Anita Lang für #kkl39 „Hinter der Zeit“
„Für das System des Unbewussten gibt es keine Zeit“
Didier Anzieu
In der Arbeit zum Beispiel
Der Dichter erfindet eine Haut von Wörtern, die sich zusammenfügen, zu einer Figur werden. Zu einer Landschaft, die Schauplatz einer Handlung wird. Er selbst hält sich im Hintergrund. Eine Person schlüpft aus seiner Fantasie, aus dem Land der zeitlosen Träume. Sie könnte genauso gut aus der Jungsteinzeit sein, oder vorausgedacht um zehn Jahre, wie auch im Heute. Oft drängt sie sich ihm auf mit ihrem ihr eigenen Thema, mit ihrem Charakter. Er braucht dieses Thema und diese seine Figur hilft ihm dabei, es zu denken.
In der Arbeit und auch sonst, sitzen Menschen Einsiedlern gleich hinter ihren Laptops, Bildschirmen, Displays. Sie fühlen sich mächtig selbstbestimmt in ihren einsamen Sitzungen. Wortwechsel, Erledigungsvermerke, Gefühlsicons schicken sie einander, emsig und kontaktbeflissen. Und Udo ist einer von ihnen. Der seine E-Mails checkt, automatisch reagiert auf die Flut an Routinekorrespondenz. Vordergründig erledigt er, hintergründig fällt ihm so allerhand ein. Er fühlt sich wohl, wenn er über seine Träume nachdenkt. Von Zeit zu Zeit erscheint eine bunte Frau in seinen Träumen.
Zeitig am Morgen sind die Büroräume nüchtern und stressbefreit. In der Küche klirrt Geschirr, das aufgeräumt wird. Er schließt die Mail-App und blickt ins Leere. Es könnte eine Vorahnung sein, doch er verwirft diesen Gedanken. ‚Ich habe sie erfunden‘, wahrscheinlich ist es so. Er öffnet ein Textdokument und schreibt sie auf, mit allen Details, die ihm in den Sinn kommen. Sieben Uhr vierzehn. Noch vor acht kommen dann die vom Versand an. Die gehen nur vorbei und grüßen. In zwei Tagen ist Deadline, dann muss das Projekt stehen. Noch so Vieles zu erledigen, doch Udo kann nicht anders als schreiben. Einen Namen braucht sie. Was passt zu Udo? Er stockt, sieht auf den Buchstabensalat. Was passt zu einer kunterbunten Frau? Ein langer Name, wie beispielsweise „Waltraud“? Auf keinen Fall ein komischer. Ein Tagtraum von einer Frau! In einem fließenden Gewand.
Ein Anruf kommt herein, dann noch einer. Er schreibt ein E-Mail retour und leitet eines weiter an die Zuständige, die er auf einer Liste mit Kompetenzbereichen identifiziert. Ein Schwung Daten kommt an und er muss sie in das System eintippen. Das dauert. Dazwischen die Sehnsucht nach seiner Traumfrau. Es drängt ihn, weiterzuschreiben und er verschiebt es auf die Mittagspause. ‚Hoffentlich ist sie dann nicht weg‘, denkt er. ‚Gedanken flüchten zuweilen.‘ Er holt sich ein dicht belegtes Sandwich mit Mayonnaise aus der Kantine und schaltet das Telefon auf „Umleiten“. Klarer als zuvor sieht er sie nun. Er betrachtet sie erwartungsvoll und fragt: „Warum habe ich dich erfunden?“
„Damit du an die Liebe glauben kannst.“
Anita Lang kommt aus Wien. Ihr Berufsweg führte als Assistentin in die unterschiedlichsten Bereiche. Zum Journalismus und zum Kreativen Schreiben kam sie über das Fernstudium.
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