Kristiane Kondrat für #kkl39 „Hinter der Zeit“
Robinson
Er hatte sich im Tag geirrt oder er könnte sich im Tag geirrt haben, es war kein Freitag, es war ein Sonntag gewesen oder es hätte ein Sonntag sein können. Die Tage hatten sich ineinander verkeilt und verschoben, er aber war, auf einem Ast schaukelnd und sich mit fremden Federn schmückend, an einem Donnerstag hängengeblieben und saß auf dem Donnerstagsast, bis es Sonntag wurde. Nichts ahnend von der Tagesverschiebung, in schiefem Zustand, hielt er Ausschau nach etwas Ansprechbarem.
Da kam jener, den er „Freitag“ nennen wird, der aber auch ein Sonntag hätte sein können. Sie legten ihre Worte ab, die ihnen nichts genutzt hätten, schuh- und wortlos begrüßten sie sich, sie konnten die Dinge und Lebewesen nicht mit Worten festnageln, deshalb blieben diese am Leben, an die Möglichkeit eines Montags hatte keiner gedacht, nicht einmal der Verfasser, sie hatten kein Stichwort, um aufeinander einzustechen, Freitag wusste nicht, dass er eigentlich ein Sonntag war und soeben entdeckt worden ist, wähnte sich noch unentdeckt, ein beglückender Zustand.
Sonntag, der siebte Tag, an dem die Welt schon am Vortag vollendet worden ist und die S-Bahn nur alle vierzig Minuten fährt, nicht einmal bei Rauchzeichen hält ein Zug an und nimmt sie auf.
Am 23.Oktober
Es gab einen Tag, als meine Tochter, meine Mutter und ich selbst zur gleichen Zeit 15 Jahre alt waren.
Meine Mutter hatte einen kleinen Unfall, sie war auf den Zwetschgenbaum im Garten gestiegen und hatte sich beim Heruntersteigen an der rauen Rinde am Knie verletzt. Sie stieg mit 15 Jahren noch auf Bäume, konnte es sich nicht abgewöhnen. An jenem Tag blutete ihr linkes Knie heftig, sie schrie, »es tut weh!«. Ich verband ihr das Knie und wollte sie trösten, sagte das zu ihr, was sie auch immer sagte, wenn ich Bauchweh hatte oder einen anderen Kummer, sagte :«Ich war damals so alt wie du und ich habe auch….«, Ich weiß aber nicht mehr, was sie weiter sagte . Wir hatten zu dritt am Tisch in der Küche gesessen und schauten uns ein Fotoalbum an. Dann beschlossen wir, dass dieser Tag der 23. Oktober sein soll, an dem die Welt neu anfängt. Ich ging an diesem Tag in den Keller Kartoffeln holen, die meine Tochter waschen und schälen sollte, meine Mutter wollte sie in der Pfanne braten, sie hatte schon das Feuer in dem alten Herd angefacht, blies nochmal kräftig, dass die Flammen hoch aufloderten und die Späne knisterten. Damals ,am 23. Oktober, gab es noch keine elektrischen Herde.
Nach dem Verzehr der gebratenen Kartoffeln gingen wir alle drei an die Brücke, wo wir drei junge Männer trafen. Meine Tochter aber sah dass es nicht jene waren, die sie sehen wollte, und wir kehrten um. Ich ging wieder in den Keller und kühlte mir die Hände in dem Sand, in dem wir die Melonen kühlten. Meine Mutter und die Omama aber warteten schon auf mich in der Küche.
Eine von uns Dreien schaute zum Fenster hinaus, der Tisch, an dem wir saßen, stand neben dem Fenster, meine Tochter schaute in den Garten. Dort stand eine fremde Frau und wollte am Ast des Zwetschgenbaums, an dem ich mein Knie verletzt habe, eine Schaukel
anbringen. Ein breites Brett hing an zwei Stricken. Meine Großmutter aber rief zum Fenster hinaus, der Ast sei morsch, der werde nicht halten.
Ich aber sagte zu meiner Tochter: Lass die Finger von dem, der ist ein Hallodri, der wird dich enttäuschen, lass den Kerl laufen, gib ihm den Laufpass. wenn ich den in die Finger kriege…«
Ich drehte mich um zu ihr und antwortete meiner Mutter, schrie sie an: . »warum machst du mir wider alles kaputt,immer wieder machst du mir alles kaputt, du verstehst nichts, du verstehst überhaupt nichts!«.
Pass doch auf dich auf, lass den Kerl laufen, sagte meine Großmutter zu meiner Mutter, meine Mutter heulte und schniefte und konterte: »Du weißt auch immer alles besser, du kannst es gar nicht wissen«, plärrte ich aus mir heraus, »du kennst ihn gar nicht, er ist nicht so…, du verstehst das nicht, dazu bist du noch zu jung, plärrte meine Mutter meine Großmutter an.
Überhaupt nichts verstehst du ,schluchzte meine Tochter und sah mich vorwurfsvoll an, sagte zu mir, sie wolle ja nur mein Bestes, und du willst alles kaputt machen, verstehst überhaupt nichts, sagte die Großmutter, und heulte, während mir die Tränen über das Gesicht rollten, bis in die Mundwinkel, ich schluckte sie , sie schmeckten komisch, gebratene Kartoffeln, versalzen.
Ich will ja nur dein Bestes, sagte auch die Großmutter zu meiner Tochter, »das geht dich gar nichts an«, sagte eine von den Dreien zu einer von den Dreien, »lass den Kerl doch laufen«,, das verstehst du sowieso nicht, das geht dich gar nichts an«, sagten wir am 23. Oktober. Und alles vergeblich, es kam dann doch alles anders.
Kristiane Kondrat (Pseudonym), geb. am 11. Dez 1938 in Reschitz/Banater Bergland, Rumänien. Studium der Germanistik u .der Rumänistik in Temeswar, Kulturredakteurin bei der »Neuen Banater Zeitung«. Seit 1973 in Deutschland, als freiberufliche Journalistin (Kultur) für die SZ tätig, liter. Veröff. in: Literaturzeitschriften in Dtl., Österr. und der Schweiz, Anthologien, Beiträge im BR (Hörfunk, Bayern2, Literatur).
Eigenständige Veröffentlichungen (Auswahl):
»Regenbogen«, Gedichte, Jugendverlag Bukarest 1968
Abstufung dreer Nuancen von Grau“, Roman, 1997, Quell Verlag, Stuttgart
„Anastasius und andere Staatsbürger“, Satiren, 2013, Pop Verlag, Ludwigsburg
„Ein großer Buchstabe fällt von der Wand“, Gedichte, 2014, Pop Verlag.Ludwigsburg
„Abstufung dreier Nuancen von Grau“, 2. Auflage, 2019, danube books Verlag, Ulm
»Bild mit Sprung, Erzählungen«, 2. Auflage, danube books Verlag, 2021
Ebenfalls im »danube books Verlag:« Lyrikbuch »Wer tanzt im Niemandsland?«, März 2023.
Preise und Ehrungen:
Förderpreis für Lyrik 2011 der Cité der Friedenskulturen (Lugano)
Bei den Finalisten des Literaturwettbewerbs für politische Lyrik 2009, lauter niemand, Berlin
Bei den Finalisten des 20. Münchner Kurzgeschichten-Wettbewerbs 2016
»Grenzgänger – Grenzgänge«
Publikumspreis für Lyrik der Zeitschrift „Spiegelungen“, 2017, München
Nominierung für den Meraner Lyrikpreis 2022
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