Der ewige Frühling

Sofia Bunnell für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Der ewige Frühling

Der Frühling endet nicht, die Luft steht und Anfangs fiel es mir nicht einmal auf. Wenn die Gräser nicht mehr wachsen wollen und die ewige Geburt nicht nur den blühenden Anfang der Knospen betrifft; wenn Winde sich nicht mehr drehen und Seen still stehen; Luft die eins frisch und klar schmeckte nun eine leere Erscheinung für uns zu sein scheint, ist der blühende Anfang vielleicht doch näher am Tod, als an der Geburt.

Der kleine Ort an der zürischen Grenze lebt um und für das dortige Metallwerk, welches zur Haupteinnahmequelle beiträgt. Umso stolzer war man als entschieden wurde, dass man nun die übriggebliebene finanziellen Mittel für einen technischen Wandel in der Anlage nutzen möchte. Die Arbeiter nahmen ihre Verantwortung für einen der führenden Exportlieferanten in Zürich sehr ernst und rotierten Tag täglich wie die Maschinen; sehr genau und sauber nach dem gewünschten Maßstäben. So routinierte auch bald der kleine Ort in ihrem eigenen kleinen Aufgabenbereich. Man funktionierte und was als befriedigender Alltag anfangs aufgefasst wurde, verlor sich in Sinnlosigkeit. Wie gesteuert führten sie ihre Bewegungen aus, ein ganzer Ort funktionierte um zu funktionieren. Ein Jahr nach der Umstellung brannte das Werk ab. Man sprach von einem Kurzschluss, einem technischen Fehler, aber genaueres wurde nie herausgefunden. Die Arbeiter rotierten nicht mehr und so breitete sich im ganzen Ort schnell eine Stimmung des stillschweigenden Stillstandes aus.

Ive ist nun schon seit sechs Jahren dreizehn. Sie wäre schon längst aus der Pubertät draußen, auf irgendeiner Universität, sie hätte ihre erste eigene Wohnung oder zu mindestens ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Sie hätte die ersten großen eigenen Erfahrungen sammeln dürfen, aber so wie der Wind steht, steht auch sie und somit ihr ganzes Leben. Oft betrachtete sich Ive im Spiegel und überlegte, ob ihr Körper komplett erblühen konnte, bevor der Wind zum Stillstand kam. Das Verhältnis zwischen den Eltern und Kindern im Ort wurde schwierig. Niemand wusste so recht wie er sich verhalten soll, was angemessen war und was nicht. Denn obwohl ihr Geist sich änderte, blieb Körper und Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens sammelt, im Stillstand. Alles stand. Zeit, Nahrung, Wasser waren nicht mehr relevant. Ein Genuss war sowieso nicht mehr vorhanden. Ive fragte sich oft, als sie gefährliche Sprünge von den Mauern sich wagte, was war überhaupt noch relevant? Umso gewagter und höher die Sprünge und das Aufkommen war, umso mehr spürte Ive etwas. Eine Art Spannung und Risiko, auch wenn der Tod kaum noch eine Rolle zu spielen scheint. Es war besser, als nichts zu spüren. Die Menschen im Ort wurden träge. Ohne Zwang und ohne Hast, ohne die Strukturen, welche einen reibungslosen Ablauf versprachen, vergaß man bald, wieso man raus sollte. Der Ort wurde leer. Der Fluss wurden nur noch zum Waschen genutzt und ansonsten, musste man ihn durch verschiedene Mechanismen in Bewegung halten, sonst würden Meeresgetier sterben und das Wasser anfangen zu schimmeln. Oft streift Ive durch den leeren Ort, den Fluss entlang, dann durch die Wälder. Immer wieder kommt sie am abgebrannten Werk an, als ob sie im Kreis gelaufen wäre. Niemand entkam und niemand kam zu dem Ort. Wie ein Irrweg, in dem sie nun leben mussten.

Ein Instinkt ließ Ive in Bewegung bleiben. Bloß nicht stehen bleiben, schrie ihr Verstand der Nachbarn und auch ihre Eltern vernahm. Ein Stoß brachte sie aus dem Takt. Lu war es nicht gewohnt, dass noch jemand durch die Straßen wanderte und so versunken wie er in Gedanken war, bemerkte er zu allererst Ives Schulter. Mit einem Ruck blickten sie sich erstaunt an und erkannten sich soeben. „Ach Ive! Was machst du denn hier?“ „Ach ich wollte mir nur die Beine vertreten. Und du so?“ „Auch. Ich begleite dich, wenn es dir nichts aus macht.“ „Nein, komm gerne mit.“ Die ehemaligen Klassenkameraden spazieren durch die Stadt und fanden ihre Sprache wieder; Sprache, die sie glaubten, verloren zu haben. „Still hier.“ „Verdammt still hier.“ „Seit die Schule keine Schule mehr ist, habe ich immer weniger Menschen gesehen. Aber dir ging es bestimmt genauso.“ „Ja. Anfangs sah ich dich auch, einige von unsere Klasse sogar, aber es wurden immer weniger; doch irgendetwas zieht mich weiter draußen.“

Sie treffen sich nun täglich. Sprangen von hohen Mauern, schlenderten barfuß durch den Bach und schauten von der Straße in die Wohnungen der Bewohner hinein. „Was sie wohl jeden Tag so machen?“ „Das, was wohl jeder macht, versuchen nicht die Situation zu hinterfragen. Warten auf Normalität.“ Die Spaziergänge wurden immer ausgedehnter und die Gespräche tiefer. Sie brauchten sich bald, da es ohne den Anderen wieder einsam werden würde. Als sie sich küssten, wollten sie am liebsten laut schreien vor Freude, doch es hätte niemand gehört. Der erste Kuss schmeckte wie ein erster Sommer.

Finia spürte die Wärme auf ihren Rücken, als sie sich nieder beugte um den Manschettenknopf ihres Mannes aufzuheben. Er stammt aus einer anderen Zeit; der, als er damals noch ein Direktor war und ihn sehr oft trug. Er liebte es sich gut zu kleiden, seine Hemden am Vorabend zu bügeln und alle zwei Wochen zum Frisör zu schlendern. Das lag nun Jahre zurück. Er trug nun meist ein weißes T-Shirt und seine Schlafhose, vielleicht auch Mal eine Jeans, aber das war es dann auch. Ihr fehlte nicht ihr gut gekleideter Mann, ihr fehlte, ihr Mann, welcher die kleinen Freuden wahrnahm und sie genoss. Dem es wichtig war auf sich zu achten und das Gefühl der Ordnung für sich entdeckt zu haben, bis zu jenem Tag auch behalten zu haben. Auch Finia war vor sechs Jahren eine andere Frau für ihren Mann. Eine blühende Seele und nun war sie doch nur noch ein Schatten ihres selbst. Ein Prozess, welcher nach dieser Zeit und den Entwicklungen im Dorf, unaufhaltsam war. Doch an diesem Morgen spürte sie wieder die Wärme und erinnerte sich an lebendige hoffnungsvolle Zeiten. Die weißen Lacken hingen schlaf und nass über den Wäscheleinen und nahmen den Duft des Sommers auf. Finia blickte an ihnen vorbei und schaute zum Fenster herüber. Pepe verschob wieder die Möbel im Wohnzimmer, auch er gab sich noch nicht ganz auf.

Enid hört die Vögel wieder. Sie sind so laut und doch hörte er sie lange nicht mehr. Er lag an den meisten Tagen auf der Wiese zwischen nie verwelkten Blumen und einem Streuner auf der Brust, den er auf dem Namen Tofu taufte. Ein weißer Klotz, der den Weg immer wieder zu ihm fand. Enid nutzte die Zeit zum Lesen, eine Freude die zum Glück nie verging. Trotzdem war auch im bewusst, dass es allmählich an der Zeit war, die Bücher zur Seite zu legen, um gelesenes selbst nun einmal zu erleben. Sein weißer blasser Körper kam nie in die Pubertät, umso schöner waren seine erwachten traurigen Augen. Ein kluger Junge, der fast das Hören verlernte. Durch Lolitas Bann erschrak er und stieg dem Klotz auf den Schwanz. Er schrie auf, zum ersten Mal und so erschallen auch Enids Ohren, vor den unbekannten Tönen. Auf dem Heimweg hörte er dann die Vögel verzweifelt singen, vielleicht auch weinen.

Und so erwachte einer nach dem anderen im Ort und der Wind begann sich zu drehen, die Bewohner taten es ihm gleich oder er ihnen?




Sofia Bunnell wurde am 25.03.1995 in Karlsruhe geboren, wo sie heute auch lebt. Ihre Ausbildung als Mediengestalterin Digital und Print, absolvierte sie in Stuttgart. Nach dem Arbeiten als Redakteurin auf einem Kreuzfahrtschiff, begann sie in der Nachtschicht als persönliche Assistenz zu arbeiten und sich dabei der Literatur zu widmen. Durch das Schreiben, versucht sie gesellschaftliche Grundmuster zu hinterfragen und so auch den Leser zum Fragesteller anzuregen.






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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

Ein Kommentar zu “Der ewige Frühling

  1. Der ewige Frühling,

    für immer würde man ihn greifen,

    doch welch‘ grauer Schimmer sodann

    würde unser Leben erreichen?

    Ist es nicht erst das Grau,

    das dem Licht lässt den Abend gereichen?

    Lässt im Herbst uns den Winter erreichen…

    In der Reife,

    lässt den Frühling kümmern,

    was vergangen zum Winter verkümmern.

    Doch lässt sich nicht greifen,

    der Lauf der Zeit,

    muss Jahreszeit bleichen,

    was einst war sind

    wird zu gewesen seid.

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