Martin A. Völker für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Die zwei Uhren
Der Frühling naht. Zumindest ist das die Hoffnung. Jedes Anzeichen dafür, jede Knospe, jeder Grünschimmer, jeder plötzlich aufsteigende Erdgeruch, wird beachtet. Aber für eine gewisse Zeit glaubst du, dass diese Anzeichen sich nur ungenügend verdichten, und der Frühling in diesem Jahr ausbleibt. Doch dann ist er fast über Nacht da. Das Ende des Winters löst die Erstarrung in der Natur und erlöst die Menschen. Alles wird beweglich und lebendig. Mit der Lebendigkeit beginnt auch sie wieder spürbar zu laufen: die Lebensuhr. Erst munter spazierend, dann heiter vorspringend, und irgendwann in den kommenden Wochen scheint sie zu hechten und zu rasen. Wie ein Daumenkino, das immer schneller durchblättert wird, bis die Finger bluten, und dir der Papierblock aus den Händen fällt. So entgleitet dir das Leben. Es gibt diese Beschreibung von Nahtoderfahrungen, in der von einer Art Film die Rede ist, welcher die wichtigsten Ereignisse des Lebens enthält und im Zeitraffer vor deinem geistigen Auge abläuft. Wie kommt es dazu? An der Wegscheide zum Tod nimmst du wahr, dass dein vorher gelebtes Leben ein zeitgerafftes, ein verhuschtes gewesen ist. Erst ging alles nicht schnell genug, dann zu schnell. Wie ein Lichtblitz zuckt dein Leben vorüber. Dass das Leben lediglich einen Augenblick lang dauert, es im nächsten Moment beendet sein kann, erfüllt dich mit Trauer. Wie gehst du damit um? Du versuchst, bewusst zu leben, viele eindringliche Genussmomente aneinanderzureihen, damit du dich wie an einer Gebetskette daran festhalten und erinnern kannst. Das Springen von Genuss zu Genuss erhöht jedoch allein die Drehgeschwindigkeit der Zeiger deiner Lebensuhr. Hinter die Zeit kommt niemand. Wir versuchen es und erreichen das Gegenteil. Erfolglos bleiben wir, weil wir bloß dieses eine Leben in der Zeit besitzen. Jeden Ausweg haben wir uns versperrt, bis wir die letzte Ausfahrt zum Tod nehmen müssen. In und mit dem Tod endet die Zeit. Unsere Erinnerungen zerfließen, die einzelnen Tropfen gehen unter in einem riesenhaften Meer, ohne sich irgendwann und irgendwo erneut zu versammeln, ohne jemals wieder an die Oberfläche eines Bewusstseins zu gelangen. Uns ergeht es so, weil wir den Himmel entvölkert, alles vermenschlicht und verdiesseitigt haben und deshalb starrend vor der einen peinigenden Lebensuhr hocken wie das ausgehungerte Kaninchen vor der Würgeschlange. Dass die Menschenwürde unantastbar ist, davon machen wir selbst und persönlich wenig Gebrauch. Würden wir das tun, fänden wir vielleicht einen neuen Himmel, wie die Kunst einen solchen darstellt, mit einer eigenen Zeitrechnung, die uns gesund erhält. Trotzdem bleibt der Himmel der Kunst ein menschengemachter, was er uns nicht vergessen machen kann. Was ist unsere öde Kunst gegen die Traumzeit der Aborigines? In dieser Traumzeit verschmelzen Leben und Tod, Menschen und Götter, Epochen und Augenblicke. Die Zeit erscheint gedehnt, sie muss nicht ergriffen und genutzt werden, sie bewegt sich beruhigend wie Ebbe und Flut, atmet ganz tief in jede Richtung, und wer kann schon den Blick von einer entspannt atmenden Schläferin abwenden? Der Mythos ist die Denk- und Sprachform der Traumzeit. Er ist allumgreifend und absolut erfüllt, angefüllt mit Leben und Veränderungen, mit Abschied und Wiederkehr, während wir beständig unerfüllt sind. Wir verlieren die Traumzeit, wenn wir das Mythische aus unserem Leben verbannen, es uns austreiben lassen, wenn wir aufhören, Märchen zu lesen oder sie uns vorlesen zu lassen. Erwache aus der Tick-Tack-Misere deines Lebens. Werde zum Mythonauten, und trage die große zeigerlose Weltuhr in deiner linken Brust.

Martin A. Völker, geb. 1972 in Berlin und lebend in Berlin, Studium der Kulturwissenschaft und Ästhetik mit Promotion, arbeitet als Dozent, Kunstfotograf (#SpiritOfStBerlin) und Schriftsteller in den Bereichen Essayistik, Kurzprosa und Lyrik, Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Mehr Infos via Wikipedia.
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