Franziska Winkler für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Frühreif
Am Morgen ihres fünfzehnten Geburtstags hat Sophie zum ersten Mal das Gefühl, alt zu werden. Sie schaut in den Spiegel und betrachtet ihr Gesicht. Dort prangt eine winzige Falte links neben ihrem Mund. Die war gestern noch nicht da.
Hat ihre Mutter etwa doch recht? Ständig ermahnt sie ihre Tochter, nicht so schief zu lächeln? Das bringe ihr Gesicht in eine Disharmonie, die nicht hübsch anzusehen sei.
„Na schönen Dank!“, denkt Sophie und bleibt im Ausschnitt ihres Lieblingskleides stecken, das sie gerade versucht, über den Kopf zu ziehen. Sie will auf einen Sprung zu ihrer besten Freundin. Ansonsten hätte sie heute keine Chance, sie zu sehen.
Der Nachmittag ist für die Familie reserviert – für Onkel und Tanten. Sophie bringt deren Besuch nicht mehr als einen Briefumschlag mit Geld oder ein „Hach, ganz die Mama!“, während die alten Verwandten sie über Schule und Hobbys ausfragen. Dieses Verhör lässt sie jedes Mal brav über sich ergehen, fragt sich aber, ob ihre Mutter je begreifen wird, was sie sich wirklich wünscht. Warum darf sie ihre Freunde nicht einladen?
Sophie kapiert auch nicht, warum ihre Mutter ein Problem mit dem Älterwerden hat. Vermutlich boykottiert sie deswegen ihren Geburtstag. Durch ihn wird sie daran erinnert, dass wieder ein Jahr vergangen ist. Sophie findet das albern. Sie hat keine Angst. Ganz im Gegenteil: Sie kann es kaum erwarten, erwachsen zu werden.
Jetzt steht Sophie vor dem Schlafzimmer ihrer Mutter. Sie spät durch den Türspalt und beobachtet, wie sie routiniert ihr Make-up aufträgt. Sie hat ein ebenmäßiges Gesicht und sieht jünger aus, als sie ist. Sophie folgt ihrem Blick in den Spiegel und fragt sich, wen diese Fünfundvierzigjährige darin sieht. Sie ist ständig besorgt um ihr Äußeres, gibt viel Geld für Kleidung aus und achtet penibel darauf, dass auch ihre Tochter gut angezogen ist.
Bestimmt würde sie versuchen, Sophie das Kleid, das sie trägt, auszureden. Es ist ein ausgewaschenes, schwarzgraues Ding mit einem Muster, das nicht in die Jahreszeit passt und bei der letzten Wegwerf-Orgie hätte aussortiert werden müssen. Sie hatte es rechtzeitig unter ihre Matratze gestopft und so vor dem gefräßigen Schlund des Müllsacks bewahrt.
Auf Zehenspitzen schleicht Sophie zur Wohnungstür, zieht sie lautlos hinter sich zu, läuft die Stufen hinunter und tritt auf die Straße. Sie muss lediglich den kleinen Friedhof durchqueren, der zwei Eingänge hat. Einer davon ist auf ihrer Seite. Der andere führt direkt zum Haus ihrer Freundin.
Sie geht durch das schmiedeeiserne Tor an der Gärtnerei vorbei, an Eimern voller holländischer Tulpen, Kirschzweige und Balkonpflanzen mit Primeln im Angebot. Linker Hand ist der Grabstein der alten Nachbarin, die letztes Jahr verstorben war und auf deren Beerdigung sie nicht hatte weinen können, sich aber so überflüssig vorkam, dass sie wünschte, ein Loch würde sich auftun, sie einsaugen und an einen anderen Ort verfrachten. Frau Jonas war immer nett zu ihr gewesen. Sophie hatte sie gemocht – nur mit der Welle an Emotionen, die durch die anderen Trauernden über sie strömte und sie wegzuspülen drohte, kam sie nicht klar. Doch das ist fast vergessen.
Sophie liebt diesen Friedhof. Sie schaut sich die Grabsteine an, wundert sich über die Namen und erfindet dazu ungewöhnliche Lebensgeschichten. Die Knospen der uralt wuchernden Bäume sind zum Bersten gefüllt mit Erwartung. Bald wird das Grün herausplatzen, sich seinen Weg bahnen und alles überrollen. Sophie kann diese Farbe nicht ausstehen.
Es ist Anfang März. Die Bäume sind noch kahl, nur wenige Blätter haben es geschafft und lugen von den Ästen herab. Trotzdem ist es viel wärmer, als es aussieht. In diesem Stadium, wenn die Pflanzen nicht genug Sauerstoff produzieren, fällt Sophie das Atmen schwer. Es ist, als japsten alle – die dicken Tauben, der streunende Kater oder der Friedhofsgärtner – sie spürt, wie sie nach Luft ringen. Aber keiner will es zugeben. Ernsthaft: Das Frühjahr ist eine Qual!
Den Herbst mag sie lieber. Deswegen trägt sie ihr Kleid als Statement. Es ist mit kleinen feuerroten Ahornblättern übersät, die nur eins bezwecken sollen – den Frühling zu provozieren.
Um auf die andere Seite des Friedhofs zu gelangen, muss sie eine kleine Anhöhe hochlaufen. Die Sonne steht in einem ungünstigen Winkel. In dieser Jahreszeit ist sie viel zu grell und sticht ihre Strahlen in Sophies zusammengekniffene Augen, die anfangen zu brennen. Sie beginnt sie zu reiben, was alles nur schlimmer macht. Tränen vernebeln ihren Blick. Sie bleibt stehen und legt die Hände flach aufs Gesicht. Als sie die Finger spreizt und durch sie hindurchsieht, läuft ein alter Mann vorbei und starrt sie an. Sie muss in der Haltung wie eine Trauernde ausgesehen haben. Schnell wischt sie mit dem Handrücken ihre Wangen trocken und verlässt den Weg. Das ist zwar verboten, aber Sophie schert sich nicht viel um Regeln. Eine Weile schlendert sie zwischen den Gräbern entlang, umrundet ihre Beete im Slalom. Hier war sie noch nie gewesen. Sie stapft über den aufgeweichten Rasen und tritt in den Schatten eines Baumes, der ihre Aufmerksamkeit erregt.
Sein Stamm ist grau, auch die Äste haben dieselbe Nebelfarbe. Bei genauerem Hinschauen bemerkt sie, dass er erste Blätter trägt. Wo normalerweise zarte hellgrüne Tropfen von den Zweigen hängen, drängen sich knallrote Blätter heraus – und nicht nur das: Die Zacken an den Rändern deuten auf einen Ahorn. Lustig: Sie scheinen sich direkt von ihrem Kleid auf die Äste geschwungen zu haben.
„Wahrscheinlich irgendein asiatischer Zierbaum“, denkt sie, während sie eine Weile den Blättertanz beobachtet. Sie flackern wie Wimpel bei einem Volksfest und prallen an das starre Holz. Dabei geben sie kaum hörbare Töne von sich – das Klackern weicher Plaste auf einer Hauswand. Sophie lauscht dem Geräusch mit geschlossenen Augen. Eine Weile ist es angenehm, doch dann wird es lauter, bis es ihr in den Ohren dröhnt.
Sie reißt die Augen auf und bemerkt, dass die Blätter begonnen haben, sich von den Zweigen zu lösen. Sie fallen auf sie herab und berühren ihren Kopf, tippen auf ihre Arme, als wollten sie ihre Aufmerksamkeit erregen und etwas sagen.
Sophie stößt sich vom Stamm des Baumes ab und springt auf den Rasen wie ein Hase auf der Flucht. In der Hocke schielt sie über ihre Schulter. Sie hat das Gefühl, als ob zwei Jahreszeiten zusammengeklappt wurden und sie dazwischen gefangen ist. Nun kauert sie mutterseelenallein an einem seltsamen Ort hinter der Zeit.
Vor ihr ist alles normal. Die Äste der Bäume und Sträucher zerschneiden als Scherenschnitte das blaue Firmament. Das Jahr fängt erst an und die Amsel singt ihr Lied. Hinter ihr hört sie die Krähen und das Rauschen des Baumes, der seine Blätter loswerden will, da sie viel zu früh reif geworden sind. Sie mag sich nicht umdrehen, spürt jedoch einen stärker werdenden kalten Wind über ihren Rücken wehen, riecht seine moderigen Ausdünstungen und sieht ein paar Blätter wie Funken eines Lagerfeuers an ihr vorbeifliegen. Oder lösen sie sich etwa von ihrem Kleid?
Sophies Wahrnehmung verschwimmt. Sie fängt an zu zittern, rührt sich aber nicht von der Stelle. Das wagt sie nicht. Die Position fällt ihr schwer und ihre Beine beginnen zu krampfen. Eine Sehne sticht links in der Pobacke und zieht ihren Schmerz in die obere Wade. Sie krallt ihre Finger in die Erde zwischen den Gräsern und versucht sich abzustützen. Das gelingt nicht lange. Ihre Gelenke sind steif, scheinen ausgeleiert zu sein. So muss sich die alte Frau Jonas gefühlt haben, die oft über Kälte und Schmerzen in den Gliedern geklagt hatte. Sophie wankt, verlagert ihr Gewicht und fällt dabei auf ihren Hintern. Sie stöhnt beim Aufprall und berührt ihre Wange, um sicherzugehen, dass sie noch da ist. Sie streicht über ihre Haut, die viel zu leicht nachgibt und eingefallen von ihren Wangenknochen hängt. Die kleine Lachfalte vom Morgen ist einer tiefen Furche gewichen. Dagegen wirken ihre Augenringe aufgeblasen, ein Gebirge an Wasser, das nicht mehr ablaufen will.
Sophie versucht, einen klaren Kopf zu bekommen und legt den Finger an ihr Kinn. Dabei streift sie über einen kleinen harten Barstoppel, der sie kratzt. Den kennt sie von ihrer Mutter: Die zupft sich jeden Morgen an dieser Stelle die Haare aus, während ihr Scheitel immer breiter wird.
Obwohl sie eben gefroren hat, spürt sie eine Hitzewelle über sich schwappen. Ihre Stirn ist schweißnass und es dreht sich alles.
Mit größter Willenskraft schafft es Sophie, sich aufzurichten. Sie drückt sich vom Erdboden ab, der sie – wer weiß, wie lange – festgehalten hat. Ihre Beine sind taub und kribbeln. Trotzdem stolpert sie los, flüchtet, als seien Untote hinter ihr her, erst planlos, dann in Richtung eines Punktes, der in der Ferne grün schimmert. Sie läuft und läuft – und mit jedem Schritt kehrt die Kraft in sie zurück.
Schließlich erreicht sie ihr Ziel: eine Kastanie. Auch deren Blätter haben sich bereits herausgeschoben. Aber hier sind sie grün. Nicht nur das: Der Baum steht in voller Blüte. Der Standort ist perfekt – geschützt in einer Ecke zwischen Friedhofsmauern und auf der Sonnenseite. Die großen rosafarbenen Kerzen bringen in Sophie etwas zum Leuchten, heller als jene aus Wachs im Winter. Unter dem Dach des mächtigen Baumes tastet Sophie ihr Gesicht ab. Es ist, als streichle sie über die Schale eines frischen Apfels – glatt und prall. Erleichtert hebt sie den Blick und schaut in die Krone, die ihre Äste nach ihr streckt, als wolle sie das Mädchen umarmen. Sophies Gedanken, die eben wild durch ihren Kopf gespukt waren, ziehen sich zurück wie die Ebbe nach der Flut. Sie atmet, riecht das gelbe Grün und saugt es in ihre durstigen Lungen. Alles wird still.
Nachdem sie ihren Blick eine Weile hat schweifen lassen, bleibt er an ihrem Kleid hängen. Sie schüttelt den Kopf: Die roten Ahornblätter sind verschwunden. Sophie streicht über den vergilbten Jersey, betastet ihn, zieht daran und lässt ihn zurückschnappen. Auf einmal kommt ihr das Kleid unendlich banal vor. Sie sollte es aussortieren. Während sie überlegt, direkt nach Hause zu gehen, um sich umzuziehen, sieht sie das erleichterte Gesicht ihrer Mutter vor sich. Bei dem Gedanken beginnen sich ihre Mundwinkel wie zwei Synchronschwimmer gleichzeitig nach oben zu bewegen. Dann stockt sie auf halber Strecke, lässt die rechte Seite wieder sinken – und lächelt schief.
Franziska Winkler lebt seit vielen Jahren in Berlin, ist aber in einer Kleinstadt im sächsischen Dreiländereck aufgewachsen. Ihre Mutter arbeitete in der Friedhofsverwaltung. Zwischen den Gräbern zu spielen, fühlte sich für das Kind damals ganz natürlich an. Kein Wunder, dass die studierte Literaturwissenschaftlerin, Ex-Buchhändlerin und freie Lektorin die Erinnerung an diesen fabelhaften Ort später in einer Kurzgeschichte verarbeitete.
Ihre Helden sind Franz Kafka, Marianna Leky – aber vor allem Haruki Murakami. Sie liebt deren Magie, die mit unverhoffter Tiefe in die Realität einbricht und auf der allzu glatten Oberfläche unserer Smartphone-Welt kleine Kratzer hinterlässt.
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