Hinter dem Vorhang der Zeit

Beccy Charlatan für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Hinter dem Vorhang der Zeit

Birte war gerade auf dem Heimweg von der Arbeit. Es war dunkel, denn der Winter hatte Einzug im Land erhalten. Aufgrund der kühleren Temperaturen fröstelte sie.

Plötzlich riss ihr etwas sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weg. Erschrocken schrie sie auf und sie fiel offenbar ins Bodenlose. Wie Alice im Kaninchenbau schien der Fall endlos zu sein.

Waren es nur Sekunden, Minuten oder gar Stunden, als sich die Szenerie vor ihren Augen veränderte? Wurde sie durch einen Vorhang geschoben?

Gleißendes Licht erfasste sie. Doch es glich nicht jenem auf einer Bühne, bei der die Hauptdarsteller im Rampenlicht standen. Es war eher ein warmes, allumfassendes Licht. Ein Gefühl von Güte und unendlicher Ruhe zog in ihr ein.

Neugierig sah sie sich um. Es hatte den Anschein, als stünde sie in einer riesigen Halle. Einer Art Kathedrale. Vor ihr war eine Erhöhung, auf der etwas aufgebaut war. Was es genau war, konnte sie nicht erkennen.

»Komm näher«, forderte sie eine tiefe Stimme auf.

Fragend sah sie sich um, doch sie konnte niemanden entdecken. So trat sie an diesen Vorbau heran, der einer Empore glich. Eine Holztreppe führte seitlich nach oben.

Vorsichtig betrat sie diese, ganz so, als müsste sie austesten, ob das Material ihr Gewicht auch tragen würde. Es hielt. Stufe um Stufe erklomm sie.

Die Luft veränderte sich. War es zuvor in dem Raum kühl gewesen, so empfing sie nun ein warmer Lufthauch, der sich beinahe zärtlich um ihren Körper legte.

»Trete heran«, forderte sie diese unbekannte Stimme wieder auf.

So kam Birte dieser Aufforderung nach und trat näher an das Gebilde, das in einigen Schritten Entfernung von ihr aufgebaut war. Das Möbelstück, wenn man es denn so nennen konnte, war überzogen mit schwarzem Samt und mindestens fünf Meter lang und zwei Meter breit. Auf ihm verteilt lagen Kugeln, die Kristallkugeln von Wahrsagern ähnlich sahen. Diese befanden sich in einem Bett aus dem gleichen Stoff wie das Möbelstück, als müssten sie damit am Wegrollen gehindert werden.

Es war gespenstig still an jenem Ort, an dem Birte sich in diesem Moment befand. Doch die Stille war nicht unangenehm. Im Gegenteil. Hier war sie irgendwie passend und brachte ihre sonst so schnell aufkommenden Gedanken zur Ruhe. Sie dachte an nichts und fühlte sich frei und leicht.

Die Kugeln waren rund um das Möbelstück platziert. Fast hatte es Ähnlichkeiten mit den Teilnehmern einer Konferenz. Innerlich musste sie lachen. Es war schon amüsant, dass der Mensch immer Vergleiche für Dinge benötigte, die er nicht kannte, um etwas oder eine Situation einzuordnen.

Je näher sie einer Kugel kam, desto besser erkannte sie Bilder. Viele einzelne, kleine Darstellungen, die alle etwas anderes zeigten. Der Inhalt wechselte in rasender Geschwindigkeit.

Ihr Auge war ohnehin nicht in der Lage, jedes Bild auf einer Kugel zu erfassen, doch durch die Schnelligkeit war es nahezu unmöglich.

»Was ist das?«, fragte sie sich selbst.

Die unbekannte Stimme ohne menschlichen Körper hatte sie vollkommen vergessen. Aber diese schaltete sich nun wieder ein und Birte zuckte vor Schreck zusammen.

»Schau dir die nächste Kugel an«, schlug sie vor.

Da sie keine Gefahr erkennen konnte, tat sie es. Dort waren ebenfalls Bilder, doch bei weitem nicht so viele wie zuvor. Auch war die Geschwindigkeit langsamer und sie erkannte Menschen, die sportlich aussahen, drahtig und fast sehnig. In den Händen hielten sie Sperre. Einer stand im Eingang einer Höhle. Die Kleidung war sehr grob und sah notdürftig zusammengehalten aus. Auf einem dieser kleinen Schnipsel sah sie ein Mammut.

»Geh weiter«, forderte die Stimme. Auch dieses Mal kam Birte dem nach.

So schritt sie Kugel für Kugel ab. In jeder sah sie andere Bilder, eine unterschiedliche Anzahl, in vielen Fällen neuen Inhalt und die Geschwindigkeit variierte.

Schlussendlich kam sie wieder an ihrem Anfangspunkt an.

»Hast du eine Idee, was diese Kugeln darstellen?«, fragte die Stimme.

Birte hörte genau hin, ob sie eine Emotion in ihr erkennen konnte. Doch sie war neutral, wie eine Computerstimme.

»Es sah aus, als würden diese Kugeln Bilder aus verschiedenen Epochen zeigen«, erklärte sie.

»Das ist richtig. Welche hast du erkannt?«

»Steinzeit, Neuzeit, Eiszeit, Antike und einige konnte ich nicht zuordnen.«

»Sehr gut. Jene, die du nicht zuordnen konntest, sind Epochen, die es in deiner Zeitrechnung noch nicht gibt, da sie in deiner Zukunft liegen.«

Das war eine sinnvolle Erklärung.

»Und warum zeigen diese Kugeln alle Epochen parallel?«

»Zeit im eigentlichen Sinne gibt es nicht. Du empfindest Zeit, da du in einer dieser Epochen lebst. Doch eigentlich ist jeder Mensch seiner Zeit hinterher.«

Diesen Ansatz verstand Birte nicht und die Stimme schien dies zu bemerken.

»Jede Epoche der Menschheit läuft im Universum parallel ab. Es gibt im großen Ganzen keine gerade existierende Periode oder Zeitzone. Du lebst in deiner Zeit, aber auch zeitgleich in jeder anderen, die du hier siehst. Dich gibt es sozusagen so oft, wie es Kugeln gibt. Du erlebst alles parallel und auch zugleich nicht.«

»Wow. Somit haben die Menschen recht, die sagen, Zeit ist relativ und alles geschieht zeitgleich?«

»Das ist korrekt.«

Sie starrte auf die Bilder vor sich, die wieder rasend schnell über die Kugel flogen. »Je weiter die Epoche vorangeschritten ist, desto zügiger werden die Bilder«, stellte sie fest. Auch dies bestätigte die körperlose Stimme. »Das es so kompliziert und zugleich trivial ist, hätte ich nicht gedacht. Warum zeigst du mir das?«

»Zum einen forschst du seit Monaten zu diesem Thema, um zu beweisen, dass jene Menschen vor dir recht hatten mit dieser Theorie. Zum anderen hat mich deine Neugier und Beharrlichkeit fasziniert, sodass ich dir einen Blick hinter dem Vorhang der Zeit ermöglichen wollte. Viele Menschen waren noch nicht hier.«

»Wie viele waren es genau?«

»Zwei. Aber die Namen werde ich dir nicht verraten. Ich möchte, dass du dieses Wissen in dir trägst. Du wirst zum gegenwärtigen Zeitpunkt in deiner Epoche nicht beweisen können, dass du recht hast. Aber du selbst wirst es immer wissen.«

»Vielen Dank für diese Ehre. Es beruhigt mich tatsächlich, dass ich recht hatte, auch wenn es mich auf der anderen Seite frustriert.«

»Ich weiß.«

Plötzlich stand sie wieder im Regen inmitten der Düsseldorfer Innenstadt. Hatte sie das gerade nur geträumt oder war es tatsächlich geschehen?




Beccy Charlatan wurde 1982 in Wuppertal geboren und lebt mit ihrem Lebensgefährten in Düsseldorf. Der Schreibliebe geht sie erst seit 3 Jahren nach. Sie schreibt unter anderem im Bereich Fantasy und Dark Romance.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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