Marseille

E.O. Luft für #kkl39 „Hinter der Zeit“





Marseille

Er fährt an dem schmalen Flussbett entlang, und nach und nach enthüllt sich die vermüllte Landschaft: umgekippte Eimer an der Biegung des Flusses, ein kaputter, unkrautüberwucherter Kinderwagen, ein Benzinfass, das eine trockene Zunge aus Rost herausstreckt, der Kadaver eines Kühlschranks in den Brombeersträuchern. So sah es vorher nicht aus, schießt es Blaise durch den Kopf und sein Blick auf die Landschaft wird wacher und besorgter als er es in der Stunde davor war. Zwischen den weißen überdimensionalen Kalkbröseln reihen sich sanft begrünte Pinien aneinander wie eh und je. Aber das idyllische Bild wird durch Übriggebliebenes, Rostiges, durch Geschwader von Müll, die Schneisen in die Landschaft schlagen, gestört. Dieser Müll ist alt, denkt Blaise wieder verwirrt. 

Noch bevor er um die nächste Kurve fährt und das nebelblaue Meer und Marseille in der Ferne ausgebreitet sieht, hat sich das mulmige Gefühl in seinem ganzen Körper breitgemacht. Was vor ihm liegt, sieht nicht mehr wie seine Stadt aus, die er vorgestern verlassen hat. 

Dünne Rauchfäden kräuseln vom Alten Hafen in den bewölkten Himmel und wie eine fette Qualle schwebt ein grauer Schimmer über der Metropole. Es dauert einen Moment, bis ihm klar wird, dass etwas überhaupt nicht stimmt. Dort wo La Bonne Mère, in braune und weiße Streifen gewandet, über der Stadt thronen sollte, klafft eine furchtbare Lücke, als hätte jemand einen gigantischen Radiergummi gezückt. Nicht nur die Kirche ist nicht mehr zu sehen, es fehlt ein großer Teil der Anhöhe. Statt in die Bremse zu treten, kommt er aufs Gas, sein Wagen schlingert leicht, bis er schließlich am Seitenstreifen zu stehen kommt. Es dauert einen sehr langen Moment bis Blaise wieder regelmäßig atmen kann. 

Was ist hier passiert? Wieso hat er nichts mitbekommen? Kaum 48 Stunden ist es her, dass der Schriftsteller seine Sachen gepackt und Marseille den Rücken gekehrt hat. Seine regelmäßige Landflucht und das Glück dessen, der eine Cabane in der Provence hat. Nichts gibt es dort, kein Internet, kein Telefon, keine ständige Verfügbarkeit. Außer dem Zikadenenzirpen und einem gelegentlichen Vogelzwitschern stört einen nichts beim Schreiben. 

Statt die Autobahn zu nehmen, ist Blaise wie immer über die Route des Crêtes zurückgekommen, so früh es ihm die Müdigkeit erlaubte, nur um das Gefühl der Abgeschiedenheit noch möglichst lange zu erhalten. Cassis hat er nur mit dem Augenwinkel gestreift, während der erste Morgenkaffee sich noch den Weg durch seine Adern bahnte. Ihm fällt jetzt auf, wie verdammt leer die Straßen waren, es hat sich völlig seiner Aufmerksamkeit entzogen. Stattdessen hat er diese unglaublich angenehme Stille genossen und weiter über seinen Text nachgedacht. Endlich, nach langer Zeit, hatte er wieder das Gefühl, einen Ansatz gefunden zu haben, wieder Worte von Wert niedergeschrieben zu haben. Etwas, das er tatsächlich seinem Lektor zeigen konnte, der ihm schon seit Monaten im Nacken saß. Eine weiche Wärme der Zufriedenheit machte sich neben dem Koffein in ihm breit.

Das wohlige Gefühl ist verflogen, denn diesmal ist das Marseille, das ihn im Morgengrauen begrüßt, ein anderes. Eines, das er so noch nie gesehen hat. In einer Eingebung drückt er auf das Radio, aber ihm schlägt nur nichtssagendes Rauschen entgehen, egal welchen Sender er anwählt. Macht sein Handy wieder an, statt dem Empfangsbalken liest er die Worte „Kein Empfang“.  

Blaise drückt wieder etwas zu schnell auf das Gas, zündet fehl und muss noch einmal starten, um der Stadt weiter entgegen zu fahren. Es ist eine stille Fahrt, während der sich seine Angst mit jeder Kurve in der Serpentine immer weiter aufbaut. Vorbei an zerfallenden Häusern durch Vaufrèges. Fensterläden hängen schief in ihren Angeln, die Scheiben sind zerborsten. In Mazargues sieht es nicht anders aus, es werden nur immer mehr Autos, die kreuz und quer auf der Fahrbahn stehen, manche Türen noch weit geöffnet, als wären sie in größter Hektik verlassen worden. Er schlängelt sich mit seinem alten Peugeot hindurch, fährt den Boulevard Michelet hinab.

Aber etwas passt so gar nicht in das Bild einer Stadt, die eben einer zerstörenden Kraft erlegen zu sein scheint. Als er langsam weiterrollt, betrachtet er die Autos genauer. Ihm wird klar, dass das, was hier geschehen ist, nicht zwei Tage her sein kann. Der ganze Rost, die staubige Trockenheit, die betonierte Fahrbahn, die sich aufbläht und an manchen Stellen zerrissen ist, als würde sie ihre Eingeweide ausspucken. Es sieht so aus, als sei die Zerstörung Monate her. Unmöglich.

Langsam kommt Blaise zum Stehen. Er steigt aus, lässt ein „Hallo“ über die breite Prachtstraße hallen und es antwortet ihm nur stumpfe Stille. Klein steht Blaise da und fühlt sich plötzlich wirklich allein. 

Schließlich fährt ihm ein Gedanke durch den Kopf, so unwirklich, so unglaublich, dass er ihn kaum zu Ende denken kann. Gegen das ungläubige Schütteln, das unwillkürlich seinen Körper durchfährt, kann er sich nicht wehren. Er denkt an das Manuskript auf seinem Laptop, an die Worte, die gestern endlich aus ihm herausgesprudelt sind. Von einer Erde, die dem Untergang geweiht ist, die sich endlich den unverantwortlichen Aktionen der Menschen ergibt und sich ihrer schließlich entledigt. Er sieht sich selbst, wie er an seinem sonnengefleckten Schreibtisch sitzt und Wort um Wort niederschreibt. 

Ok, ich träume, denkt Blaise, kneift sich fest in den Oberschenkel und jault kurz auf, als es weh tut. Er tappt zurück zum Auto, fischt nach seinem Laptop auf dem Rücksitz und öffnet ihn mit zittrigen Fingern. 

Ich bin doch völlig durchgeknallt, denkt er. Es dauert endlose Minuten, bis ihm auf dem Bildschirm die verdammenden Worte entgegenblinken. Da steht es, schwarz auf weiß. Er hat einen Untergang beschrieben, den er jetzt vor sich sieht. Eine Welt ohne Menschen, ohne Lebewesen, die von der Natur zurückerobert wird. Sogar der Wind scheint sich zur Ruhe gesetzt zu haben. 

Was, wenn… Ich bin ja völlig verrückt, kreuzt ein zweiter Gedanke den ersten. Wenn ich es geschrieben habe, kann ich es dann auch wieder rückgängig machen? Ein irres Lachen bahnt sich langsam gurgelnd durch seine Kehle und entlädt sich in einem wilden Lachanfall. Ein hämmerndes Haha, das zwischen den leeren Häuserwänden hin- und hergeworfen wird. Die fast animalischen Laute versickern langsam und werden zu einem leisen Glucksen, bis er ganz verstummt. 

Seine Hände schweben über den Tasten, ein Zögern macht sich in ihm breit, die Angst, die besten Worte, die er seit langem geschrieben hat, einfach zu löschen. Noch einmal wirft er einen unsicheren Blick durch die Windschutzscheibe und da sinkt sein Finger schließlich auf die entscheidende Taste, der schwarze Strich eilt über die Seiten, löscht alle Absätze der letzten Tage. Mit einem tiefen Ausatmen öffnet Blaise wieder die Augen und sieht den Strich ungeduldig blinken. Er setzt an und blickt für Stunden nicht auf, bis langsam Dunkelheit in das Auto kriecht.  

Ich glaube, so fühlt es sich an, wenn man den Verstand verliert. Blaise nickt über diesem Gedanken ein, in einen traumlosen Schlaf hinein. Auf seinem Schoß der Laptop, ein helles Rechteck in der Dämmerung, das nach einiger Zeit ebenfalls flackernd wegnickt.

Ein Pochen lässt ihn aufschrecken. Es ist laut und energisch und zwischen seinen schlaftrunkenen Lidern blickt ihm ein hakennasiges, strenges Gesicht entgegen, vor Verärgerung leicht gerötet. Noch halb im Schlaf kurbelt er seine Fensterscheibe herab und ihm schlägt eine Schimpftirade von dem Uniformierten entgegen, die ihn zusammenzucken lässt: „Sind Sie völlig wahnsinnig? Auf dem Seitenstreifen zu pennen?“ 

Plötzlich wird Blaise gewahr, dass das Leben um ihn herum tobt. Autos zischen vorbei, den Boulevard hinab, werden gekreuzt von wildgewordenen Scootern und verfolgt von wütendem Fluchen. Menschen drängeln an seiner Motorhaube vorbei, ungeduldig dem Tag und ihren Aufgaben entgegen. Die Sonne scheint mit voller Kraft und Marseille ist genauso dreckig, stinkend und lebendig, wie er es verlassen hat.

„Oh mein Gott“, entfährt es ihm. Aber er erntet nur ein wütendes Knurren: „Ich warne Sie nicht noch einmal! Machen Sie, dass Sie fortkommen!“

„Ja, ja, ich bin schon weg“, murmelt er und startet unbeholfen den Motor.

Wer bin ich? fragt sich Blaise in zitternden Gedanken als er langsam auf die hektisch befahrene Straße rollt. Das empörte Hupen, das ihn sofort einhüllt, hört er nicht.




E.O. Luft heißt gar nicht so, vielmehr ist ihr Pseudonym eine Erinnerung an ihre Großmutter, die Großartiges in langen 102 Lebensjahren geleistet hat. E. lebt zur Zeit in Berlin, liest tagein und tagaus und möchte, wie ihre Großmutter, Erinnerungen hinterlassen. In ihren Erzählungen bewegt sie sich liebend gern an der Grenze zum Fantastischen und Übernatürlichen. Diese ist ihrem Sommersehnsuchtsort Marseille gewidmet.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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