Rainer Reno Rebscher für #kkl38 „Momentum“
Momentum mori
du winterkahler baum
vorm fenster des hospizes
bist mit ihr gewelkt
dein endgültiges blatt
ist in den sterberaum
hinein geweht lächelnd
friedvoll einverstanden
hat sie sich und uns verschont
in der letzten Nacht
uns heim geschickt
wollte ganz alleine
mit dem erdig braunen blatt
in jene unbekannten räume
wehen die auf erden nie
ein mensch betreten wird
zimmerluft riecht noch nach
blutorange war das
abschiedsmahl für uns
sie ist längst schon drüben
überm fluss
am lichtgestade angelehnt
an einen frühlingsprallen
schwesterbaum von dir
an eure frauenkraft im
momentum nasci
zu spät
zwischen uns
versickert
der alte tag
im brackwasser
der einsamkeit
zu zweit
du
verschwindest
wortlos
sprachlos
starre
ich
auf die parkplatz
lücke in
der dunklen wucht
des carports
hab mich endgültig
verlassen
SOMMERSPIELE
heute als du so
von unten zu mir
hoch schautest
neugierde charmant
durch meine poren kroch
verführerische
gänsehäute spannte
lichteten wir anker
stäubten in den glitzersee
wo feinste nebellaken aus
dem wasserlicht geboren
in der abendsonne
bleichten und in unbekannte
sphären sich verzogen
schwärmten aus
im kielwasser der enten
hin zu neuen ufern jenseits
aller zweifel ob es richtig
oder falsch ist schwammen
plötzlich auf uns zu so
ungezähmt und zärtlich
Rebscher, Rainer Reno, *1949, lebt in Niedereschach. Verwitwet, 2 Söhne. Arbeitet als ärztlicher Psychotherapeut. Liedermacher, Autor, Lyriker.
Zuletzt 2 Gedichtbände: „Im Schwarzerlenwasser atmet die Zeit“ 2013 und „Neue Boote für die hellen Tage“ 2020, Hrsg. Anton G. Leitner, Verlag Steinmeier Deiningen, und 2 CDs mit Liedpoesie: „Auf stillen Pfaden“ 2012 und „Zwischenland“ 2016, Conträr Musik Schwarzenbek.
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