Sigrid Wagner für #kkl38 „Momentum“
MEIN SMARTPHONE
Seit ich mein neues Smartphone habe, bin ich immer bestens informiert über Neuigkeiten. Es liegt auch schon wieder zur Gesellschaft neben meiner Kaffeetasse auf dem Küchentisch.
Da kommt ein „Ping“. Ein Bild von meiner kleinen Enkeltochter, wie sie vier Kerzen auf einem Geburtstagskuchen auspustet. So süß. Obwohl es kein wirklicher Geburtstagskuchen ist, sondern ein Muffin mit aufgeklebten Smarties. Dieses kleine Kind bekommt das schon zum Frühstück. Das könnte ich mit meinem Blutzuckerspiegel nicht. Wenn ich so etwas als erstes zum Frühstück essen würde, bekäme ich einen Zuckerschock und fiele ins Koma!
Da, eine Nachricht auf meiner Telegramm-Gruppe. Eine gute Bekannte, die jetzt auch Rentnerin ist wie ich, hat sie gegründet. Heute Nachmittag Kaffee und Kuchen bei ihr. Na, dann kommt bei mir der Zuckerschock erst später.
Ich finde mich schon ziemlich verrucht mit unserer Telegramm-Gruppe. Wo doch telegram so in Verruf gekommen ist wegen der ganzen „Querdenker“ und so!
Ich gehe noch mal schnell auf meine liefer App und bestelle meine Lebensmittel. Ganz schön praktisch, wenn alles geliefert wird. Nur dumm, das ich dann auch zuhause sein muss, um alles anzunehmen. Aber das schreibe ich mir in meinen Terminkalender auf dem Handy, damit ich es nicht wieder vergesse wie letztens. Ich gebe zu, ich vergesse öfter etwas, aber so werde ich jetzt immer rechtzeitig erinnert.
Ach ja, heute Nachmittag bin ich zum Geburtstag meiner Enkelin eingeladen. Aber was mache ich jetzt mit dem Kaffeetrinken mit meiner Telegram-Gruppe? Ich sage schnell per SMS wieder ab. Das ist mir per Kurznachricht auch lieber, als wenn ich anrufen und mir eventuell einige Vorwürfe anhören müsste, weil ich zuerst zugesagt habe. Das machen meine Kinder schließlich auch so. Telefonieren ist anscheinend out. Jeder schreibt nur noch kurze Nachrichten.
Letzte Woche habe ich an einem Tag fast 30 SMS von meinen Kinder erhalten und natürlich immer geantwortet. Ich bin ja ein höflicher Mensch. Aber was denken die sich eigentlich? Das ich als Rentnerin so viel Zeit habe?
Jetzt sitze ich hier schon fast zwei Stunden, um durch meine virtuelle Post zu kommen. Früher war alles besser. Auch Geburtstags- oder Weihnachtskarten bekomme ich nicht mehr. Nur Icons mit explodierenden Konfetti und so mit einem aus dem Internet generiertem Gedicht.
Da bin ich schon froh heute Nachmittag bei einem echten Gespräch mit richtigen Menschen zu sein. Meine Stimme muss auch mal wieder benutzt werden.
Ich glaube ich nehme noch eine Tasse Kaffee und suche mit im Internet ein Rezept für einen gesunden Gemüseauflauf. Ich muss ja noch auf meine Einkäufe warten, die geliefert werden.
Schon wieder ein „ping“. Ein Arzttermin. In einer halben Stunde. Mein Terminkalender erinnert mich. Den hatte ich vergessen. Aber auch nur, weil ich dachte, den Geburtstag meiner Enkelin vergesse ich sowieso nicht und ihn nicht eingetragen habe. Was mache ich denn jetzt mit meinen anderen Terminen und der Bestellung? Ich muss mir angewöhnen auch in der Rente morgens als erstes meinen Terminkalender zu kontrollieren.
Dieses Handy bringt nur Stress!!! Früher war alles viel ruhiger!
MOMENTUM – wer sagt denn, dass die gute alte Zeit für immer vorbei sein muss?
Wenigstens ab und zu mache ich es wie früher.
Ab jetzt werde ich sonntags mein Smartphone ausschalten. Wer mir dann etwas mitteilen will, muss dann eben über Festnetz anrufen und richtig mit mir telefonieren.
Ich merke, wie sich ein Lächeln in meinem Gesicht ausbreitet.
Gerne bekomme ich auch Besuch zu Gesprächen völlig ohne „Ping“.
Ich gerate ins Träumen. Schöne alte Zeit. Wenigstens Sonntags
Sigrid Wagner
„Ich bin jetzt Rentnerin nach 45 Arbeitsjahren,
habe zwei erwachsene Söhne und bald zwei Enkelkinder.
Schon seit vielen Jahren schreibe ich kurze aktuelle Geschichten zum Leben.
Ich hoffe diese Geschichte gefällt vielen Menschen“
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