Briefe

Christiane Schwarze für #kkl38 „Momentum“




Briefe

Dürfen Großmütter lügen? Früher hätte ich gesagt: „Natürlich nicht!“
Doch dann log ich selbst.
Das erste Mal bei Theresas Frage: „Bin ich Papa egal?“
Die ehrliche Antwort wäre gewesen: „Es hat nichts mit dir zu tun. In seinem Zustand ist ihm alles egal, sogar er sich selbst.“
Stattdessen sagte ich: „Du bist das Wichtigste auf der Welt für ihn!“
„Warum redet er dann nicht mehr mit mir?“
„Weil er wegen Mama so traurig ist.“
Theresas Augen schimmerten.
„Ich bin auch traurig wegen Mama. Ist sie jetzt im Himmel, beim lieben Gott?“
„Da bin ich ganz gewiss!“
Hätte ich denn sagen sollen: „Daran glaube ich nicht“?
„Oma, der Pfarrer hat nach der Beerdigung gesagt, wir sollen für sie beten.“
Ich war schon ewig aus der Kirche ausgetreten und hatte vergessen, welche Gebete man sprechen könnte. Da half nur Improvisieren.
„Lieber Gott, pass gut auf Mama auf. Und zeig ihr die Briefe, damit sie sich jeden Tag freut.“
In Gedanken fügte ich hinzu: „Gott, keine Ahnung, ob es dich gibt. Falls ja, tu es doch bitte dem Kind zuliebe.“
„Was für Briefe?“, wollte Theresa wissen.
„Die schreibst du jetzt jeden Tag. Mama will bestimmt erfahren, wie es dir geht.“
„Aber ich kann doch noch gar nicht schreiben.“
„Wir üben Buchstaben und Wörter, bis du es kannst. Solange malst du einfach Bilder.“
Vielleicht würde mir später jemand vorwerfen, es sei pädagogisch falsch gewesen, mit meiner Enkelin schon so früh Schreiben geübt zu haben. Mir aber schien es wichtiger, dass sich mit jedem eroberten Wort ein wenig Schwere aus ihrer Seele lösen könnte.

Theresa besuchte inzwischen die Schule. Mir graute auch dieses Jahr vor Weihnachten. Trotzdem schmückte ich für Heiligabend einen kleinen Baum. Wir saßen zu dritt davor. Niemand sprach. Niemand sang. Niemand rührte den aufgeschnittenen Stollen an. Allein die Kerzenflämmchen bewegten sich in der Fensterzugluft.
Plötzlich legte Theresa alle Briefe vor ihren Vater auf den Tisch. Ich erwartete, dass er sie nicht anrühren würde. Doch seine Hände hoben die Zettel, als seien es Basaltsteine.

„Liebe Mama, heute hap ich den Hunt von Frau Müller gefüttterd.“

„Liebe Mama, kannst du nicht wenigstens an meinem Geburtstag zu mir kommen? Nur kurz! Wenn das vom Himmel aus zu weit ist, klettere ich hoch auf den Dachboden. Dann treffen wir uns in der Mitte.“


„Liebe Mama, ich frag mich, ob du im Himmel auch kochst? Oma strengt sich an, aber dein Essen war besser! Gestern sind ihr schon wieder die Pfannkuchen auf einer Seite angebrannt. Aber ich hab trotzdem gesagt, es hätte geschmeckt. Hoffentlich kriegst du jetzt keinen Ärger mit dem lieben Gott, weil ich geschwindelt habe.“

Sah ich im Gesicht ihres Vaters ein Lächeln?
Seine große Hand legte sich auf ihre kleine Hand.
„Du bist das Wichtigste auf der Welt für mich.“




Christiane Schwarze
Geb. 1960 / lebt in Homberg (Ohm) / ehem. Logopädin in eigener Praxis, jetzt freie Schriftstellerin / Mitglied im VS / zahlreiche Literaturpreise / internationale Künstlerstipendien (Deutschland, Frankreich, Schweden, Schweiz, Spanien, Norwegen ) / zahlreiche Lesungen im In- und Ausland / sieben Bücher, davon drei zusätzlich in Brailleschrift und zwei als Hörbuchversionen für Blinde / fünf musikalisch-literarisch inszenierte Hörbücher (mit ihrem Duo TonSatz) / über 300 Einzelveröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Anthologien und Kunstprojekten (Deutschland, Österreich, Schweiz, Dänemark, Spanien / www.christiane-schwarze.de






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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