#scribblingeve für #kkl39 „Hinter der Zeit“

III Im Verhältnis zum Licht
In der Wohnung wird es Abend. Sie hat breite Dielen, der Flur ist mittig und relativ schmal. An der Garderobe hängen Männerjacken aus Leder und Cord an Bügeln und auf einem kleinen Tisch steht eine Kerze. Es riecht nach warmem Holz. Der Schlüssel geht und er macht das Licht an, streift seine Jacke ab, die er zu den anderen hängt und ruft ein kurzes „Hallo, bin da.“ Keine Antwort. Er hängt seinen Schlüssel auf und geht in die Küche. Wie jeden Abend macht er sich einen Tee. Heute geht der Wasserkocher nicht auf. Er flucht leise und nimmt ein Messer aus der Schublade, mit dem er den bereits verkratzten und verklemmten Knopf bearbeitet. Sicher hat sie wieder zu fest drauf gedrückt. Er setzt sich an den Küchentisch und macht das Radio an, hört aber nur halb hin. Er mag sie wirklich. Nur. Sie hat so überhaupt keinen Realitätsbezug. Sie läuft durch die Stadt und denkt an ihn. Er müsste jetzt zuhause sein. Gestern Abend noch lagen sie nebeneinander und sie hatte beim Einschlafen die Hand auf seinem Oberschenkel, der sich warm und stark und vertraut anfühlte. Schon jetzt weiß sie, dass sie das Gewicht neben sich vermissen wird. Er stellt das Radio lauter und räumt seine Tasche aus. Dann schaut er in den Kühlschrank ob alles da ist für die Lasagne. Er holt die Tomatensauce aus der Gefriertruhe und stellt sie zum Auftauen neben den Kühlschrank. Er macht die Schublade auf und sieht, dass sie ihre Milch vergessen hat. Jetzt wird sie verderben, er trinkt keine. Er seufzt. Immer dieses Ungenaue. Manchmal fühlt er sich wie ihr Vater, der sie nach erziehen muss.
Sie läuft schnell die nächste Straße entlang. Es musste eine Entscheidung her, denkt sie und tritt kräftiger auf. Sie konnte nicht immer in dieser Ungewissheit sein. Am Ende ist es ganz einfach: liebt er dich, oder liebt er dich nicht. Wer darauf keine Antwort weiß, liebt dich eben nicht.
Jetzt auch noch die Idee mit der Stelle am Theater, denkt er. Dass sie es probieren will, war schon länger im Raum. Jahre eigentlich. Es hatte angefangen mit dem Theaterkurs an der Uni, den sie wieder aufnahm, nachdem sie ein paar Jahre gearbeitet hatte. Eine Probe in der Woche, eine Woche intensiv, ein Auftritt pro Jahr. Dann hat sie sich für einen zusätzlichen Kurs angemeldet. Noch ok. Er machte ja auch gerne Musik. Aber vor ein paar Monaten meinte sie, es wäre etwas ausgeschrieben am Theater Mainz und sie gehe zum Vorsprechen. Wirklich? Meinte er. Wofür? Sie war zu alt um noch wirklich erfolgreich zu werden. Wie sollte das funktionieren.
Wie sollte das finanziell funktionieren. Sie beide. Er immer arbeitend, sie immer ohne Geld. Und der Kinderwunsch. Hatte sie nicht gesagt, sie wolle auch eins. Wie sollte das funktionieren.
Sie läuft schnell durch eine Allee, inzwischen ist es dunkel. Sie musste wirklich los. Er hatte immer gesagt, sie sei so unklar und wisse nicht was sie wolle. Und jetzt. Jetzt war es auf dem Tisch, sie hatte tatsächlich eine ganz konkrete Möglichkeit mit dieser Stelle. Und jetzt ist das das Falsche. Ihr Telefon klingelt.
„Ich habe ihn verlassen.“ sagt sie ohne hallo.
„Oh“
„Ja.“
Als er den Kühlschrank schließt, fällt sein Blick auf einen Post-It Zettel, der an der Tür klebt.
Es ist ein gelber Zettel, quadratisch, derselbe, den sie sonst für geheime Botschaften verwendet hatte. Eine Katze, die an einem verschlossenen Haus anklopft in dem Buch, das neben seinem Bett lag. Ein sehr kleines und verstecktes Herz, auf der Innenseite des Badezimmerschranks, den er morgens zufällig fand. Derselbe Post-It Zettel, nur jetzt ohne Zeichnung. Stattdessen:
„Ich musste los, es tut mir leid, ich kann es nicht absagen.“
Er nimmt den Zettel in die Hand und dreht ihn um. Nichts.
Er spürt ein Ziehen im Bauch. Wirklich jetzt. So? So gehst du jetzt?
Ihre Freundin am Telefon, sie kennt sie schon immer.
„Musste es entweder oder sein? Wäre es nicht mit ihm gegangen?“
Wie soll sie es erklären. Das zunehmende Gefühl, dass soviel an ihr ihn unzufrieden macht. Er fast nur noch das Negative sieht und sie ihre Liebe in der hinteren Ecke von Badezimmerschränken verstecken muss. So was kann man schwer erklären, so eine Grundstimmung. Ihr fällt ihr Traum ein:
„Weißt du, ich hatte diesen Traum. Und in dem Traum, wollten wir heiraten.“
„Ok. Und?“
„Ja, wir saßen in einem großen Raum aus Holz an einer Tafel mit vielen Freunden und er trug ein feines schwarzes Samthemd.“
Ihre Freundin lacht: „Deine Träume sind immer so wunderbar „indirekt“ …. Irgendwie hast du ein Ding mit seinen Klamotten. Gab´s da nicht schonmal die goldene Ritterrüstung?“
„Ja, ja – Golden aber Rüstung. Seide, aber schwarz. Immer so eine Mischung aus Anziehung und Distanz. Egal. Jedenfalls: Wir wollten heiraten und saßen schon an einer Tafel – Und er SO steif neben mir. Mit soviel Widerstand, dass mir klar wurde: er sitzt da hauptsächlich aus Pflichtgefühl.“
„Hm.“
„Und deshalb: nein, mit ihm wäre es nicht gegangen, jedenfalls nie richtig.“
Und außerdem, denkt sie bei sich, ohne ihn geht etwas anderes: Sie sagt es nicht laut, dass ihr Traum gerade zu prophetisch endete: Denn nachdem sie seinen Widerstand erkannte, ging sie aus dem Raum heraus und auf eine Brücke, die sich in einer poetischen Weise über einen breiten hellen Fluß spannte. Die Brücke war weiß und erinnerte an Griechenland. Sie lehnte sich an das Geländer und blickte in den rasch fließenden und vollkommen friedlichen Fluß. Es erfüllte sie mit einer hellen und klaren Freude, genauso wie der Fluss selbst und ihr Blick folgte dem Fluss und sie sah, dass sich das Geländer am Ende der Brücke zu einer Treppe öffnete: unten verschwand die Treppe im hellen Wasser.
Da ging sie zurück in den Saal um sich zu verabschieden. Sie setzte sich nochmal zu ihm, zwischen die anderen und sprach es einfach aus: „Eigentlich wollen wir doch gar nicht heiraten.“ Er nickte. Er sagte noch: und was ist mit den Gästen?
Er steht noch in der Küche. Während er in Gedanken durchgeht, was sie wohl vergessen hat, fällt ihm das Gespräch vom Vorabend ein, dass sie ihn fragte, ob er denn eine Vision von ihnen hat. Ja. Er hatte schon immer dieses Bild von ihr. In einem Garten, mit einer Schere, beim Blumenschneiden. Dieses Bild, woher nur hatte er dieses Bild, es machte überhaupt keinen Sinn. Nie würde sie in einem Garten stehen mit einer Heckenschere, dafür war sie zu nervös. Er warf den Post It in den Papierkorb und spürte zwischen allem eine leichte Erleichterung.
Sie läuft über Pflastersteine und alles in ihr will nach vorn. Das kennt sie schon, es ist unwiderstehlich. Sie denkt an ihren Vater, der immer in Allegorien spricht. Zwar selten, aber ein zwei mal wollte er sie zur Vernunft bringen. Und dann mit Zitaten: „Im Lavieren zwischen Licht und Dunkel hält man sich am Besten an Pragmatiker.“ Zum Beispiel. Oder: „Das Licht muss nicht unbedingt vom Himmel kommen. Indirekte Quellen und Signalgeber wie Hahn, Katze und Frösche, tun es auch.“ Am Besten gefiel ihr: „ Und da die Katze vollendet illuminieren kann, muss die Kunst dabei gar nicht auf der Strecke bleiben.“ Sie lacht selbst jetzt laut.
Er denkt an gestern Nacht und geht ins Schlafzimmer. Das Bett ist gemacht. Es riecht noch nach ihr. Die Jalousien halb unten. Er tritt ans Fenster, öffnet sie und schaut auf die Straße. Irgendwoher hört er Feuerwerkskörper. Er blickt aus dem Fenster.
Hinter den Häusern am Himmel explodieren aus irgendeinem Anlass gelbe Lichtfontänen, die sich vollkommen unerwartet in den inzwischen dunklen Himmel versprühen.
Sie bleibt stehen und als sie die Lichter sieht, bahnt sich in ihr eine helle jubelnde Freude den Weg.
Er holt seine Gitarre und fängt an zu spielen.
Er spielt die ganze Nacht und irgendwann ist das Ziehen im Bauch fast verschwunden.
Erst viel später dann taucht eine Wohnung mit breiten Dielen in ihren Träumen auf.

Als #scribblingeve produziere ich text und bild – Dabei interessieren mich insbesondere der fragile Zauber von Übergängen vom jetzt ins danach.
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