wird zu einem solchen, der hätte genutzt werden können, wenn er rechtzeitig erkannt worden wäre, was nie der Fall sein wird. Bei Erwachsenen führt das Momentum zur Festellung: „Mist, Moment um!“ Kinder knipsen kurzerhand den Moment wieder an und finden die Ewigkeit. Es wird Zeit, die alten Briefmarkenalben aus den Kellern zu holen oder sie von den Flohmärkten dieser Welt zurückzukaufen. Moment an!

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Kulturmanager, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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