Victoria-Sophie Zollorsch für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Auf der Brücke
Es war ein Seufzen, das durch die sonnigen Gärten hallte und mich innehalten ließ. Die Hühner um mich pickten nach dem Mais, den ich in kleinen Bögen verstreute. In der Ferne klang eine Glocke und ein Kastanienbaum raschelte mit seinem Herbstkleid. Schon verschwamm die Luft neben mir in Form einer schmalen Tür. Nach kurzem Zögern wandte ich mich von der friedvollen Szene ab und trat hindurch.
„Die brauchen mir nicht erzählen, dass sie kein Dosengemüse verwenden!“ Der Raum sah aus wie die Küche eines Restaurants. Eine junge Frau durchwühlte Schubladen und Drahtkörbe.
„Du suchst einen Dosenöffner?“, begann ich und sie machte einen Satz in die Luft. Ich wies auf schraubstockähnlichen Dosenöffner an der Anrichte. „Hier. Das ist einer. Große Küche, großer Dosenöffner.“
„Was machen Sie hier?“ Die Frau klammerte sich mit weit aufgerissenen Augen an die Schublade, die sie zuletzt herausgezogen hatte. „Und wo sind alle anderen?“
Ich nahm ihr die Dose ab, spannte sie ein, kurbelte, die Dose kreiste einmal unter dem Messer. „Bitte schön.“ Eine kalte Dose Ravioli. „Du solltest sicherlich nicht hier sein.“ Ich wandte mich zum Gehen, aber sie umklammerte die Raviolidose. „Ich will essen!“
„Du musst nichts essen.“
„Aber…Was zum…Woher kommen Sie…oder du? Ich dachte, hier ist niemand!“
Ich lächelte. „Du hast doch geseufzt. Jetzt bin ich da.“
„Warte!“ Sie stolperte mir hinterher, hinaus in die Sonne und die Tramgleise entlang. Ich hatte so ein Gefühl, dass wir zum Hafen mussten. Ich sah das Meer zwischen den Häuserschluchten glitzern. Die Straßen waren voller Autos, doch der Verkehr stand wie festgefroren.
„Wo gehen wir hin?“ Sie hatte Angst, aber nicht wegen mir. Ich lotste sie zur Uferpromenade. Unter uns die Wellen lagen wie getrockneter Kleister auf dem Sandbett, erstarrt mitten in der Bewegung, eine durchsichtige Erinnerung an die Zeit. „Was ist passiert?“, flüsterte sie. Wir setzten uns auf eine Mauer. Ich sah sie lange an, sie hatte Flecken auf Bluse und Shorts und wochenlang nicht richtig geschlafen.
„Nichts ist passiert. Und ich bin hier, um dir zu helfen.“
Sie stellte endlich die Ravioli weg. „Doch! Irgendetwas…“
„Nichts ist passiert“, wiederholte ich. „Das ist passiert.“
Für eine Weile suchte sie in meinen Augen nach einer Antwort. Meistens kommen die Menschen schnell von selbst auf die Lösung, wenn ich mich einmal mit ihnen unterhalte.
„Sie waren mein Geschichtslehrer!“, platzte es nach einer Weile aus ihr heraus. „Aber…Sie sind anders! Freundlicher!“
„Dein Geschichtslehrer!“ Ich lachte kurz auf und sah auf meine Hände. Das war also meine heutige Erscheinung für sie: Ich war ein Mann, hatte ziemlich große Füße und anscheinend liebte ich die Farbe Beige. Ich war komplett in Beige gekleidet. Ich fühlte mich um die sechzig.
„Ich bin Chili. Ich bin auf Urlaub mit meinen Freunden.“
„So? Und wo sind deine Freunde?“, fragte ich sachte.
Der Glanz in ihren Augen ermattete. „Ich zeige es dir.“ Sie erhob sich und balancierte die Mauer entlang. Wir liefen vorbei an Frachtkähnen und Kränen, zum Fuß einer Straßenbrücke, die sich im gleißenden Sonnenlicht über die Bucht spannte. Die Autos darauf standen dicht an dicht, ohne Fahrer, wir liefen an den leeren Karosserien vorbei. Als wir auf der Mitte der Brücke ankamen, klebten mehrere Wagen aneinander wie nach einem Aufprall. Und dann sah ich es. Vor uns, halb über die Leitplanke geschoben war ein Wagen von der Straße abgekommen. Die Schnauze ragte über den Brückenrand in die Tiefe, das Heck empor, lose Drahtseile baumelten über der Szene wie abgeschnittene Fäden einer Marionette. Es fehlte nur ein Windhauch und der Wagen würde vornüberkippen, in der Tiefe versinken. Wir kletterten zur Unfallstelle „Das ist unser Auto. Ich…ich war Fahrerin. Ein Lastwagen kam uns entgegen, keine Ahnung, woher. Er ist vor uns in den Abgrund. Ich weiß nicht, was ich gemacht habe. Ich wollte bremsen und in die andere Richtung, aber ich hatte keine Kontrolle über das Auto. Wir sind voll von der Straße ab – und dann bin ich irgendwie rausgeflogen.“
Gebannt starrte sie auf das glänzende Heck.
„Das…tut mir unfassbar leid.“ Gänsehaut kroch über meine Haut und ich atmete tief durch.
„Meine…meine Freunde saßen neben und hinter mir.“ Ein Schluchzen entkam ihr. „Ich weiß nicht, was mit ihnen passiert ist.“
„Weißt du Chili…wenn wir uns stark erschrecken, fliegen wir aus der Zeit, lassen den Körper zurück. Landen hinter der Zeit. Deine Zeit steht still.“
Sie nickte langsam. „Ich glaube, das ist passiert. Sie sterben, wegen mir!“
„Nein, wegen dem Lastwagen, Chili. Und nun, was hat dein Geschichtslehrer mit alledem zu tun?“
„Oh! Ich weiß nicht…Er sagte immer, nach dem Leben kommt nichts. Und die Geschichte beweist, dass die Menschen von Grund auf schlecht sind…Daran dachte ich vielleicht kurz.“
An so etwas erinnerte sie sich nun? „Das tut mir so leid. Dein Geschichtslehrer wusste nicht viel. Er hat es verbockt.“ Ich seufzte. „Hier ist nicht das Ende. Ich bin ein Mensch und habe einen ähnlichen Fehler gemacht wie dein Geschichtslehrer. Heute führe ich Menschen wie dich zurück in die Bahn der Zeit.“
„Du bist nicht mein Geschichtslehrer. Das wusste ich gleich. Du bist…nicht von hier. Sind wir…bin ich tot?“
„Du noch nicht ganz. Du warst kurz davor.“
Wir setzten uns auf die Reste der verformten Leitplanke und sahen auf das Meer hinaus, auf Segelboote, die am Horizont festgetackert schienen, auf einen fahrerlosen Jetski auf einer weißen Schaumbahn und in das ewige Sonnenlicht.
„Eine Frage noch: Wo wohnst du?“
Ich lächelte. „Ich freue mich, dass du fragst. In einem alten Steinhaus am Rand eines schönen Dorfes. Wir haben Hühner und einen Obstgarten. Ich habe eine Frau, zwei Kinder. Aber nicht in der Welt, aus der du kommst.“
Ihre Augen durchdrangen die meinen. „Sind dort viele Menschen?“
„Es sind dort sehr viele Menschen. Es ist ein Kommen und Gehen. Es ist sehr schön dort“, meinte ich nachdrücklich. „Und ihr wärt nicht allein, Chili…“
„Wir…Was? Was meinst du?“ Sie kniff die Augen zusammen.
„Ihr wart ja zu dritt…“ Ich sah, wie der Groschen fiel. Sie glaubte mir, welche Wahl hatte sie?
„Ich war so lange allein hier…geht es jetzt endlich weiter?“
Irgendwo in der Ferne klang der schwache Ruf einer Schiffsglocke. Ein Zeichen, sie hatte sich wohl entschlossen. Eine Brise kam auf.
Wir gingen Hand in Hand zum Auto. Ich bemerkte, dass sie es nicht wagte, hinein auf die leeren Autositze zu blicken. Wir ließen uns alle Zeit der Welt, denn die hatten wir.
„Chili?“, fragte ich plötzlich.
„Ja?“
„Kommt mich besuchen, ihr drei. Ich wohne in der Nähe vom Kramerladen. Die Apfelernte steht an, wir backen jeden Tag Kuchen.“
„Hah“, machte sie. „Gut.“
Mit diesem Wort streckte sie die Hand aus und gab dem Heck des Autos einen sachten Schubs. Die Welt verzog sich zu einem Strudel aus Farben und glättete sich fast ebenso schnell wieder. Der Platz neben mir war leer, ich spürte ein Kribbeln an meiner Seite. Wie in Zeitlupe senkte sich die Motorhaube nach unten, das Wrack stürzte in die Leere und versank im Meer. Darin, drei Gestalten.
Ich schluckte und trat durch die Tür, die sich wieder auftat. Meine Frau war bei den Beerensträuchern zugange, neben ihr ein Korb mit Wäsche. „Du bist zurück!“ Obwohl ich ihr immer genau von meinen Reisen erzählte, wusste sie meistens schon vorher, wem ich begegnet war. „Geschichtslehrer! Du!“ Lachend gingen wir ins Haus.
Wir bekamen tatsächlich Besuch, zwei Tage später. Es ging ihr gut, Chili, und ihren Freunden auch. Sie waren nur auf der Durchreise. Es geht immer weiter.
Victoria-Sophie Zollorsch wuchs im beschaulichen Dorfidyll auf dem bayerischen Lande auf. Zwischen Bayern, Frankreich, Spanien und Schottland arbeitete sie als Übersetzerin und Sprachlehrerin. Entspannung fand sie beim Gärtnern, im Wald und beim Akkordeonspiel. Doch die Reise geht weiter und derzeit erkundet sie die Weiten Australiens, den Stift immer griffbereit im Rucksack.
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