Raum der Zeit

Stephan Weiner für #kkl38 „Momentum“




Raum der Zeit

Lieg ich zuhause aufm Rücken. Nehm‘ Fahrt auf. Rutsch in die Küche. Ins Bad. Wohnzimmer. Flur. Seh wie die Tür aufspringt. Seh mich selbst reinfliegen. Will noch was sagen, da geht’s schon raus. Auf die Straße. Wohn am Hang. Rutsch jetzt also schneller. Immer schneller. Noch schneller. Reiß dabei immer wieder was mit. Paar Fahrräder. Paar Mülltonnen. Sträucher. Bäumchen. Kleine Hunde. Bleiben alle hängen. Kannse nich abschütteln. Nich so während der Fahrt. Lass es also einfach. Lass die Dinge hängen. Rutsch weiter. Nehm weitere Dinge auf. Nehm an Masse zu. Und werd noch schneller. Bis: Autotransporter. Rutsch auf die Rampe. Werd hoch katapultiert. Flieg jetzt steil nach oben. Ganze Zeug hängt immer noch dran. Kommen noch n paar Vögel dazu. Kleinere Verkehrsflugzeuge. Piloten springen mitm Fallschirm ab. Guck denen so hinterher. Flieg aber einfach weiter. Mit all dem Zeug an mir dran. Sind jetzt n ordentlicher Haufen. Und werden noch schneller. Immer schneller. Über den Wolken wird’s kalt. Schnapp mir son paar Hunde. Kuschel mit denen. Wärmen uns gegenseitig. Jetzt wird die Luft dünner. Immer dünner. Atmen fällt schwer. Aber, ein Glück: Im einem Flugzeug liegt noch ne Sauerstoffflasche. Also weiter atmen. Schon hört die Atmosphäre auf. Breitet sich das Weltall aus. Kein Widerstand mehr. Nehm noch an Geschwindigkeit zu. Und an Masse. Erst noch n bisschen Satellitenschrott. Dann nur noch Staub. Weltraumdreck. Reicht aber um noch mehr Masse zu machen. Noch größer zu werden. Kann mich sogar schon n bisschen drauf rumlaufen. Nehm die Hunde an die Leinen. Lauf so einmal im Kreis. Hab genug Sauerstoff. Auch für die Hunde. Richten uns also ein. Sehen die Planeten vorbeifliegen. Merk dabei: Wir werden immer schneller. Weil, klar, gibt keinen Widerstand mehr. Nichts, was uns bremst. Kann also beides immer mehr zunehmen: Masse und Geschwindigkeit. Haben dann gerade die Galaxie verlassen, knallt’s. Häh?, denk ich. Wieso knallt’s im Weltall? Kann doch nich sein. Darf hier doch nix hören. Knallt trotzdem. Schlimmer noch. Bleibt laut. Und wird immer lauter. Halt mir die Ohren zu. Guck zu den Sternen. Sind keine Punkte mehr. Sind Striche. Linien. Immer mehr. Immer länger. Aha, denk ich. Jetzt wird’s kritisch. Jetzt kommen wa bald an physikalische Grenzen. Dauert auch nich lange, isses soweit: Krümmt sich der Raum. Fällt plötzlich in sich zusammen. Und wir mitten rein. Trudeln wie n Trichter durch den Raum. Hunde sind völlig verwirrt. Versuch zu erklärn, dass wir jetzt beinah Lichtgeschwindigkeit haben. Und dass unsere Masse den Raum krümmen muss. Geht ja nich anders. Aber Hunde halt. Checken nichts. Lass die sich also wundern. Weiß selber auch nich so richtig, was jetzt kommt. Freu mich nur, dass der Knall aufhört. Endlich wieder Stille. Seh dann am Ende des Trichters n Licht. N helles Licht. Kommt näher. Immer näher. Fliegen dann auch mitten rein. Bin kurz geblendet. Gewöhn mich aber schnell dran. Seh die Sonne. Aber nich so normal. So wie sonst. Sondern so langgezogen. Eher n Sonnenband. Seh auch die Erde. Auch langgezogen. N Erdenband. Rasen auf das Erdenband zu. Machen ne Kurve. Fliegen dran vorbei. Geschwindigkeit bleibt jetzt. Nich schneller. Nich langsamer. Fliegen einfach dran vorbei. Merk dann: Machen ne Kurve. Ne ganz lange Kurve. Und irgendwann. Sind wa wieder am Anfang. Is nämlich n endliches Band. N geschlossener Kreis. Hier passiert alles. Und zwar genau jetzt. Und ich kann alles sehen. Kann sehen was passieren wird. Was passiert ist. Fühl mich machtvoll und klein. Ohnmächtig und frei. Vertrau voll auf alles, was passieren wird. Weil es schon passiert ist. Fühle totale Entspannung. Der Druck löst sich. War vielleicht nie da. Blicke auf meine Existenz und bin zufrieden. Zufrieden mit meiner Zeit. Meinem Raum. Und mir selbst. Wie ich durch den Raum fliege. Meine Zeit besitze. Nicht verliere. Gar nicht verlieren kann. Zeit als absolute Einheit. Raum als absolute Einheit. Alles vorhanden. Im Überfluss. Beste Gefühl. Beste Gefühl überhaupt. Und wie ich so fliege und alles passiert und alles in Raum und Gleichzeitigkeit aufgeht, muss ich lachen. So laut hab ich noch nie gelacht. Ganz für mich allein. Flieg ja immer noch. Flieg weiter an der Unendlichkeit entlang. Obwohl: Verlier an Höhe. Brech‘ schon durch die Atmosphäre. Flieg übers Meer. Übers Land. Über Felder. Wiesen. Städte. Alles steht immer noch still. Alles ist immer noch langgezogen. Alles ist immer noch endloses Band. Alles passiert immer noch genau jetzt. Gleichzeitig. Kann es sehen. Kann das Band auf der anderen Seite sehen. Kann sehen, wie ich da lang fliege. Kann sehen, wie ich vor mir fliege. Hinter mir fliege. Schau auf meine Hände. Sind keine Hände mehr. Sind Dinge im Raum. Bin selbst ein Ding im Raum. Ein absolutes Ding in absoluter Zeit. Weil, klar: Bin viel zu schnell. Viel zu massig. Viel zu tief im gekrümmten Raum. Will jetzt aber wieder raus. Will raus ausm Raum der Zeit. Genug gefühlt. Weiß auch was zu tun ist: Muss langsamer werden. Masse loswerden. Fang also an, Zeug abzuwerfen. Den ganzen Schrott zuerst. Dann die Flugzeuge. Straßenschilder. Und ja, auch die Hunde. Werf alles ab. Seh zu, wie alles langsam zur Erde runtersegelt. Wie alles langsamer wird. Plötzlich verschwindet. Die Bänder werden kürzer. Die Krümmung nimmt ab. Ja, denk ich. Endlich. Werd langsamer. Stück für Stück. Und verlier an Höhe. Schon merk ich den Druck. Wie die Atmosphäre drückt. Heiß wird’s. Bevor alles verglüht, bin ich durch. Flieg immer noch. Ziemlich tief jetzt. Seh meine Straße. Mein Haus. Flieg n bisschen zu schnell durch die Haustür. Stoß mir das Schienbein am Treppengeländer. Dann geht’s durch n Flur. Kurz vor der Wohnung, schau ich auf die Uhr. Bin früh dran. Guck hoch. Seh mich in der Wohnung. Seh, wie ich Fahrt aufnehm. Kann gerade noch ausweichen. An mir vorbeifliegen. Lande aufm Rücken. Bleib liegen. Lieg zuhause aufm Rücken.




Stephan Weiner, Jahrgang  1984,     geboren   in   Neuss,    studierte Germanistik, Wissenschaftsgeschichte, Philosophie an der  Georg-August-Universität Göttingen,

Abschluss 2010, arbeitet als Autor und Texter erst in Düsseldorf und Köln, jetzt in Heidelberg und Mannheim. Veröffentlichte in Die EPILOG, Mosaik, KLiteratur, Volksbühne Berlin, VHV Verlag, Der Maulkorb, HANT Magazine etc.

Eigenständige Veröffentlichungen:

Ellbogenland, Container Press, 2023, ISBN 978-3-948172-10-7

Kein Ding an Sich, Edition fatal, 2019,     ISBN 978-3-935147-42-2








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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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