Jan Moritz für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Hinter der Zeit
„Papa, was bedeutet eigentlich ‚hinter der Zeit‘?“ fragte Luzie.
Ich warf ihr einen überraschten Blick zu. Sie saß mir am Küchentisch schräg gegenüber, in der Linken das Handy, auf dem sie irgendetwas las, in der Rechten den Löffel, mit dem sie sich langsam und geistesabwesend das Müsli hineinschaufelte.
Trotz der frühen Morgenstunde begann mein Gehirn sofort zu rattern.
„Also, ‚hinter‘ bezieht sich ja eigentlich auf räumliche Verhältnisse“, überlegte ich laut, „zum Beispiel: ‚Die Müslipackung steht hinter der Schüssel.‘ Aber Zeit hat keine räumliche Dimension, ist etwas Abstraktes, das passt also gar nicht zu ‚hinter‘.“
Luzie hatte erst keine besondere Regung gezeigt; nun sah sie aber kurz auf.
„Was bedeutet ‚Dimension‘?“ fragte sie.
Ich konzentrierte mich.
„‘Ausmaß‘“, antwortete ich dann und hoffte, dass das richtig war.
Luzie zog die Stirn kraus.
„Aber Zeit kann man doch messen“, meinte sie.
„Stimmt, aber nicht räumlich. Bestenfalls, indem man beobachtet, wie sich ein Raum während einer bestimmten Zeitspanne verändert“, dozierte ich.
Luzie konzentrierte sich auf ihr Handy.
„Hier steht: ‚Ihr Stil ist hinter der Zeit‘“, führte sie dann aus.
„Ach so“, erwiderte ich. „In dem Zusammenhang bedeutet das: ‚Hinter dem Zeitgeist‘ oder einfach: ‚entspricht nicht der Mode.‘“
„Das hätten sie doch auch gleich so schreiben können“, maulte Luzie, schob sich den Löffel in den Mund und kaute energisch.
„Naja, weißt du…“ setzte ich an, aber dann ertönte Luzies Handy; ihr Alarmton, eine kleine Melodie, unterbrach meine Erwiderung. Luzie ließ achtlos den Löffel in die noch halb volle Schüssel fallen und sprang auf.
„Ich muss los. Tschüs Papa“, rief sie und stürmte aus der Küche.
Als ich in meinem Arbeitszimmer saß und etwas lustlos meine To-Do-List des heutigen Home-Office-Vormittags durchging, beschäftigte mich die Wortkombination „Hinter der Zeit“ noch eine Weile. Obwohl sich bei unserem Gespräch in der Küche herausgestellt hatte, dass es um eine Redewendung ging, hatten sich meine ersten Gedanken dazu in meinem Bewusstsein festgesetzt.
Gab es etwas, das „hinter der Zeit“ lag? Etwas, das von der zeitlichen Dimension nicht verändert wurde? Etwas, was so zeitlos war, dass es unverändert überdauerte?
Die Liebe, dachte ich.
Und verwarf die Idee gleich wieder. Auch Liebe veränderte sich, alterte, konnte verschwinden.
Erinnerungen?
Ich dachte an meine Großmutter, die sich in ihren letzten Jahren infolge einer Demenzerkrankung an immer weniger Dinge erinnerte, und verwarf auch diesen Gedanken.
Werte?
Hier blieb ich etwas länger haften. Positive Werte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden, hatten etwas Zeitloses an sich. Aber sie wurden auch immer wieder hinterfragt, neu verhandelt, eventuell ausgetauscht.
Wie es schien, war nur der stete Wandel in allen Zeiten verlässlich. Enttäuscht über die Banalität dieser Erkenntnis gelang es mir schließlich doch, mich meiner Arbeit zuzuwenden.
Am Nachmittag brummte mein Handy.
Luzie hatte geschrieben:
Luzie: Habs rausgefunden! War ganz einfach.
Ich: ???
Luzie: Hinter der Zeit!
Ein Foto angehängt.
Das Bild war auf dem Freiplatz in unserem Viertel aufgenommen, auf dem der Wochenmarkt Station machte, und um den sich kleine Geschäfte angesiedelt hatten. An einer Ecke des Platzes befand sich eine Werbesäule mit einer Uhr. Die Säule war in der Mitte des Fotos; dahinter lugte grinsend Luzie hervor. Das Bild musste ihre Freundin aufgenommen haben.
Ich: 🙂
Und mehr gab es wohl auch nicht dazu zu sagen.
Jan Moritz, Jahrgang 1972, aus Kiel. Hauptberuflich Lehrer. Manchmal wollen die Worte aber keinem Lehrplan folgen. Dann suchen sie sich einen anderen Weg. Zum Beispiel diesen hier.
Über #kkl HIER

Schöööön!
LikeLike
Danke sehr 🙂
LikeLike