Der mit dem Spinnrad webt

Luise Reinhartz für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Der mit dem Spinnrad webt

Als Zoe dem Raben in die Augen zu blicken versuchte, bemerkte sie, wie ausschließlich eines seiner Augen auf einmal auf sie gerichtet sein konnte, der Kopf leicht schräg geneigt. Eine schwarze Kugel, schimmernd. Was er wohl mit seinem anderen Auge sah? Zoe schnupperte, die Schnurrhaare zitterten, dann fuhr sie zurück und duckte den Kopf. Der Rabe blinzelte ganz langsam und das Bild, das sie gerade noch darin sich spiegeln gesehen hatte, verschwand. Er drehte den Kopf, sodass sein Schnabel auf ihre Schnauze zielte, die Augen zu beiden Seiten des Kopfes von ihr abgewandt. Er hatte ihr genug gezeigt. Zoe fauchte und zog sich rückwärtsgehend von ihm zurück. Der Rabe hopste ein paar Schritte auf sie zu, ehe er die Flügel ausbreitete und davonflog.

Mneme trat an die Scheibe. Ein Mann, auf einen Stock gebückt, ging durch den Raum. Er blieb stehen und sah sich um, dann schüttelte er den Kopf und drehte sich um seine eigene Achse. Das tat er in kleinen Schritten, wobei er sein Gewicht auf den Stock verlagerte, bevor er zum nächsten Schritt ansetzte. Mneme wartete, sog leise die kalte Abendluft ein und stieß sie dann durch den Mund wieder aus.

 „Er kann es nicht lassen“, flüsterte Mneme. Der Mann war stehen geblieben. Er sank immer mehr in sich zusammen, sodass einzig der Stock ihn noch aufrecht hielt, der Kopf zwischen die knochigen Schultern geduckt. Als Mneme zur Tür herein kam, hörte und sah der Alte niemanden und so verhielt es sich auch mit Mnemes Berührung. Ein kurzes Streicheln mit der Hand über des Mannes Kopf, aber er konnte Mneme nicht spüren. Erst später würde er sich fragen, was er hier mitten im Raum verloren hatte und sich ein weiteres Mal umdrehen, bis ein Tanz entstand. Kurz würde ihm einfallen, wohin er zu gehen vorgehabt hatte, bis er die Drehung vollendete und sich nicht mehr daran erinnern konnte. Mneme war bis dahin längst schon wieder fort.

Im Licht der Straßenlaternen tauchten die huschenden Schatten der Fledermäuse auf, die sich abends bewegten. Zwischen den Häusern, die man in diesem Teil der Stadt hoch hinaufgejagt hatte, konnte Mneme den Mond nicht sehen und es war an der Zeit, die engen Gassen hinter sich zu lassen.

Mneme gelangte an den Stadtrand, dort, wo sich Gärten und Grünflächen wie ein Fleckenteppich ausbreiteten, von Fabriksgebäuden durchbrochen. In einem Garten hinter einem mit Efeu bewachsenen Zaun spielten noch zwei Kinder mit einem Hund. Die Haustür stand offen und im Türrahmen stand eine Frau. Sie lächelte. Mneme hatte genug gesammelt für heute, die Erinnerungen durchströmten den Körper warm und dick, doch Mneme spürte ein Kribbeln in den Händen und öffnete das Gartentor, trat an die Kinder heran. Sie waren nicht älter als fünf oder sechs Jahre. In einem Moment des Luftholens, ehe die beiden Kinder wieder dem Hund nachliefen, legte Mneme jeweils eine Hand auf die Scheitelkronen der Kinder. Der Junge seufzte, das Mädchen erschauderte kurz und im nächsten Augenblick rannten sie weiter, nicht ahnend, dass dieser Abend in Vergessenheit geraten würde. Mneme lächelte der Frau zu, auch wenn sie es nicht sehen konnte. Sie würde die Erinnerung für ihre Kinder aufbewahren. Wenn sie älter wurden, konnte Mneme sie ihnen auch wieder zurückgeben, aber es würde keinen Unterschied machen, ob sie die Erinnerung aus ihrem eigenen Gedächtnis schöpften oder aus der Erzählung ihrer Mutter, die sie so oft hörten, bis sie sich die Szene zu eigen gemacht hatten und fest daran glaubten, sich selbst erinnern zu können. Mit Kindern war es ein Leichtes. Sie gaben die Erinnerungen widerstandslos auf. Sie kannten den Wert noch nicht. Mneme dachte an den alten Mann, welcher verzweifelt nach seinen entgleitenden Erinnerungen gegriffen hatte. Die Besuche bei ihm waren täglich und immer wieder ertappte Mneme den Mann, wie er glaubte, seiner Erinnerungen Herr zu werden, bis Mneme sie ihm wieder nahm.

„Sei nicht traurig, alter Mann. Ich bewahre sie gut für dich auf.“

Inzwischen war Mneme an einem Backsteingebäude angekommen, dessen Fensterscheiben im Erdgeschoss zerbrochen waren. Umliegend lagen keine Wohnhäuser, nur zwei ebenso verfallene Fabrikhallen und die Felder, die sich bis zu den dahinter liegenden Wäldern ausstreckten. Noch nie hatte sich hier jemand an diesen Ort verirrt. Außer der vier Raben. Sie saßen am Fensterbrett und legten den Kopf schief, um Mneme zu begrüßen. Mneme nickte ihnen zu.

„Wer von euch hat den alten Mann heute besucht und ihm die Erinnerung an seine Frau wiedergegeben?“ Mneme lachte, als alle vier Raben ein Krächzen von sich gaben.

„Gut, gut. Ihr müsst es mir nicht verraten. Dann sehen wir mal, ob ich morgen vor euch bei ihm bin. Ich glaube, es ist bald an der Zeit, für ihn zu gehen.“

Mneme betrat das Backsteingebäude.

Zoe rannte durch die Gassen. In ihrer linken Hinterpfote hatte sich ein Kieselstein zwischen die Ballen gedrückt, sodass sie die Pfote mit jedem Schritt ausschüttelte, um ihn loszuwerden. Warum hatte sie dieses Bild gesehen? Wieder schüttelte sie die Pfote aus, bis der Stein sich löste. Sie lief an einer umgeworfenen Mülltonne vorbei, wo sie gerade noch den Schwanz einer Maus sehen konnte, die sich unter einem Plastiksack versteckte, doch Zoe lief weiter. Als sie an der großen Straße angelangt war, die um diese Uhrzeit kaum befahren war, hielt sie inne. Hunderte Male war sie hier schon hinübergelaufen. Sie streckte eine Pfote nach vorne, drehte den Kopf nach links, dann nach rechts, bevor sie vom Gehsteig hinabstieg und noch einmal beide Seiten kontrollierte, erst dann rannte sie los. In ihren Ohren rauschte es. Dort hatte sie gelegen. Das Auto war einfach weitergerollt. Sie hatte die Szene im Auge des Raben gesehen. Warum fühlte es sich so echt an, wenn es doch nur ein zufälliges Bild gewesen war? Zoe huschte in die nächste Straße, als sie das Grollen eines Fahrzeuges hinter sich hörte. Je länger sie lief, desto sicherer war sie, dass sie jene Katze gewesen war. Das war ihr Schreck, das war ihr Schmerz und ihr letzter Atemzug. Dieser Vogel hatte gelogen. Er hatte ihr gezeigt, wovor sie sich am meisten fürchtete, natürlich fühlte es sich echt an. Und wenn es nun doch ein Blick in die Zukunft gewesen war? Sie hätte ihn jagen sollen, anstatt sich einschüchtern zu lassen.

Zoe legte den Kopf in den Nacken und bemerkte, wie niedrig die Häuser hier waren, sie konnte die Sterne am Himmel sehen und den Mond, der hinter einem der Dächer hervorlugte. War sie hier schon einmal gewesen? Dort vorne musste die Kreuzung mit den Marktständen sein, nicht weit von ihrem Haus, doch sie stieß nur auf eine Gartensiedlung. Zoe schnupperte in die Luft, es roch anders hier. Erdiger und frischer. Je weiter sie ging, desto mehr Bäume zierten die Straßen, bis sie an ein Feld gelangte. „Zoe, wo bleibst du denn, sei nicht unvernünftig“, hörte sie die Stimme ihrer Mutter im Kopf. Sie wollte umkehren und die andere Abzweigung versuchen, doch da vernahm sie das Krächzen eines Raben. Zoe folgte dem Geräusch, bis sie zu einem großen Gebäude kam. Sie hörte das Krächzen von dort drinnen, sie hörte aber auch ein gleichmäßiges Surren und Klacken. „Komm zurück, sonst wird man dich noch weggeben.“ Es konnte der ebenselbige Rabe sein, der sich dort drin mit allen Antworten versteckte. „Lass das, das ist gefährlich.“ Zoe sprang auf den Fenstersims des Gebäudes und mit einem zweiten Satz war sie drin. Ein leerer Gang lag vor ihr. Sie folgte den Geräuschen und fand sich vor einer verschlossenen Tür wieder unter der ein Lichtstrahl hervorkam. Der Türspalt war breit genug, sodass sie sich flach auf den Boden drückte und nach vorn robbte, bis sie unter der Tür hindurchgekrochen war. Sie kniff die Augen zusammen, blinzelte. Ein Netz einer Spinne? Sie sollte nicht hier sein. Doch woher kam das Leuchten? Jeder einzelne Faden, der sich durch den Raum spannte, leuchtete in Weiß, Gelb und Rot. „Geh nach Hause, Zoe. Mach keine Dummheiten.“ Zoe blickte nach oben, doch konnte sie die Decke nicht sehen, da die Fäden zu dichten Knäueln verwoben waren. Sie duckte sich unter die Fäden und lief tiefer in den Raum. Ein Schemen tauchte auf und sie erkannte eine Gestalt inmitten des Netzes. Es war das Gesicht eines Mannes, das Gesicht einer Frau. Zoe blinzelte, als könnte sie das Licht dadurch weniger hell machen. Die Gestalt saß an einem Webstuhl. Das Surren und Klacken mit den gleichmäßigen Bewegungen, so wie sie es von zu Hause kannte.

„Mneme hört und sieht dich nicht, wenn Mneme die Erinnerungen verwebt. Komm.“ Zoe stieß ein Fauchen aus, als sie den Raben neben sich sah, doch dieser sprang an ihr vorbei. Sie zögerte, warf noch einmal einen Blick auf die Gestalt, die mit gesenktem Kopf über dem Webstuhl lehnte. Dann folgte sie dem Raben. Er führte sie an ein dunkelrot leuchtendes Knäuel und Zoe verspürte den Drang, das Knäuel zu berühren, es sah weich aus. „Hör auf damit, Zoe. Benimm dich jetzt“, war da wieder die Stimme ihrer Mutter. Sie streckte die Pfote aus und fasste es an. Ein Balkon so hoch, ein Hund der beißt, so viele Bilder auf einmal und am Ende wieder die Katze auf der Straße und das sich entfernende Fahrzeug. Zoe riss die Pfote zurück und ein Schrei entfuhr ihr. Sie wollte dem Raben die Augen auskratzen, die Fäden zerbeißen, doch der Rabe legte seinen Flügel um sie und ihr wurde warm, als läge sie auf der Sonnenbank vor ihrem Haus. Sie schmeckte Blut, aber da war kein Schmerz. Nicht mehr.

„Sieben Leben“, flüsterte sie und erinnerte sich. Erinnerte sich mit einem Mal an jedes Einzelne.

„Nicht ganz“, sagte der Rabe „Sechs Leben und mit dem Siebten wirst du ein letztes Mal erwachen.“

Zoe schloss die Augen, sie konnte sie nicht mehr offen halten.

„Wer hat sich denn hier herein verirrt? Ach, die kennen wir doch schon. Diesmal hat sie lange gelebt.“ Zoe spürte eine Hand über ihren Rücken streichen. „Ein Auto also. Hast du ihr ihre Erinnerungen gezeigt, bevor sie gegangen ist?“ Die Stimme wurde leiser, Zoe rollte sich zu einer Kugel zusammen. Sie schlief ein.





Luise Reinhartz, geboren in Hallein bei Salzburg (1997), wohnhaft in Wien
Studentin der Vergleichenden Literaturwissenschaft, Skandinavistik und Austrian Studies
Redaktionsmitglied der studentischen Zeitschrift SkandinaWien des Instituts für Skandinavistik

Preise und Auszeichnungen:

Anerkennungspreis beim Jugend-Literaturwettbewerbs Alles schläft, einsam wacht der Stille Nacht Gesellschaft 2022.

Siegerin bei Lesen Lassen im Literaturhaus Salzburg 2024.

Veröffentlichungen

„Fisch“. In: Conglomerat Journal: Anomalie (Vol. 2). Erfurt, 2023.

„Entzündlich“. In: Stille Nacht Gesellschaft (Hrsg.): Stille Nacht. Alles schläft… einsam wacht? Jugend Literaturwettbewerb. Die prämierten Texte der Preisträgerinnen und Preisträger. Oberndorf bei Salzburg, 2022.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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