Dienstagmorgen

Pascal A. Strehler für #kkl38 „Momentum“




Dienstagmorgen

Die Wolken hingen tief an diesem Dienstagmorgen. Das war der Satz, mit dem Langzeitstudent Arnd seinen Roman beginnen wollte. Er flog ihm irgendwann einfach so zu als er während einer Bahnfahrt (er weiß gar nicht mehr, wann genau und wohin; es muss aber ein Dienstag gewesen sein) aus dem Fenster blickte. Der Satz gefiel ihm auf der Stelle. Und auch wenn er noch nie in seinem Leben einen Roman geschrieben hatte, war er doch selbst passionierter Leser genug, dass er sich vorstellen konnte, bei so einem Beginn, förmlich in das Opus hineingezogen zu werden. Jener Satz hatte für ihn neben dem Aspekt des Alltäglichen (denn der Dienstag war für ihn stets der gängigste aller Wochentage) auch diese unheilvolle Ankündigung von etwas Unangenehmem oder gar Schrecklichem – die Wolken hingen schließlich tief. Kurzum: ein Menetekel.

Arnd schleppte diesen Satz jedenfalls lange entzückt mit sich herum, bevor er sich ernstlich an seinen Schreibtisch setzte, um sein Erstlingswerk zu beginnen:

„Die Wolken hingen tief an diesem Dienstagmorgen. Monika fuhr mit ihrer quengelnden Tochter Lotta in ihrem alten Toyota durch die Stadt auf der Suche nach einem Parkplatz.“ Soweit so gut, aber irgendwie ließ sich dieser Beginn nicht so recht weiterdrehen. Er hatte zwar weitaus mehr geschrieben als diese zwei Sätze, aber mehr als zwei Seiten wurden es am Ende nicht. Die Irrfahrt Monikas durch die Stadt glich seiner Ideenlosigkeit. Und so kurvte er durch verschiedene Verhältnisse und Stationen seiner Protagonistin, kramte einen unzuverlässigen Ex-Mann sowie eine drogenabhängige Freundin hervor und formte am Ende noch die Idee einer Entführung Lottas als Monika ihre Tochter für eine Sekunde in der Bank aus den Augen ließ.

So richtig ansprechend fand er das alles selbst nicht. Schnell warf Arnd die Flinte ins Korn und ließ sein Projekt erst einmal auf sich ruhen. Dringendere Referate, Hausarbeiten oder Reisen rückten in den Vordergrund. Doch der Satz spülte sich immer wieder wie von selbst aus dem Strudel seines tiefsten Unbewussten hinauf ins Hier und Jetzt.

Vielleicht, dachte sich Arnd, ist ein Roman doch etwas zu hochgegriffen und ich beginne zunächst mit einer Kurzgeschichte:
„Die Wolken hingen tief an diesem Dienstagmorgen, als Radoslav seine 9 mm Makarov aus der Schublade holte, um sich für seinen Auftrag fertig zu machen.“ Diese Erweiterung seines Satzes sprang ihm flüssig aus den Fingern. Aber wie sollte es dann weitergehen? In Arnds Gehirnwindungen nahm die Figur des nicht unsympathischen Kleinkriminellen Radoslav mit bulgarischem Hintergrund langsam Formen an. Aber was würde das für eine Story werden? Vielleicht eine Kriminalgeschichte? Aber wie um Himmels Willen würde der Fall aussehen?! Arnd liebte es zwar, Krimis zu lesen, stellte sich die Architektur eines in sich stimmigen, im besten Falle aus mehreren Ebenen und am Ende auch durchweg packenden Plots als die schwierigste Disziplin überhaupt vor.
Und würde man ihm am Ende vielleicht auch vorwurfsvoll fragen, warum der Kleinkriminelle ausgerecht einen Migrationshintergrund haben musste? Also landete auch diese zunächst vielversprechende Idee in dem digitalen Papierkorb seine Laptops.

Im Laufe der kommenden Wochen produzierte Arnd verschiedenste Folgesätze im höheren zweistelligen Bereich:

„Die Wolken hingen tief an diesem Dienstagmorgen. Schwerfällig hob der A320 vom Asphalt ab und flog – wie von einem unsichtbaren Faden gezogen – geradewegs hoch ins dichte Grau.“

Oder:

„Die Wolken hingen tief an diesem Dienstagmorgen. Erwin schaffte es gerade noch, seine Frau Hannelore auf den Toilettensitz zu bugsieren, bevor ihr Schließmuskel den Kampf mit dem, was raus wollte, endgültig verlor.“

Oder:

„Die Wolken hingen tief an diesem Dienstagmorgen. Thomas Alva Edison rieb sich die Hände und blickte zufrieden auf seine Erfindung.“

Vielleicht wäre es aussichtsreicher, wenn er sich zuerst eine grobe Geschichte ausdächte und erst dann mit dem Schreiben beginnen würde, dachte sich Arnd. Er würde mit diesem Gedanken schwanger gehen.

Zuerst aber brauchte er einen Kaffee, um klar zu denken. Er befand sich in den ersten Tagen seiner Semesterferien und hatte keine Termine, allerdings auch vergessen, das Nötigste einzukaufen.

Die Wolken hingen tief an diesem Dienstagmorgen. Arnd trat aus der Haustür, um beim Discounter schräg gegenüber, ein neues Glas löslichen Instantkaffee und ein Brötchen zu kaufen. Als er rasch die Straße – noch in Gedanken über den Fortgang seines Satzes – überqueren wollte, erfasste ihn ein LKW frontal und schleuderte den verdutzten Studenten über dessen Wohnstraße, auf der er wenige Augenblicke später verstarb.




Pascal A. Strehler, Jahrgang 1980, schrieb schon immer gerne: Songs für die Bühne, Artikel im Beruf oder humoristische Kurzgeschichten für sich selbst.

Zeit über 15 Jahren arbeitet er als freier Journalist für den NDR. Als ausgebildeter Assistant Sommelier auch ab und an im Weinhandel. Der studierte Musikwissenschaftler und Skandinavist lebt in Hamburg.

Die meiste Zeit grübelt er angeregt übers Leben nach, ohne jemals zu einem Schluss zu gelangen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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