Hinter der Zeit

Thale Lind für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Hinter der Zeit

Ich habe die „Zeit“ nie gesehen, nie ihre gänzliche dies und jenseitige Tiefe erahnt noch erfühlt, jedoch suche ich eine fragende Berührung, die nach ihrer schweigenden Unsichtbarkeit, ihrer unaussprechlichen Urheberschaft, die hinter ihr ist.

Die „Zeit“ ist eine festgelegte physikalische Definition von Zeitpunkten und Zeitphasen und gründet in einer Übereinkunft aller Staaten, der auf die einzig gültige koordinierte Weltzeituhr (UTC), die auf der ganzen Erde die Uhrzeit festlegt.
1967, aus Anlass der Präzision der verfügbaren Atomuhren, wurde die heutig gültige Festlegung der fundamentalen Zeiteinheit (Sekunde) getroffen. Sie besagt, dass eine Sekunde das 9.192.631.770 – fache der periodischen Schwingungsdauer der Strahlung die dem Übergang, zwischen den beiden Hyperfeinstrukturniveaus des Grundzustandes des Atoms Caesium-133, entspricht. Zweifelsfrei wird aus dieser Sekunde, die Minute und weitere Zeitzählungen abgeleitet.
So wenig an ihr, dieser Sekunde und was aus ihr entsteht, zu zweifeln ist, sind wir ihr und was aus ihr an Stunden, Tagen, Wochen, Jahren entsteht, wie unveränderbar ausgesetzt. Im Alltag empfinden wir es mehr oder weniger deutlich als mentale Spannung von Idee und Wirklichkeit oder emotionale Unvereinbarkeit zwischen Gedanken und Empfinden, was durch die Zeit, ihrem Ablauf als Dauer, geschieht und entsteht. Wie ein emotional latentes oder bewusstes Empfinden schmerzlichen Widerspruchs. So wie bohrende Wehmut oder auch jene bestimmte Traurigkeit sein kann, die sich schließlich als ohnmächtig wachhaltenden Trauer zeigt über das tiefste und allerniedrigste Sich-nicht-bewähren-Können in der eigenen empfundenen Subjektivität und des Körpers vor der unbeeinflussbaren Zeit.
Weil doch die ganze Lebens- und Leibes Subjektivität, die doch in dem vergeblich anrührenden Kampf gebraucht und verbraucht wird und gegen den träge, stetigen oder künstlich beschleunigten Ablauf der Dauer, letztendlich nicht standzuhalten vermag vor der Zeit.
Jener empfundenen Zeit, die meist unterhalb oder oberhalb des oberflächlich Offensichtlichen äußerlich und innerlich ist. Die uns, das heißt: jeden, ungefragt, unabänderlich von allen einst mühsam erklommenen (und noch zu erklimmenden) Lebensgipfel herab begleitet und nach und nach unseren eigensten (materiellen) Körper brüchig entflechtet. Bis sie uns schließlich rückwärtsgehend hinzieht in die eine doch scheinbar an sich wesenlose Welt, die da ist, mit ihrer Stille bewahrenden monoton aufglänzenden und verwesenden Oberfläche, die auch Tod genannt wird.
Hier beginnt sie die Horizontalverschiebung. Ab hier kehren sich die Empfindungen in Gedankensphären, die Wirklichkeit in Ideen um und heben einander auf: denn die Zeit ist die Fülle des Lebens, wenn auch die Fülle der Zeit das sich aufheben des Lebens und mit ihr, der Zeit ist. Nur eine Uhr folgt, nicht aber die Zeit, dem irdisch Menschlichen.

Zweifelsfrei basierte die Frage des römischen Kirchenlehrers Augustinus auf seinem konstitutiven Denken. Er fragte, was er u.a. in seiner Schrift „Conffessiones (dt. Bekenntnisse)“ behandelte: „Was ist die Zeit?“.
Ihm ist die Zeit eine Mischung von dem Überwinden der kreatürlich-organischen Beschränktheit der Zeit eingeschränkten Welt in die innige Schöpfungsverbundenheit, von Sein und Nichtsein.

                                                                       2

Er stellt die Zeitlichkeit der Ewigkeit Gottes gegenüber. Ihm ist -Zeit- beheimatet in des Menschen eigenem Zeitbewusstsein. Folgen wir seinem Gedanken, dass die -Zeit- beheimatet ist im „Zeitbewusstsein“, gewährt sie uns dann nicht auch zu fragen: kann denn hinter ihr etwas sein, was -Zeit- selbst nicht ist?

Könnte dann die „Ewigkeit Gottes“, die transzendentale Heimatlosigkeit der Idee, hinter der Zeit sein? Da die Heimatlosigkeit der Ewigkeit eigen wäre, was folglich bedeutete: Es wäre die Idee der Heimatlosigkeit der Ewigkeit Gottes gleichzusetzen.


Doch wo noch, neben der religiösen und kirchlichen Lebenssphäre des alten Testamentes und des neuen Bundes, findet sich die transzendentale Idee der Heimatlosigkeit oder die Heimatlosigkeit der Idee?

Sie findet sich in der literarisch künstlerischen Dichtung, besonders in Form des Dramas.
Denn das als dramatisches Ereignis geschilderte Geschehen, hat in der Realität keine Heimat, keine wirkliche Dauer. Ist im Verlauf dieses dramatisch Geschilderten eine Zeitspanne einbezogen, ist diese „Zeitspanne“ gleichermaßen herausgehobene oder darüber emporgehobene Zeit – gegenüber jedem Ablauf der fließenden (Lebens-)Zeit. Die dramatische Form bleibt in deren Zeit gewisserweise szenisch eingeschlossen. Zeit fließt von gelebter in ungelebte Zeit.
Trotzdem die ausdrucksstarken Helden/Heldinnen zwar Wandlungen, innere Handlungsveränderungen erleben, erleben sie aber keine Veränderung durch die Zeit. Denn sie reichen nicht an die fließende -Zeit- heran und sie reicht ihnen keine Hände. Weil bei Helden und Heldinnen deren Charakteristik identisch mit ihrem Alter ist, so bleiben sie, was sie ihrem Charakter nach sind.
In dem allgemein bekannten Drama um den Trojanischen Krieg, der sich über eine große Zeitspanne hinzog, war der Held Odysseus der immerwährende Wanderer, der Held Nestor alternd, eben alt. König Agamemnon war sehr mächtig und reich, eben mächtig reich. Die bezaubernde Helena war umworben und fraulich schön, eben umworben schön.
Altwerden, innere gegen äußere Schönheit tauschen und zu sterben ist aber eine schmerzlich zu erkennende, unausweichlich zu erlebende Tatsache jeden Lebens, zudem weit weniger eine lyrische Stimmungsmalerei. Was aber davon die charakterisierten dramatischen Gestalten erlebten und wie sie es erlebten, hat eher die selige Vorstellung ganzer Götterwelten.
Diese Momente, (Charakterausdruck und Alter ist eines), sind auch in Dramen bis in die Gegenwart hinein eigen. Ihr Gegenwartsbezug, ganz gleich, ob die dramatischen Geschehnisse, vergangenes, die Gegenwart oder zukünftiges berühren, verwandeln jede Zeit in einen Raum. Ob in einem literarischen Textraum aufgefangen oder auf einem mehrdimensionalen Bühnenraum dargestellt, hat er jedoch keine Richtung, wie die der Zeit. Falls es sich um ein als Drama umgeformtes historisches Ereignis handelt, kommt es zu der Horizontverschmelzung historischer Erkenntnis, aber nicht zur Zeitverschmelzung. Die dramatische Dichtung als im vertikalen Raum geronnene Zeit steht nicht hinter der Zeit. Sie drückt aber, wie in einer zur Kontemplation gewordenen inneren Haltung, den Pfad der Horizontverschmelzung aus, zwischen der Heimat des Zeitempfindens in der menschlichen Bewusstseinszeit und der Heimatlosigkeit dessen, was jenseits dieses Zeitbewusstseins ist.
Denn die Lebensbewusstseinsheimat braucht, ja bedarf sogar, dass die Sekunde und aus ihr abgeleitete Zeit als Quelle eine festgelegte physikalische Definition ist. Und das für die tatsächliche Übereinkunft der Zeitbestimmung zwischen uns Lebenden.

                                                                                  3

Doch entzieht sie sich diese „Quelle“ gleichzeitig, denn wem ist es möglich, die Strahlung eines atomaren Hyperfeinstrukturniveaus, zu erfassen?
Ich sage: Laboratorien mit eigenen Mess- und Beschleunigungsinstrumentarien auf hyperspezifischer elektronischer Basis. Doch wofür steht diese aus den Laboratorien abhängige Definition für die quellen Sekunde der Zeit? Für Bindung, nicht aber Verbindung.

Diese physikalische Definition der „Sekunde“ bindet mit ihrer rein atomar elektronisch festgestellt scheinenden Aussagekraft, dass alle Zeitsekunden so, und nur so, nämlich abhängig gebunden von ihr, dem Laborvermessenen ist.

Diesen verabsolutierten Anspruch, für Labor abhängige und hoch elektronisch atomarer technischer Bindung für das, was „Zeit“ ist hat die im vertikalen Raum geronnene Zeit der dramatischen Dichtung nicht.

Ihr zueignen ist eher die Horizontverschmelzung der „Andersartigkeit“ der Zeit. Die uns wiederholt zu der Frage führt: kann denn hinter der Zeit etwas sein, was Zeit selbst nicht ist?

Sind wir jetzt vermessen oder liefern wir uns aus, wenn wir sagen: Ja? – weil es eher einer Ahnung gleich ist, dass die „Andersheit von allem Anderem der Zeit“, das ist, was allem definieren und sprechen über die Zeit parallel hinter ist, was war und bleibt? Diese Andersheit, die im Innern der ihr eigenen Mächte eine unverwechselbare Kraft der Verortung hervorbringt. Der Verortung, in der alle Möglichkeit des Gegensätzlichen enthalten sind, die verteilt über allem „Sein“, alles „Ist“ spaltet und es gleichzeitig vollständig entgrenzt.
Doch fragen wir die Zeit selbst: Du, ist es die transzendentale Idee deiner Heimatlosigkeit, das, was Augustinus einst schrieb die Ewigkeit Gottes?

                                                                               _ . _

Anmerkung: diesem kurzen Text liegen Anregungen zugrunde von:

Wie ist die Zeit heute definiert? – auszurufen über Google Plattform vom 22.01.24

-Augustinus von Hippo auch Aurelius Augustinus, römischer Bischof und Kirchenlehrer, geb. 13.11.354 n. Chr, gest. 28.08.430 n. Chr. 

– sein Werk: „Cofessiones, dt.-Bekenntnisse“, Reclam Verlag ISBN 978-3-15-019822-3,

-Georg Bernhard Lukacs, geb.13.04.1885, gest. 04.06.1971, Philosoph, Literaturwissenschaftler, kommunistischer Politiker*

in seinem bedeutenden Werk aus 1916 „Die Theorie des Romans“ formulierte er die „ transzendentale Obdachlosigkeit“.  

Hans-Georg Gadamer, geb.1900, gest. 2002, deutscher Philosoph im philosophisch-hermeneutisches Hauptwerk: Wahrheit und Methode, 1960.




Thale Lind lebt in der Nähe von Osnabrück, schreibt Kurzprosa, Essay, Lyrik und historische Erzählungen. Seitdem er schreibt, geht es ihm um »literarische Literatur«. Eben einem bewusst gewählten Geschehen, das fragt, wirklich an- und berührt, endet oder offen bleibt. Sodass Literatur ist, wie sie einmal war, dass sie ist und wieder werden wird und kann, wenn sie nicht von etwas anderem gebraucht und entfremdet wird.






Über #kkl HIER

Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Hinterlasse einen Kommentar