Die Skizze

Renegald Gruwe für #kkl38 „Momentum“




Die Skizze

Was von ihr blieb, ist eine Skizze. Florian zeichnete sie an die Wand des kleinen Zimmers, in dem sie damals wohnten. Die Glühbirne, die das Licht warf, ist längst zerbrochen. Auch die Mansarde unter dem Dach gibt es nicht mehr. Das Haus steht noch. Das Dach wurde zu einer Penthouse Wohnung umgebaut.

Die Skizze lebt in einer Fotografie. Florian hatte die Zeichnung abgelichtet. Von Sophie gibt es keine Fotographie. Nicht eine einzige. Nur die Skizze.

Florian hatte sie gezeichnet und sie blieb noch lange auf dem Weiß der Tapete erhalten.

Dann hat er sie übermalt. Mit dunkelroter Farbe. Sophie hat das Porträt damals nicht mehr gefallen.

Das Foto hat Florian aufgehoben. Es hängt jetzt eingerahmt in seinem Arbeitszimmer. Seiner jetzigen Frau ist es egal. Sie hat keinen Bezug. Zu etwas zu dem sie keinen Bezug hat, hat sie auch kein Gefühl. Weder positiv noch negativ.

Und nach fünfunddreißig Jahren gibt es keinen Grund zur Eifersucht.

Aber Sophie ist immer noch in den Gedanken von Florian.  

Äußerlichkeiten?

Kaum zu beschreiben, welche Augenfarbe Sophie hatte und wie die Farbe ihrer Haare war. Dunkelblond glaubt Florian. Sie war einige Zentimeter kleiner als er. Deshalb passte sie gerade unter dem Dachbalken durch und hatte nie eine Beule an der Stirn. Wenn Florian seinen Kopf befühlt, spürt er heute noch das Zeichen. Später stellten sie das Bett unter den Balken. Sophie stieß einmal mit dem Hinterkopf an. Da rückten sie die Schlafstatt wieder an die Wand.

Kaum zu glauben, dass sie die große Liebe seines Lebens ist, wundert sich Florian. Da er sich nicht an die Farbe ihre Augen erinnert. Nur an ein kleines Funkeln erinnert er sich. Es blitzte ab und zu auf, wenn sie sich in die Augen sahen.

Eines Tages war das Funkeln verschwunden. Bald darauf ging auch sie und kam nicht wieder zurück. Nicht in die Mansarde, nicht in sein Leben.

Einige Jahre später ist Sophie in einer Nervenheilanstalt gestorben.

Verrückte und Ärzte und Schwestern und Pfleger und Besuchszeiten und Königsberger Klopse und heimlich rauchen am Notausgang haben sie ihre letzten Lebensjahre begleitet. Die Klopse gab es alle vier Wochen, donnerstags. Das Rauchen verlernte Sophie nach einem Jahr.

„Rauchen ist ungesund!“, hatte Peter, der „Hosenscheißer“, Sophie nachgerufen. Peter hat früher Brücken gebaut. Auf der ganzen Welt. Peter war Ingenieur und hatte nach einem Schlaganfall und einem geplatzten Äderchen im Kopf verlernt das man rechtzeitig auf die Toilette geht. „Rauchen ist ungesund!“

Sophie hat Peter Geschichten vorgelesen. Grimms Märchen. Dann hat sie auch das Lesen verlernt.

Als Florian erfuhr wo Spohie lebte, hat er sie regelmäßig besucht. Es war nicht leicht eine Erlaubnis zubekommen, sie waren nicht verheiratet. Eine Familie hatte Sophie nicht. Sie hatte natürlich eine Mutter und einen Vater und eine jüngere Schwester und einen Onkel und zwei Tanten, aber eine Familie gab es nicht.

Einfach war es nicht für Florian, nein. Wie sollte es auch leicht sein, wenn die Liebe deines Lebens einen Lachanfall bekommt, wenn du in der Zimmertür stehst. Oder sie weint und schreit und kratzt sich die Arme blutig, weil sie dich für ein Ungeheuer hält.

Das Foto mit der Skizze hat Sophie ab und zu erkannt. Wenn sie es mit dem Finger berührt hatte, lächelte sie ein klein wenig.

Von ihrer Reise nach Amsterdam wusste Sophie nichts mehr. Sie sind getrampt, haben „Mexikanisches Gras“ geraucht und nachts den Sternen am Strand beim Liebesspiel zugesehen.

Gelebt haben sie wie die Sterne von Luft und Liebe. Das war die Zeit und sie liebten sich in dieser Zeit. Sie hatten viel Zeit und das gemeinsame Leben würde ewig dauern.




Autor:

Renegald Gruwe lebt in Berlin als Musiker, Zeichner und

Schriftsteller. Über das Verfassen von Liedtexten kam er zum Schreiben von

Belletristik.

Geboren in Berlin lebt der Autor in und mit der Stadt. „Irgendwann habe ich

begriffen, dass es keinen Sinn macht mich mit diesem Steinhaufen anzulegen. So

verschmolz ich mit allem, was Berlin an Gutem und Schlechtem hervorgebracht

hat.“ Seine Lebensmaxime lautet „Augen und Ohren auf und durch“ und ist

gleichzeitig Motivation seiner literarischen Arbeit.

Zu dieser Arbeit zählen Romane, Erzählungen und Kurzgeschichten.

Außerdem schreibt Renegald Gruwe seit geraumer Zeit Kindertheaterstücke.

Veröffentlichungen unter anderem:

– Du sollst nicht Ehebrechen,Zarathustras miese Kaschemme. Magazin für exzentrische Literatur. München, 2024

–  Man wird nicht jüngerDichtungsring, Zeitschrift für Literatur 2023

– Grashüpfers Freund, Kurzgeschichte. Zarathustras miese Kaschemme. Magazin für exzentrische Literatur. München, 2023

– Das Spiel. Kindertheaterstück, Cantus Theaterverlag, Grasellenbach 2022

– Der Lügenbaron und das Ei der Zarin. Kindertheaterstück, Plausus Theaterverlag, Bonn 2019

– Manche lachen auch gar nicht mehr! Erzählungen. Verlag 28 Eichen, Barnstorf 2018

– Mord in Germania. Ein Zeitgeschichtlicher Kriminalroman. Gmeiner, Meßkirch 2018

– Ich möchte keine Pinguine mehr geschenkt bekommen! Erzählungen. Verlag 28 Eichen, Barnstorf 2016

– Die unsichtbare Lena. Ein Theaterstück für Kinder. Deutscher Theaterverlag GmbH, Weinheim 2016

– Spreeleichen. Ein Zeitgeschichtlicher Kriminalroman. Gmeiner, Meßkirch 2016

– Deckfarbe. Ein Berliner Künstlerkrimi. Gmeiner, Meßkirch 2014

– Zuchterfolge. Kurzgeschichte, Zarathustras miese Kaschemme. Magazin für exzentrische Literatur. München, 2013

– Gedicht über deine Tante – Sterz, Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kulturpolitik,

A-8010 Graz, Dezember 2013

– Kopflos. Kurzgeschichte. Zarathustras miese Kaschemme. Magazin für exzentrische Literatur. München, 05/2011

– Schwer verdaulich. Kurzgeschichte. Zarathustras miese Kaschemme. Magazin für exzentrische Literatur. München, 06/2011

– Made in Germany. Kurzgeschichte. Maulkorb 7 als Doppelausgabe mit der El Vau / LOST VOICES von Marc Mrosk. Dresden, 11/2010

– Blick in die Welt. Erzählung. Dichtungsring 39, Bonn, 11/2010

– Gedankenteilung. Erzählungen. Verlag 28 Eichen, Barnstorf 2007

– Renegald Gruwe – Mandelstr. 3 – 10409 Berlin – 
Tel.: 0049.30.7813835 – Mobil: 0171.5483053 –
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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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