Wildwuchs

Vera Hohleiter für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Wildwuchs

Am Rande des kleinen Dörfchens lag ein verwahrloster Garten. Moosbewachsen und völlig überwuchert, ließen sich keine Pfade mehr erkennen. Bäume und Sträucher hatten sich ausgebreitet und waren zu einem verworrenen, knorrigen Gebilde zusammengewachsen. Die Kirschblüte war wie jedes Jahr gekommen und gegangen. Die Früchte waren längst von den Bäumen gefallen. Was die Vögel nicht gefressen hatten, faulte auf dem Boden vor sich hin.

In der Mitte des Gartens stand ein verfallenes Haus, dessen desolater Zustand die Erinnerung an seine früheren Bewohner völlig ausgelöscht hatte. Niemand wusste mehr, wer früher dort gelebt und gearbeitet hatte. Die Natur hatte wieder ihr Recht eingefordert. Sie hatte die Herrschaft über den Garten zurückerlangt – über diesen und über sämtliche Gärten, die einst zu dieser Ortschaft gehört hatten.

Dahinter begannen die Felder. Sie waren ebenso verwildert wie die einst gepflegten Gärten. Wo Generation um Generation Landbau betrieben hatte, wagte sich kein menschliches Wesen mehr in den Wildwuchs. Manchmal sah man Kraniche durch die Felder staksen. Man sagte, nachts schlichen Amurtiger in dieser Gegend herum, aber wirklich gesehen hatte sie noch niemand. Hunderte kleiner Tiere, die anderswo als längst ausgestorben galten, hatten die Einöde belebt. Doch bei Tag zeigten sie sich nicht.

Am anderen Ende des Dorfes lebten vereinzelt noch Menschen. Die jungen Leute waren in die Großstadt abgewandert – aus Panik und Perspektivlosigkeit. Ein paar zahnlose, wie Rosinen zusammengeschrumpelte Alte betrieben einen kleinen Laden an der einstigen Hauptstraße und verkauften dort Instantnudeln, Schnaps und Zigaretten. Ein größeres Sortiment hätte sich nicht gelohnt, denn die einzigen, die bei ihnen einkauften, waren Soldaten oder ab und an Fernsehleute, die auftauchten, das verfallene Dörfchen filmten und wieder verschwanden.

Manchmal machten die Alten einen kurzen Spaziergang an der Hauptstraße entlang. Sie gingen mitten auf der Straße, denn außer Armeelastwagen benutzte sowieso kein Fahrzeug diese Straße mehr. Auf dem Asphalt fühlten sie sich sicher. Den Feldern näherte sich niemand, denn nicht weit von dort waren Landminen vergraben. Die genauen Stellen kannten sie nicht.

So liefen sie einfach die Hauptstraße auf und ab und ließen sich den Wind um die Nase wehen und versuchten sich zu erinnern, wie das Dorf ausgesehen hatte, als es noch bevölkert gewesen war. Doch auch ihre Erinnerungen waren von dem Wildwuchs überlagert. Ihnen fielen die Namen ihrer Schulfreunde nicht mehr ein, die längst tot oder weggezogen waren. Die Gesichter des Lehrers, des Priesters und des Bürgermeisters waren in den Untiefen ihres Gedächtnisses verschwunden. Hier und da blitzte noch ein verschwommenes Bild auf – Kinder, die vor dem Laden spielten, die Dorfbewohner in Festtagsgarderobe, die winzige Kühltruhe voller Speiseeis in dem Jahr als Vanilleeis zum ersten Mal zum Verkauf angeboten worden war. Manchmal vermischten sich auch Geräusche aus der Vergangenheit mit den Bildern. Es war, als hörten sie das Gebell eines Wachhundes von einem der Bauernhöfe, das Geschnatter von Gänsen und Enten, das Motorengeräusch eines altmodischen Wagens … Wenn sie glaubten, ein Auto gehört zu haben, drehten sie sich um und erwarteten beinahe, dass ein Armeefahrzeug um die Ecke bog, aber dann begriffen sie, dass wieder nur ihre Erinnerungen ihnen einen Streich gespielt hatten.

Waren sie am Ende der Hauptstraße angelangt, dort wo die zugewucherten Gärten lagen und wo man aus der Ferne die Felder, die Bäume und die Berge sehen konnte, dann drehten sie um. Weiter konnten sie nicht gehen, denn weniger als zwei Kilometer nördlich begann das Territorium der Demokratischen Volksrepublik Korea und dort wurde scharf geschossen.




Vera Hohleiter studierte in Berlin und Paris Literatur-, Politik- und Geschichtswissenschaften und absolvierte in Seoul ein Sprachstudium in Koreanisch. Als Journalistin arbeitete sie in Südkorea, den USA, Deutschland und der Schweiz für Radio- und Fernsehsender, Print- und Online-Medien. Sie lebt in Basel.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar