Anita Lang für #kkl38 „Momentum“
Haben Sie einen Moment Zeit?
„Hast Du eine Minute?“ Im Moment erzähle ich Dir, was bereits in kürzester Zeit vergangen ist. Mit einem Wimpernaufschlag. Wir Dichter pflegen, Geschehnisse zu erzählen, die wichtige Momente festhalten. Unsere Geschichten sind entweder passiert oder sie hätten sich so zutragen können, wenn es wahr wäre. Manches Erzählte malt eine neue Zukunft aus. Im Augenblick halten wir es für real. Wenn es nicht die Wirklichkeit zeigt, dann schildert es Eindruck um Eindruck im Jetzt. Leser lesen jetzt, was passiert ist, was passieren könnte oder nie passieren wird. Helle und dunkle Schatten. Abenteuerliche Wolkengebilde, die der Wind auseinandertreibt. Im Auge des Betrachters hat das Mitgeteilte die Bühne betreten. Und ruft irgendeine Wirkung hervor. Es ist nun da.
Im Moment halten wir die Szene mit einem Foto fest. Wie den Flügelschlag eines Vogels.
Einen Augenblick, so spannend, so erbaulich, er sollte länger andauern. Wir manipulieren die Zeit, frisieren sie auf Jetzt. Konservieren sie im Geschriebenen, in Bild und Ton. Unsere Geschichte wird fühlbar gemacht. Aus früheren Epochen stammen unsere Lieder, Malereien und Märchen. Was wäre unser Moment ohne die Haltbarmachung der Kunst?

Anita Lang, Schriftstellerin, Journalistin
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