Bettina Schneider für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Holunderblütenzeit
Bis zum Horizont spannt sich der blaue, mit bauschigen Wolken geschmückte Himmel. Schwalben segeln im Zickzackkurs durch die Luft. Das Getreide steht hoch und wogt wie ein gelbgrünes Meer, wenn der Wind darüber streift. Roter Klatschmohn, weiße Kamillen und das Blau der Kornblumen sprenkeln den Saum der Felder. In der Ferne blinkt ein Gewässer, dahinter erhebt sich der Wald. Stille umgibt mich, nur der Wind rauscht. Eben hat es leicht geregnet.
Hinter dem Jetzt verbirgt sich die Vergangenheit
Ich trete näher. Unzählige Holunderbüsche, dicht aneinandergereiht und in verschwenderischer Fülle von weißen Blütendolden übersät. Sofort steigt mir deren süßer Duft in die Nase und gleichzeitig bemerke ich die unzähligen schwarze Punkte auf dem Weiß. Kleine schwarze Käfer.
Wie eine verwunschene dunkelgrüne Insel liegt dieser Flecken Erde inmitten des weiten Landes. Noch gibt es Erinnerungen, die ich anfassen kann. Unter den Holunderbüschen. Ich strecke meine Hand aus und berühre einen Mauerpfeiler, der wie ein erodierter Fels aussieht. Mit einem Finger fahre ich die Risse im rauen Mauerwerk nach. Kühl fühlt es sich an. Von unten schlingt die Ackerwinde ihre Arme um alles, was sie zu greifen bekommt, die Brombeeren ranken dicht, als wollen sie dem Besucher den Zutritt verwehren. Hinter dem Holunder ragen kleinere Bäume aus einem großen Dickicht heraus. „Was ist das?“, fragt meine Tochter mit Blick auf die Überbleibsel der Pfeiler, die dem Verfall der Zeit preisgegeben sind.
„Das sind die Reste der Mauer“, antwortet mein Vater. „Sie hat den Park des Gutes umgrenzt.“
Der Park, die Wirtschaftsgebäude und als Herzstück das Gutshaus. Das Elternhaus meiner Urgroßmutter. Das Gutshaus, das ich nur von zwei sepiabraunen, etwas unscharfen Fotografien aus dem Familienalbum kenne. Ein stattlicher, weiß getünchter, zweigeschossiger Bau mit vielen hohen Fenstern und einem Turm an der Seite, der an den Glockenturm einer Kirche erinnert. Mit einer Freitreppe, die zum von Säulen gerahmten Eingangsportal führte. Eines der Fotos zeigt auch meine Urgroßmutter als Kind, mit weißer Kittelschürze, am Rosenrondell vor dem Haus stehend.
Pommern. Flickenteppich-Straßen, Kopfsteinpflaster, alte, von Sommerwegen gesäumte Alleen und eine unwegsame Schotterpiste haben uns an das Ziel geführt. Nun sind wir hier: drei Generationen auf einem Ausflug in die Vergangenheit. Während wir die ersten Eindrücke auf uns wirken lassen behält jeder seine Gedanken für sich. Wahrscheinlich bewegt jede Generation ein anderer Gedanke. Erinnerungen, Puzzleteilchen zu dem, was einmal war, schwirren in den Köpfen jedes einzelnen Familienmitglieds und können selbst in Gemeinschaft nur noch zu Fragmenten zusammengesetzt werden. Sie ergeben nicht mehr das Ganze, kein Abbild von früher.
Ich hole tief Luft. Sommerdüfte umwehen mich. Gerüche wecken Erinnerungen stärker als andere Sinneseindrücke. Welche Erinnerungen hätte der Duft in meiner Urgroßmutter geweckt? In den Erzählungen der alten Dame, die ich immer in Schwarz gekleidet vor Augen habe, tauchte der See auf, der eingebettet in den Hügeln liegt. Da ist er. Kahnfahrten auf die Insel inmitten des Sees sind überliefert. Es war die Zeit, in der es Eiskeller gab, die Kinder in Ententeichen schwimmen lernten und die Jahreszeiten das Leben prägten: im Frühling Apfelbäume, die ihren süßen Duft verströmten, in der warmen Jahreszeit blühende Sommerwiesen, bunt verfärbte Buchenwälder im Herbst und lange, harte Winter. Wenigstens die Kinder konnten die jahreszeitlichen Schönheiten genießen. Der Lebensmittelpunkt, das Gut, war von der Gunst der Natur abhängig. Pferde gehörten zum Alltag. Und die Feste — Höhepunkte des Jahres.
Was hat meine Urgroßmutter empfunden, als sie durch die Felder streifte (sie sprach in ihren Aufzeichnungen von Spaziergängen)? Dass sie die Natur liebte, ist unbestritten. Sie schrieb von ihrem Gut, dass es das landschaftlich schönste gelegene Gut, das sie jemals gesehen hatte, war. War es kindliche Euphorie oder romantische Verklärung der Vergangenheit? Auch heute hat diese Gegend etwas von einem Paradies für Kinder. Es ist weites, dünn besiedeltes Land, das zum Entdecken und Durchstromern einlädt.
Mit viel Weichzeichner-Fantasie, etwas Wissen und dem Glauben daran, dass es einst ganz anders war, entsteht vor meinem geistigen Auge etwas, was ihrem geliebten Ort im Ansatz vielleicht nahekommen könnte. In meinen Gedanken fügt sich das Gut in die Landschaft. Das Wenige, was nicht in diese Zeit gehört, blende ich aus: die Wildnis vor mir und die ehemalige Kolchose im Hintergrund mit den riesigen Hallen, aus denen jetzt das laute Muhen der Rinder tönt.
Im Gänsemarsch schreiten wir um den Urwald, der das zerbröselte Mauerwerk versteckt. Lautes Vogelzwitschern begleitet uns auf der Suche nach greifbaren Spuren der Geschichte. Sonnenlicht bricht sich in den Blättern und sprenkelt den grünen Boden.
„Bist du traurig, Opi“, fragt meine Tochter und greift nach der Hand meines Vaters, „dass alles weg ist?“
Nichts ist mehr beim Alten. Meiner Urgroßmutter hätte es das Herz gebrochen, wenn sie ihr geliebtes Gut, das Paradies ihrer Kindheit, heute sähe. Bei Tage betrachtet ist es nur noch ein Haufen Schutt, der von der Natur gnädig zugedeckt wurde. Sie hätte das Gesehene vergessen müssen, um sich wieder erinnern zu können, um sich den Zauber ihrer Kindheit zu bewahren. Zum Glück hat sie nicht mehr mitbekommen, wie ihr Elternhaus immer mehr verfiel, nur noch ein Schatten seiner selbst war, ehe es letztendlich dem Erdboden gleichgemacht wurde.
Bei aller Trauer um ihre verlorene Heimat zogen sich die Liebe für ihre Familie und der Wunsch, sie zusammenzuhalten, wie ein roter Faden durch die Memoiren meiner Urgroßmutter. Zugleich wollte sie für uns dokumentieren, wo die Wurzeln der Familie liegen. Wo sie ihre Kindheit, wie sie schöner nicht hätte sein können, verbracht hat. So formulierte sie es noch einmal in ihrem letzten Brief an ihre Nachfahren, zusammen mit der Hoffnung, dass es wenigstens uns eines Tages vergönnt sei, ihre alte Heimat zu sehen.
Es hätte meine Urgroßmutter gefreut, dessen bin ich mir sicher, uns Enkel, Urenkel und Ururenkel hier versammelt zu sehen. Hier, an ihrem Ort. Ihrem Sehnsuchtsort.
Der Wind bläst stärker, eine Wolke schiebt sich vor die Sonne, nimmt ihr das Strahlen und augenblicklich wird es kühler. Eine Bö fährt in die Holunderbüsche und schüttelt sie, als wolle sie diese von dem letzten Regentropfen befreien.
Hinter dem Jetzt verbirgt sich die Vergangenheit, dieser Satz aus ihren Memoiren hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Wie recht meine Urgroßmutter hatte.
Wir möchten noch hinunter in die Senke, zum See. Aus der Ferne dringt das Bellen eines Hundes. Mein letzter Blick fällt auf das undurchdringlich scheinende Dickicht. Es ist Zeit zu gehen.
Bettina Schneider
Jahrgang 1968, lebt in Berlin, verheiratet, zwei Kinder und ein Hund, Studium der Betriebswirtschaftslehre, im Anschluss zehn abwechslungsreiche Jahre im Rechnungswesen in der Privatwirtschaft, heute Freiraum für kreative Tätigkeit.
Sie schreibt mit Begeisterung Kurzprosa, einiges davon ist veröffentlicht.
Sie ist eine Leseratte, liebt Sonne und blauen Himmel und mag Wald-Spaziergänge.
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