Jonas Oppermann für #kkl39 „Hinter der Zeit“
„Friedhain’sches Kontinuum“
Herr Friedhain holte seine Gleitsichtbrille vom Optiker ab. 360 Euro für ein neues paar Gläser. Was ein Wucher. Das blieb von der Rente am Ende des Monats gerade noch übrig. Die ganze Fahrt nach Hause ärgerte er sich so sehr über die Kosten der Reparatur, dass er die Brille nicht einmal aus dem Etui nahm. Erst, als er in seinem Sessel saß und die Todesanzeigen in der Zeitung lesen wollte, wechselte er die Brille. Seine Nerven dankten es ihm. Zu lange hatte er angestrengt versucht die verschwommenen Zeichen zu deuten und war daran gescheitert. Die Brille fühlte sich seltsam auf seiner Nase an. Seit er zwölf Jahre alt war, hatte er eine Brille getragen und mit der Zeit hatte er sie kaum mehr wahrgenommen. Jetzt zwickte sie allerdings seine Nase und zog unangenehm hinter den Ohren, als sei sie ein wenig zu klein. Dabei hatten sie extra noch einmal seine Maße genommen. Und dann auch noch so teuer. Er stöhnte genervt. Gleich morgen würde er den Optiker zur Rede stellen.
Gerade las er die Anzeige eines verstorbenen Feuerwehrkameraden, da bemerkte er ein Blitzen knapp außerhalb seines Sichtfelds. Er blickte über den faserigen Rand des Zeitungspapiers durch seine Wohnung. Sein Sessel war in Richtung des erloschenen Kamins aufgestellt, der von einer Wohnwand aus Bücherregalen und Vitrinen umgeben war. Mittig über dem Kamin stand eine mächtige braune Uhr. Römische Zahlen zierten ihr Ziffernblatt und schwere Zeiger kündigten Minuten und Stunden an. In der Mitte der Uhr befand sich ein goldener Knopf, der die Zeiger der Uhr zusammenhielt. Es war Herrn Friedhain, als reflektiere etwas in der Mitte des Knopfes die Sonnenstrahlen, die zum Fenster hereinschienen. Das Leuchten wurde immer heller, je länger er es ansah. Bald würde er kein Wort mehr lesen können, so sehr blendete es ihn. Er würde die Uhr aus der Sonne drehen. Mit knirschenden Kniegelenken tappte er vorwärts. Selbst der kurze Gang zwischen Sessel und Uhr wurde immer mehr zur schweren Aufgabe, er wurde ja auch nicht jünger. Die goldene Beschichtung der Uhr blätterte ab, als er sie berührte. Dann sah er etwas sehr Seltsames. Eine Art Strahl formte sich aus dem Nichts. Er schien in sich zu leuchten, wie ein Sonnenstrahl es wohl tat. Der Strahl bog sich und formte ein silbrig weißes Band, das in einer sanften Bewegung von draußen durch die Fenster mitten in die Uhr hineinfloss. Es floss stetig und ruhig, wie die Wurzel einen Baum versorgte, pumpte der Strahl etwas in die Uhr hinein. Wie höchst verwunderlich. Das war ihm noch nie aufgefallen. Er war sich sicher, dass er die Uhr ohne Band gekauft hatte, damals noch beim Warenhändler Schmidt. Vorsichtig berührte Herr Friedhain das Band. Es fühlte sich etwas warm an und kitzelte die Innenseite seiner Hand. „Tick-Tack-Tick-Tack“ ertönte es aus dem Inneren der Uhr. Beherzt ergriff er das silberne Band und zog kräftig daran. „kcaT-kciT-ckaT-ckiT“ machte die Uhr und die Zeiger sausten flink rückwärts. Draußen wurde es wieder dunkel. Dann knallte es laut.
Als Herr Friedhain seine Augen wieder öffnete, war alles weiß. Er konnte keine Umrisse erkennen und einen Schatten warf er auch nicht auf den Boden, auf dem er anscheinend stand. Hinter ihm räusperte sich jemand. Langsam drehte er sich herum und blickte in das freundliche Gesicht eines blonden jungen Mannes. Über der Nase trug der Mann eine alte Fliegerbrille mit Lederklappen, durch dessen Gläser blaue Augen Herrn Friedhain zurück anschauten. Der Mann schaute auf sein Klemmbrett.
„Hallo. Ihr Name ist Walter Friedhain, nicht wahr? Sie müssen entschuldigen ich bekomme nicht oft Besuch hier in der Anomalie-Kammer, deshalb lassen sie es mich wissen, wenn sie etwas benötigen. Sie können mich gerne Tim nennen, das sollte genügen.“ Verwundert über die Höflichkeit des Mannes nickte Herr Friedhain stumm. Tim sah ihn erwartungsvoll an. Herr Friedhain brach das Schweigen.
„Nun ja, Tim, da liegen sie wohl richtig, das ist mein Name. Aber sagen sie doch, was ist denn eine Anomalie-Kammer? Und warum bin ich nicht mehr in meiner Wohnung?“ Und nach einer Weile fügte er hinzu: „Ein Glas Wasser wäre nicht schlecht.“
„Natürlich, Fragen über Fragen, kommen sie einmal mit Herr Friedhain die Tür müsste hier irgendwo sein“, er streckte seine Arme aus und tastete in der Luft herum, dann drückte gegen die weiße Tür, die nach außen schwang und den Blick auf einen hektischen Baubetrieb freigab. Sie traten hinaus und Tim verschwand kurz um die Ecke. Fasziniert sah sich Herr Friedhain um. Er war von buntem Gestein und umherwuselnden Menschen umgeben. Sie hatten unterschiedliche Helme auf den Köpfen und waren mal klein wie achtjährige und mal groß wie eine Straßenlaterne. Die kleinen schoben emsig Schubkarren voll mit schillerndem Gestein, die größeren trugen große Brocken auf ihren Schultern. Tim kam zurück. In einer Hand hielt er ein Glas Wasser, in der anderen einen gelben Plastikhelm. Tim trug bereits einen ähnlichen. Herr Friedhain nahm einen Schluck und schloss den Verschluss des Helms unterm Kinn.
„Bitte folgen sie mir, uns bleibt nicht viel Zeit, bis sie wieder zurückmüssen. Sie kommen gerade aus der Anomalie- Kammer, diese weiße Box hier. Sie ist reserviert für Lebewesen, die die Zeitlinie rückwärts verschoben haben. Meine Aufgabe ist es, sie zu unterrichten, wie die Zeit funktioniert und ihnen so ihre Fehler deutlicher zu machen. Sehen sie es als eine Lektion oder Verwarnung. Bitte folgen sie mir. Sie dürfen gerne eine Frage stellen.“ Sie gingen zusammen auf den Schlund eines großen Gebäudes zu. Es sah aus wie eine riesige Fabrik mit hunderten von dampfenden Schloten. Herr Friedhain dachte kurz nach und fragte dann:
„Wo sind wir denn hier?“
„Herr Friedhain, ihre Frage ist falsch formuliert, in Wirklichkeit hätten sie Fragen sollen, WANN wir sind. Wir befinden uns auf einem zeitlich isolierten Inselplaneten, auf dem wir Zeit abbauen und verarbeiten, sodass die Bewohner des Universums sie verbrauchen können.“
„Aha.“
„Ja ein schwieriges Konzept ich weiß. Sehen sie hier…“, er deutete auf den Eingang zu einem Stollen, aus dem das fleißige Arbeitervolk strömte „hier wird die Zeit selbst abgebaut und in diese Schmelzöfen verfrachtet.“ Die Fabrik war gigantisch. Unvorstellbar heiße Öfen schmolzen das bunte Erz. „Schauen sie dahinter“ fuhr Tim fort, „Die Zeit kommt als geschmolzenes Material heraus, hier erhält sie ihren charakteristisch silbernen Glanz. Man kann sie nur mit speziellen Brillengläsern sehen.“ Er tippte an seine Fliegerbrille. Herr Friedhain fühlte sich wie bei der Begehung einer Firma. „Dort drüben weben wir dann das abgekühlte Material in einem feinen Band zusammen.“ Riesige Webstühle knüpften die silbrige Zeit zusammen, wobei sie dünne Stränge kreuzten und verdrehten. Stumm folgte Herr Friedhain Tim und lauschte seinen Erklärungen. Tim stand vor einer Tür, die sich abseits der Webstühle befand. „In diesem Raum werden die fertigen Zeitstränge zugeteilt. Jedes intakte Uhrwerk erhält konstanten Anschluss an unseren Zeitvorrat.“ Er öffnete die Tür und eine Wand aus Lärm dröhnte ihnen entgegen. Der Raum, der wohl eher eine Halle war, war mit tausenden telefonierenden Menschen in Anzügen gefüllt. Sie saßen vor Rechenschiebern und tippten auf Schreibmaschinen. Als Tim und Herr Friedhain die Halle betraten verstummten sie und sahen auf. Auf ein unhörbares Kommando begannen sie wieder zu arbeiten. Tim deutete auf die große Uhr, die an der Decke der Halle hing. Sie hatte viel zu viele Zahlen, seltsam schnörkelige Zeichen und aus einem unerklärlichen Grund zwölf Zeiger. „Leider müssen sie wieder gehen. Sie haben die sechs Stunden und 23 Minuten, die sie zurückgedreht haben, wieder verbraucht. Ach, und bitte bringen sie doch die Brille wieder zurück.“ Bevor Herr Friedhain einatmen konnte, schnipste Tim und es knallte laut. Herr Friedhain saß wieder in seinem Sessel. Das Glas Wasser hatte er immer noch in der Hand. Der Helm war verschwunden. Den restlichen Tag verbrachte er mit einem langen, nachdenklichen Spaziergang. Am nächsten Tag brachte er die Brille wieder zum Optiker zurück, der sich tausend Mal bei ihm entschuldigte. Er habe die Brille, mit der von Uhrmacher Paulke verwechselt. Das ergab Sinn, zumindest für Herrn Friedhain. Seit diesem Tag hat er kein einziges silbernes Band mehr gesehen. Ihm blieb einzig und allein das Wasserglas aus der Zeitfabrik übrig. Das stinknormale Wasserglas.
Jonas Oppermann, ist 24 Jahre alt und wohnt in Bad Pyrmont. Er wuchs im Theatergeschehen auf und schreibt seit er klein ist. Kurzgeschichten veröffentlicht er auf seiner Website: https://zurueck-ins-funkhaus.weebly.com
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