Schwanengesang

Christa Blenk für #kkl38 „Momentum“




Schwanengesang

Er kam überraschend.

Der Schuss durchbrach die laue, himmlische Spätsommerruhe und zischte aus der Ferne zwischen Bäumen und Blättern direkt auf seine nichts ahnenden Opfer zu. Obwohl die große August-Hitze jetzt, Anfang September, schon vorbei war und sich der laue Nachmittag mit großen Schritten auf einen milden Abend hinbewegte, veranstalteten die Grillen ein Nachmittagskonzert für Lisa und Michel, das aber nur von den Beiden zu hören war, denn ihre Leidenschaft war die Musik. Gerade noch haben sie diese Sommergeräusche, die Musikalität in der Natur, die gleichmäßigen und geometrischen Repetitionen der vielfältigen Insektenwelt, von Flora und Fauna, dirigiert von Zephyr, dem begnadeten Gott der Winde, kommentiert, bis der Schuss unsensibel und taktlos, geradezu unverschämt, dieses musikalische Intermezzo durchbrach und es zu ihrem Schwanengesang machte. Michel hatte keine Zeit mehr, darüber nachzudenken was gerade passiert war und wo dieser durchdringende Lärm plötzlich herkam. Wie kann jemand nur so barbarisch, so gefühllos sein und diese Harmonie opfern. Dieser, sein letzter, Gedanke flankiere den Schlag, den kurzen Schmerz. Und dann hatte das Geschoss auch schon sein Herz erreicht.

Der zweite Schuss kam nur ein paar Sekunden später, aber Michel hörte ihn schon nicht mehr. Diese Kugel war für Lisa, seine Frau, bestimmt und war nicht sofort tödlich. Lisa sah wie durch einen Schleier, wie Michel zusammenbrach und leise, fast in Zeitlupe kam es ihr vor, auf den weichen Waldboden fiel, während sie getroffen wurde. Sie hatte keine Zeit, in Deckung zu gehen, aber selbst wenn, hätte ihr dazu der Reflex gefehlt, denn sie wollte vor allem ihren zu Boden gehenden Mann auffangen.

Hoffentlich ist ihm nichts passiert konnte Lisa gerade noch denken, bevor auch sie von Dunkelheit eingehüllt wurde. Dann verschwammen die Bilder von ihm und den beiden Kindern vor ihren Augen, die Gott sei Dank bei Anna gut aufgehoben waren und nicht in den Wald mitkommen wollten.

Während Lisa gegen den Schmerz und die Ohnmacht ankämpfte, unterbrach nun ein noch entsetzlicherer Lärm in Form von Hundegebell erneut die Stille. Lisa hatte ihr Leben lang Angst vor Hunden gehabt und wusste jetzt nicht, was schlimmer war, die Panik vor den zähnefletschenden Biestern, die Sorge um ihren Mann oder ihr eigener Schmerz, ihre Verletzung. Irgendetwas stimmte nicht. Obwohl sich der Lärm, das Bellen, entfernte, sich verlieren wollte, jedenfalls kam es ihr so vor, spürte sie, dass die hechelnden Hunde näher kamen und zwischen den Bäumen, dem halbhohem Gras und den abgebrochenen Ästen schnüffelnd auf sie zu rannten. Wo waren denn bloß die Besitzer der Hunde? Alles schien gleichzeitig zu passieren und trotzdem nicht weiterzugehen. Ihr letzter Gedanke gehörte dem Aperitif, den sie und Michel direkt nach dem Spaziergang mit den anderen nehmen wollten, bevor Annas Mann sie wieder mit einem großartigen Abendessen verwöhnen würde.

Er hätte Koch werden sollen, nicht Architekt, dachte Lisa und wunderte sich, wo dieser seltsame Gedanke plötzlich herkam und wieso sie ihn gerade jetzt dachte. Wahrscheinlich warten Anna und die anderen schon auf uns. Wir wollten ja gar nicht lange weg bleiben, gleich zurück sein. Sie konnten ja nichts ahnen von dem, was gerade geschah, dem Unfall, der Tragödie. Obwohl, denkt Lisa hoffnungsvoll, vielleicht hat sie ja die Schüsse gehört. Wie viele waren es denn? Wir sind ja noch gar nicht lange unterwegs und können nicht weit weg sein vom Haus. Sie wird doch das Getöse sicher gehört haben und gleich Hilfe holen. Aber vielleicht weiß sie ja gar nicht, dass es ein Schuss war, oder wenn sie den Schuss gehört hat, ahnt sie nicht, dass er mich und Michel getroffen haben könnte.

Die beiden Jäger und ihre Hunde, die nun neben ihr standen, nahm sie zwar nicht wirklich wahr, spürte und hörte aber dieses entsetzlich röchelnde Hecheln der aufdringlichen Hunde, wie sie an ihr rumschnüffelten. Sie stanken. Lisa ekelte sich vor ihnen und wurde von Panik erfasst, denn sie konnte sich ja nicht wehren, war ihnen ausgeliefert. Sie hatte das Gefühl, dass viel Zeit verging, zu viel wertvolle Zeit, um Michel zu retten. Vielleicht stimmte das aber auch nicht und es waren nur Sekunden, die sich wie eine Ewigkeit hinzogen, bevor sie vergingen und alles in einen Nebel einhüllten. Hoffentlich können wir pünktlich zum Schulanfang nach Paris zurück ging es ihr durch den Kopf

40 Minuten später, endlich in der Ambulanz, erlangte Lisa nochmals kurz das Bewusstsein und rief nach Michel. Sie blickte in ein sorgenvolles Gesicht über sich, es war eine Frau in einem weißen Kittel, die Notärztin, dachte Lisa, jetzt wird alles gut und dann erlag auch sie ihrer Schussverletzung.

Später wird der Jäger in der Gerichtsverhandlung, die einer Farce glich, den lapidaren, so grausamen Satz von sich geben:

„Es war Jagdzeit, ein ausgewiesenes Jagdgebiet. Die beiden waren einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Pech!“**





Christa Blenk lebt am Atlantik. Sie hat Kurzgeschichten in unterschiedlichen Anthologien und Literaturzeitschriften veröffentlich und schreibt Ausstellungskataloge. Seit zehn Jahren verfasst sie regelmäßig Artikel für das Berliner Online Magazin KULTURA-EXTRA über Kunst, Musik und Reisen.








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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