Ein Augenblick im Grab 

Nadia Mimouni für #kkl38 „Momentunm“




Ein Augenblick im Grab 

Manchmal verfiel ich Tagträumen, in denen ich mir vorstellte, wie meine eigene Leiche wohl aussehen würde und fragte mich dann, ob meine lila verfärbte Haut und meine dunklen Augen überhaupt miteinander harmonieren würden. Der Gedanke, dass ich niemals meine eigene Leiche sehen würde, machte mich traurig. Dies war der Grund dafür, weshalb ich mich gerne über den Prozess der Verwesung informierte, um mir dadurch mein totes Ich so detailliert wie nur möglich vorstellen zu können. Fünf Tage nach dem Tod eines Menschen beginnt die Leiche sich aufzublähen, außerdem tritt bluthaltiger Schaum aus Mund und Nase heraus. Es entstehen Gase wie Methan oder Stickstoff, wodurch Fliegen angelockt werden, die Eier legen und Maden produzieren, welche sich wiederum von der Leiche ernähren.

Die Wolken entblößten endlich vollständig die am Himmel stehende Sonne, die lange nicht mehr so grell schien wie in diesem Moment.

Ich lag ausgebreitet auf einer riesigen Grasfläche und las in meinem bereits abgenutzten Tagebuch, das ich über meinem Kopf gegen den grellen Sonnenschein hielt. Als ich mich wieder aufsetzte, musste ich unwillkürlich meine Augen schließen, weil sich die Sonnenstrahlen auf meinem zuvor beschatteten Gesicht wie viele kleiner Küsse anfühlte, die ich unbedingt genießen wollte. Es war absurd, nun meine gestrigen Gedankenspiele über den Tod und den Anblick meiner Leiche zu lesen, die ich inmitten der Dunkelheit später Stunde schlaftrunken in mein Buch kritzelte, während diese Worte heute von dem lebendigen Licht und strahlenden Optimismus der Sonne umgeben wurden. Durch das Kitzeln der Grashalme an meinem Knöchel, die von dem zarten Wind bewegt wurden, und dem Klang der zwitschernden Vögel fühlte ich mich für einen kurzen Moment so lebendig wie noch nie. Es fühlte sich an, als würde das Leben für eine Ewigkeit andauern, wohingegen der Tod stets meilenweit entfernt war. Es war eine surreale Erfahrung, nur innerhalb eines einzigen Tages den Tod und das Leben zu schmecken, denn ich dachte immer, dass sie eine ganze Lebenszeit voneinander entfernt wären.

Die Sonne verschwand hinter den nun vorübergezogenen Wolken, die ihre Schönheit beinahe vollständig verdeckten.

Ich spürte, wie plötzlich jeder einzelne Buchstabe meines letzten Tagebucheintrages in Lichtgeschwindigkeit wieder in meinen Kopf gelang und anschließend durch mein Gehirn drang. Sie wussten noch genau, welchen Weg sie gehen mussten, um so schnell wie möglich meine Gedanken einzunehmen. Schließlich ruhten diese dunklen Worte schon einmal in meinem Kopf, sie besaßen bereits den Schlüssel für die Türe meiner Gedanken, wodurch es nicht verwunderlich war, dass sie mich immer wieder heimsuchten. Sie breiteten sich mit jedem Male immer weiter aus, die Macht der Worte war zu groß als dass man sie einfach wieder auslöschen konnte. Wer einmal den Tod geschmeckt hat, kam wohl niemals wieder vollends von ihm weg.

Mein Blick war nun vollständig von der Sonne abgewendet, als ich mich wieder auf meinen Rücken legte.

Erneut schloss ich meine Augen, dieses Mal jedoch, weil ich die Sonnenstrahlen bereits vermisste und mich wieder an sie erinnern wollte, jedoch waren meine Erinnerungen an das Leben verschleiert durch die Dunkelheit in meinem Gehirn, die nun auch meine Sicht befiel. Ich grub meine Finger in die Erde, während ich mir vorstellte, wie es wohl wäre, wenn ich unter dem Boden liegen würde und nichts tun könnte, um wieder an die Oberfläche zu kommen. Bewusst ignorierte ich das unangenehme Gefühl der Erde, die sich unter meinen Fingernägeln festsetzte. Ich fühlte mich eingeengt, mir blieb mir die Fähigkeit verwehrt, meinen Körper zu bewegen, mein von Erde umgebener Arm fühlte sich an wie ein unbrauchbares Anhängsel meines Körpers. Ich konnte meine Hand nicht rühren, um die mich fressenden Insekten von meiner Haut zu entfernen, meine Unfähigkeit reichte so weit, dass ich nicht einmal um Hilfe schreien konnte. Mir blieben allein meine Gedanken, die niemals starben und stattdessen in meinem toten Körper herumspukten. Ich wollte sie ersticken, jedoch waren sie stärker als jeder Körper.

Mein Atem fing an, sich zu beschleunigen und ich wurde von dem Gefühl der Übelkeit eingenommen, weshalb ich mich ruckartig wieder aufsetzte. Es fühlte sich an, als wäre ich aus meinem Grab erwacht und nun wiedergeboren worden.

Durch den Kontrast zu der vorherigen Dunkelheit hinter meinen geschlossenen Augen erschien die Sonne trotz der Wolken nun sogar noch strahlender als zuvor.

Ich hatte wohl die Chance bekommen, noch einmal zu leben, wodurch sich das irdische Erlebnis fast schon übernatürlich anfühlte. Die Sensation der Wiedergeburt hatte die Stärke, meine grausamen Erfahrungen und Gedanken der Vergangenheit in eine Lektion zu transformieren, die mir dabei half, jedes bevorstehende Glück nur noch intensiver fühlen zu können.

Der Gedanke, dass wahrscheinlich nur jene Menschen, die ihr vorheriges Leben auch nur ansatzweise mochten, das Gefühl der Dankbarkeit für ein zweites Leben nachempfinden konnten, machte mich traurig. Diejenigen unter uns hingegen, die in ihrem ersten Leben schon ihre Seele verloren hatten, würden niemals die Kraft oder die Motivation aufbringen, ein zweites Leben zu führen, weil ihre Sicht auf ihr bevorstehendes Leben bereits durch all das Unheil ihres vorherigen Lebens gekennzeichnet war.

Ich habe bereits gelernt, dass sich der Prozess der Verwesung relativ leicht beschreiben ließ, weil er immer gleich ablief, der seelische Tod eines Menschen hingegen äußert sich ganz anders, weil er so viel komplexer war. Meist ist er für Außenstehende nicht einmal sichtbar. Im Gegensatz zu unserem Körper wird die Seele über einen unerträglich langen Zeitraum in winzig kleine Happen zerstückelt, bis sie schließlich vollends zerstört wird und den Menschen zu einer inhaltslosen Hülle transformiert. Es fühlt sich an, als würde man am lebendigen Leibe gefoltert werden, bis der Tod einen endlich erlöst.

Das unausweichliche Schicksal des Aufblähens und Verfärbens der eigenen Leiche ist sicherlich eine Tatsache, welche die meisten Menschen in eine Todesangst versetzt und so sehr abschreckt, dass sie deshalb lieber ein Leben in Horror dem ungewissen Tod vorziehen. Jedoch fürchten sich jene Menschen, die schon den Tod ihrer Seele erlitten haben oder zumindest einmal kurz davor standen, viel mehr vor genau diesem Tod. Sie können dabei zwar an ihren schönen Gesichtern festhalten, dafür aber treiben sich jedoch die hässlichsten Gedanken hinter ihnen herum. Sicherlich kostet es dem Menschen viel Überwindung, solch grausame Bilder zu bilden, während das Leben noch unsere Gesichter erstrahlt, als wären die Erde ist voll von bereits qualvoll Verstorbenen, die in menschlichen Körpern herumspazieren.

Ich lief zurück, mit jedem Schritt nahm meine Geschwindigkeit zu, ich wollte das Gefühl des Sterbens hinter mir lassen, jedoch könnte ich niemals schnell genug sein, um gleichzeitig auch aus meinem Kopf zu flüchten. Ich spürte die Hitze des Bürgersteiges unter meinen nackten Füßen, die langsam jene Sonnenstrahlen aufsaugten, die ich zuvor durch das Schließen meiner Augen vermied. Meine Haare tanzten mit jedem neuen Schritt um meinen Kopf, als wollten sie sich immer weiter von mir entfernen. Es war grausam, so lange allein zu sein, dachte ich mir, während ich immer schneller lief. Vielleicht sollte ich mich lieber einen Moment mit den Gedanken anderer Menschen umgeben, um für einen Moment mein junges Gehirn, das schon so viele schwere Gedanken mit sich herumschleppen musste, entlasten zu können.




Nadia Mimouni









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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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