Sabrina Binek für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Gute Zucker, schlechte Zucker
Ich male ein Mandala. Schon wieder ein Mandala. Ich greife die STABILO Filzer und fülle die Forman auf dem DinA4 Blatt mit Farben. Blau, Rot, Gelb…kann ich den Regenbogen vervollständigen. Es spielt Musik, sie soll der Entspannung zu Nutzen sein. Auch die anderen malen. Heute malen alle Mandalas. Die Stimmung sei spitze. Draußen auf dem Flur tönt es laut, von weiter weg kommt noch der Krach der Außenbaustelle hinzu. Das Hirn soll keinen Schmerz spüren, doch meines zerspringt immer fast an Tagen, in Momenten und Situationen, wie heute. Ein gut eingestellter Blutzuckerwert hilft mir mit Nichten, Normalzucker erfüllt bei mir oftmals alle Tatbestandsmerkmale einer Depression. Am Ende ist das wohl bei allen Menschen ähnlich. Denn nur das kann erklären, warum Markenriesen wie Coca oder Pepsi Cola, Burger King und McDonalds, aber auch die Pharmaindustrie; Amazon und Ebay oder Social Media Imperien wie Facebook und TikTok so viel Macht über uns haben, uns so krank machen, dass wir am hellen lichten Donnerstagmorgen nur noch Kinderbilder ausmalen können oder wollen.
Weitere Minuspunkte im Spiel mit der Gesundheit sind neben der Macht, Ungerechtigkeiten und Abhängigkeiten. In einigen Einrichtungen beispielsweise, die zum Schutz oder zur Rekonvaleszenz gerade auch vulnerabler Individuen dienen, erfahren diese keine Unterstützung, sondern sind vielmehr offen oder versteckt diversen Qualen oder gar Missbrauch ausgesetzt. An allen Enden der Welt stehen heute tapfere Bürger, meist auch Frauen auf, erheben unter Lebensgefahr das Wort für die Freiheit. In der Nähe des Weißwurstäquators im fetten Schlaraffenland des geborgten Wohlstandes reicht man stattdessen Bio-Tofu-Happen und verweist auf antiquierte Sitten. Werden wir uns hier niemals ändern?
Schokolade kann ein guter Zucker sein, denn sie vermag eine verwundete Seele zu reparieren. Zumindest für eine kurzen Moment des Glücks. Schokolade wird erst dann zum schlechten Zucker, wenn eine einsame Seele keine anderen Hilfestellungen und Wege zu Glücksmomenten mehr kennt. Neue Weg entstehen dadurch, dass man sie geht. Eine Diät, ein Ernährungs- oder Sportplan allein schafft noch keinen neuen Trampelpfad. Es kommt auf die Begleitung auf diesem neuen Weg an, wehe es ist die falsche. Veränderung passiert immer in kleinen Schritten, man muss jedoch einen Anfang machen. Vielleicht sogar mit einer Tasse Kaffee und einem Stück Schokoladetorte? Allein oder in Gesellschaft.
Sabrina Binek schreibt mit anderen Berliner Autorinnen und Autoren im Rahmen der Volkshochschulen Gedichte, Kurztexte und Romane. Sie tritt auf Poetry Slam- und Lesebühnen auf.
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