Franz Brunner für #kkl38 „Momentum“
Von der Magie des freien Falls.
Als 17-jähriger Jungtechniker hatte Oskar keck von der Brücke ins Wasser gespuckt, dabei die Zeit gestoppt, bis der unappetitliche Batzen in die Wellen klatschte. Allein daraus konnte er mittels Kopfrechnen die Höhe der Brücke ermitteln. Ja, irgendwie war er stolz drauf. Bald darauf verliebte er sich in Lena. 62 Jahre später, kurz vor Mitternacht wiederholt er das Spuck-Experiment. Allerdings nicht von einer Brücke, sondern vom Balkon der 3-Zimmer-Wohnung im 4. Stock, und der Landeplatz seiner schleimigen Absonderung ist nicht der Fluss, sondern das Auto des smarten Verkäufers, der unter ihm wohnt. Als der Batzen gut hörbar aufs Dach des protzigen Koreaners klatscht, kann er sich ein spitzbübisches Grinsen nicht verkneifen. Dass besagter Nachbar sich heute Mittag mokierte, dass Lena zu laut sei, mag seine eigenwillige Tat ein wenig erklären. Einundzwanzig, zweiundzwanzig – nicht ganz – KLATSCH. Punktlandung nach geschätzten 1,7 Sekunden, Oskar konstatiert daraus problemlos eine Fallhöhe von 14 Metern. Natürlich ließe sich diese ganz einfach aus der Anzahl der Stockwerke berechnen, eine Milchmädchenrechnung, aber es erfüllt ihn stets mit Stolz, wenn die Ergebnisse aus jeder Perspektive konsistent sind. Fehlt nur noch die Geschwindigkeit: Die Endgeschwindigkeit unter Vernachlässigung des Luftwiderstandes beträgt knapp 17 m/s, das entspricht 60 km/h. Für einen angehenden 80er und ohne jegliche Hilfsmittel eine respektable Leistung. Oskar weiß, dass Lena es nicht mehr schafft. Die hoffnungsvoll kalkulierten 500 Millionen Atemzüge wird sie wohl verpassen, er nun auch ihren letzten, er wird nicht dabei sein. Vor gut einem Jahr sah man Oskar sein Alter kaum an, jetzt dafür umso mehr. Lena hinkt Oskar nur 10 Monate nach. Zuletzt hinkte sie nicht mehr, sie lag und litt, saß nur mehr selten. Er ist noch erstaunlich rege im Geist, wachsam und neugierig. Lena hingegen atmet, isst und trinkt, schläft. Sonst nichts. Seit einigen Wochen schreit sie auch viel. Gründe gibt’s genug, zunehmend schreit sie grundlos. Selbst bei der Nahrungsaufnahme, die mehr und mehr einer Fütterung, dem Stopfen einer Gans gleicht, jammert Lena lauthals. Oskar liebt Statistiken. Ja, er kann viele Aspekte ihres Zusammenlebens mit Fakten belegen, dabei unterhaltsam mit Zahlen jonglieren. Wie viele gemeinsame Urlaubstage verbrachten sie zeitlebens? Wie oft hat er ihr Frühstück serviert? Wie oft haben beide bisher geatmet? Oskar zwickt‘s mittlerweile rundum, viele Bewegungen schmerzen. Gelegentlich hatten sie scherzhaft diskutiert, wer zuerst gehen sollte. Wer ist dem Leid besser gewachsen? Gott würfelt nicht, also ließen sie’s ebenfalls. Manchmal war sein Humor seltsam, doch Lena lernte im Laufe der Jahre damit umzugehen. Und sie fand ihn immer besser, den Humor wie auch Oskar selbst. Vor drei Jahren war der Bürgermeister zu Besuch, übergab einen Geschenkkorb zur Goldenen Hochzeit. Oskar murmelte scherzhaft etwas von Kriegsjahren und Auszeichnung. Ja, sie waren zufrieden, ach was, richtig glücklich mit dem, was das Schicksal ihnen die Jahre über serviert hatte. Lena fühlte sich oft auserkoren, privilegiert, knutschte in solchen Momenten mädchenhaft ihren Oskar. Zuletzt nicht mehr, Lena hatte aufgehört zu genießen. Statt Zeitungen las Oskar vermehrt Packungsbeilagen, Arztbriefe und einfache Kochrezepte. Nur mehr selten ergriff er ihre zittrige Hand, streichelte sie zaghaft. Und sie schrie, schrie wie am Spieß. Seine Berührungen vermochten sie nicht mehr zu beruhigen. Oskar resignierte, ging dann rastlos im Wohnzimmer auf und ab. Meist aber lethagierten sie gemeinsam den Tag entlang. Der Tür-Gong schlägt an. Schnell waren sie, die Sanitäter, die werden das schon machen. Zunächst aber müssen sie mit sich selbst zurande kommen. Die Wohnung liegt im 4. Stock, Lift gibt’s keinen. Sie stecken in weißer Schutzkleidung. Oskar meint stets schelmisch, wenn er solche Menschen im Fernsehen sieht, sie trügen ein Ganzkörperkondom. Die zwei späten Besucher tragen blaue Handschuhe, zudem eine Schutzbrille, die einer Tauchermaske sehr ähnlich ist. Der Mund-Nasen-Schutz ist derzeit obligatorisch. Die Augen der Männer sind kaum zu sehen, die Brillen stark angelaufen, Tropfen laufen an jener des vermutlich älteren Sanitäters ab. Sie atmen kurz und schnell, ein Tribut an die Stockwerke und die stickige Luft im Raum. Unbestritten, die beiden sind bemüht, doch was wissen die vom Leben, was vom Leiden? Sie plaudern mit Lena, so haben sie’s gelernt. Man muss mit dem Patienten kommunizieren, der will ja wissen, was mit ihm passiert. Lena ist das egal, sie schreit. Schon die kleinste Berührung reizt ihre marode Lunge zur Höchstleistung. Das Virus hat kräftig zugeschlagen, sein grausames Werk aber noch nicht vollendet. Lena wird auf dem Tragsessel festgezurrt und sorgsam zugedeckt. Dann verabschieden sich die Maskierten freundlich, bugsieren ihre sensible Last vernehmbar mühselig durch das Stiegenhaus, während Lena erbärmlich jammert. Dann fällt die Eingangstüre im Parterre ins Schloss, es wird ruhig im Haus. Oskar lässt sich im abgewetzten Fernsehstuhl nieder und starrt auf das Bett, auf dem Lena noch vor wenigen Minuten lag. Dass es vom Strampeln und Rundumschlagen zerknittert ist, stört ihn nicht weiter. Es ist mehr der ekelige, braune Fleck am Leintuch, der ihn betrübt. Lena saß in dem Moment, in dem er sich von ihr verabschiedete, in ihren Fäkalien. Sie war die personifizierte Sauberkeit, Hygiene war ihr stets wichtig. Oskars Befindlichkeit liegt irgendwo zwischen Hadern und Leiden. Für’s Hadern ist er zu alt, zudem gibt’s zu viele unsterbliche Erinnerungen. Und für’s Leiden geht es ihm zu gut. Also ist es irgendwas dazwischen. Scheiße ist‘s. Fäkalien gehören nicht zu Oskars üblichem Wortschatz, aber es ist nun einmal so, wie es ist, nämlich richtig Scheiße. Er kratzt sich mit seiner linken Hand am Kopf. Eine harmlose Marotte, eine Verlegenheitsgeste, die Lena gar nicht mochte. Wenige Gedanken später quält er sich aus dem Stuhl, öffnet die Tür zum Balkon. Der kalte Luftzug tut gut, gaukelt Frische ins trübe Dasein. Im Halbdunkel der städtischen Nacht lässt er sich in den maroden Campingsessel fallen. Lena bestand auf diese Möbel, es sollte gemütlich sein am Balkon. Und das war es auch, fast 40 Jahre lang. Überhaupt war es Lena, die für Gemütlichkeit sorgte. Die ganze Wohnung, Möbel, Bilder und vor allem der Krimskrams, wie Oskar es spöttisch nannte, alles trug ihre Handschrift. Zuletzt trug es vermehrt Spinnweben. Lena hatte aufgehört zu putzen, sie hatte mit vielem aufgehört, auch mit dem Sprechen. Ganze Sätze gab es schon länger nicht, aufmunternde Worte sprach Otto selbst zu sich. Im 4. Stock ist’s windig, der Blick dafür malerisch. Die Sterne. Dass die sich auch wieder einmal blicken lassen. Vertraut blinzeln Oskar die Lichter seines Stamm-Cafes zu. Unzählige Male ist er dort gesessen, vereinzelt mit Freunden versumpft. Oskar mag heute nicht versumpfen, ihm ist nach Freiheit anderer Art. Knappe 2 Sekunden ist er frei wie ein Vogel und für einen angehenden 80er verdammt schnell unterwegs. Mit 60 km/h, ganz ohne Hilfsmittel. Das Aufklatschen am schwarzen Koreaner entgeht ihm.

Franz Brunner
Im historischen Steyr/OÖ geboren, aufgewachsen, ein- und ausgeschult, verheiratet und, und, und …. In 38 Jahren als Lehrer an der HTL Steyr Tausende von Seiten geschrieben, 99% davon technisches Allerlei. Sinniert nun im Ruhestand über Gottes seltsame Welt. Sport, Reisen, Lesen, Kochen und Rettungsdienste liefern reichlich Stoff für skurrile Geschichten. Er ist Gründungsmitglied des Steyrer Schreibzirkels „textQuartett“ und liest auch hin und wieder in Cafes aus seiner Kurzgeschichten-Sammlung.
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