Andrejs Einfalt

Daniel O’Brien für #kkl39 „Hinter der Zeit“




Andrejs Einfalt

Andrej erwachte. Das Klackern von Hufen auf der Straße hämmerte im Gleichtakt mit seinen Kopfschmerzen. Sonnenlicht schien durch das Fenster der Pension mitten in sein Gesicht. Mit ungeöffneten Augen blieb er liegen, bis er unter zwei schweren Seufzern über das Bett rollte. Seine Hand griff nach dem Vorhang und verpasste ihn um eine halbe Armlänge. Ein weiterer Versuch, noch einer. Dabei wischte er Lampe, Aschenbecher und eine Tasse mit kaltem Tee vom Nachttisch. Beim dritten Anlauf gelang es ihm, sich in Dunkelheit einzusperren. Die Anstrengung ließ ihn im Bett in sich zusammenfallen wie ein Kartenhaus.

Seine Hände ertasteten das unrasierte, rote Gesicht. Andrej versuchte sich zu erinnern. “Was ist letzte Nacht passiert?”. Dabei bemühte er sich, den fauligen Geschmack auf seiner Zunge zu ignorieren, während er Galle in der Kehle runterschluckte.

Plötzlich flog die Zimmertür auf. Andrej erschrak, ja schrie im Falsett eines Chorknaben, dem der höchste Ton nicht recht gelingen wollte. Er stand senkrecht im Bett, sich an der Kopfseite festhaltend, wie ein Kenternder am rettenden Treibholz. Vor ihm stand ein Mann, beinahe zwei Köpfe größer als Andrej. In einem vorzüglichem Dreiteiler mit feinen, kreuzbestickten Manschettenknöpfen, glitt dieser Recke ins Zimmer, scheinbar ohne den Holzdielenboden zu berühren. Sein Gesicht war gleichzeitig jung und alt, lieblich und vornehm. Andrej bemerkte ein kaum sichtbares Lächeln, das der Fremde auf seinen Lippen jonglierte. In seinen aschweißen Händen hielt er ein Tablett, darauf Brot, Käse, Fisch, Milch sowie zwei Flaschen, eine kleine und eine große, gefüllt mit klarer Flüssigkeit sowie zwei Gläser.

„Wer zum Teufel…?“, setzte Andrej an.

„Wunderbar! Sie sind schon wieder beisammen“, freute sich der Fremde. Er stellte das Tablett auf den Nachttisch, den Andrej unfreiwillig freigeräumt hatte. Dann schob er sich einen Stuhl heran, ganz so, als wäre er hier zuhause, so wie man es bei alten Freunden zu tun pflegt. Während er sein Gesäß genüsslich in den Stuhl hin- und herdrückte, zog Andrej wie ein Kind, das ein Schauermärchen hörte, die Decke über die Nase.

„Sie müssen sich in der Tür geirrt haben!“ Der Fremde lachte.

„Andrej Alexanowitsch, 50 Jahre alt, Autor, im Zimmer Dreizehn … ich denke, ich bin goldrichtig!“

„Wer sind Sie?“

Der Fremde lachte wieder, in aller bester Laune. „Das wissen Sie doch!“ Andrej drückte die Augen zusammen. Er überlegte, ob er sich wie in Büchern würde Wasser ins Gesicht spritzen müssen, um zu wissen, ob er wache oder träume.

„Erinnern Sie sich nicht? Aber, aber … wer mag es Ihnen verübeln“. Der Fremde füllte zwei der Gläser mit dem Inhalt aus der kleinen Flasche. Dann bot er eines davon Andrej an. Der verweigerte. Der Fremde prostete ihm zu und trank es in einem Zug leer.

„Ach, herrlich. Ein feiner Wodka erweckt die Lebensgeister“. Er füllte sein Glas randvoll nach. „Gestern hatten Sie zu viel, keine Frage. Aber ein bisschen vom Gift bringt Genuss … und Sie wieder in Schwung“. Er bot Andrej noch einmal das zweite Glas an und zwinkerte. Andrej überlegte. Für gewöhnlich half das. Und vielleicht könne er sich dann wieder konzentrieren, dachte er. Er nahm das Glas und spülte es in einem Zug runter. Kurz schien ihm, als würde ein Vulkan in seinem Halse explodieren. Aber nach der ersten schockartigen Übelkeit kochten ihm Taubheit und Klarheit in den Kopf.

„Was ist passiert?“

„Nun, das wissen Sie doch. Ihr fünfzigster Geburtstag! Eine schöne Feier, wenn auch sehr privat“. Der Fremde deutete mit der offenen Hand auf den Schnaps, machte dabei eine Geste, als würde er einen alten Freund namentlich vorstellen.

„Ich weiß nicht’s mehr. Es war … Ich bin … Moment, ich kenne Sie!“

„Genau! Das sagte ich doch, wunderbar!“

„Wieso kenne ich Sie?“

Der Fremde lachte so herzlich, als hätte ihm jemand einen albernen Streich gespielt oder ein Kind sich beim noch schwerfälligen Sprechen verhaspelt. „Mein lieber Andrej … Wieso kennt überhaupt wer irgendwen? Ist das möglich?“

Der Fremde nahm ein weiteres Glas Wodka und legte es sich gemächlich an die Lippen. „Menschen streben immer nach mehr, wollen immer so viel. Macht, Geld, Ruhm, Gesundheit, Frauen! Und genau das hatte ich Ihnen angeboten.“

Andrej verstand immer noch nicht.

„Wir haben einen Deal, lieber Andrej. Sie erhielten Berühmtheit. Mehr Ruhm und Ehre, als Ihnen nach Talent und Geburt zustünden. Und ich…“ Er machte eine theatralische Pause, sein Lächeln breiter werdend. „Ich bekomme das Wertvollste, was Sie besitzen!“ Dann legte der Fremde die Hand aus Herz und atmete tief ein. „Ihre Seele!“

Andrejs Herz wiederum schlug wie ein wilder Vogel im Käfig gegen seinen Brustkorb. Was für ein böser Scherz, ein widerlicher Streich! Was könnte dieser dahergelaufene Fremde ‚Seele‘ meinen?

Dann aber erinnerte er sich, an eine dunkle Episode, in seinen späten Zwanzigern. Als er eines Nachts in der Gosse lag. Ohne Frau, ohne Geld, ohne eine einzige veröffentlichte Zeile. Als er sein letztes Geld bei einer Kurtisane gelassen, ja als er geflucht und Gott bespuckt hatte. Da war ihm jemand erschienen. Andrej hatte es damals für einen Traum gehalten, für ein Delirium.

„Das ist ein Irrtum!“, schrie Andrej. „Oh, aber das haben Sie, Andrej Alexanowitsch. Und ich bin hier, um den Vertrag einzulösen.“

In Panik rannte Andrej zur Tür und riss sie auf. Statt aber in einen Gang zu blicken, sah er ein kleines Kämmerchen, dem seinen in Art und Größe gleich, und den Hinterkopf eines alternden Mannes mit schütterem Haar, an einer Tür stehen. Dann dämmerte es ihm: Er sah sich selbst, von hinten, die Tür wieder und wieder öffnend, wie ein unendlicher Spiegel. Sein eigener Hinterkopf, 50, 100, vielleicht sogar 1000 Mal.

„Eine Falle…“, flüsterte Andrej.

„Nein, nur die Realität“, antwortete der Fremde, der ihm die Hand auf die Schulter legte, die kein warmes Blut enthielt.  „‚Der Ruhm ist dieses eine Gefängnis, ohne Gitter, in das sich die Gefangenen freiwillig begeben‘. So schrieben Sie es in einem Ihrer besten Werke, nicht wahr? Sie haben sich damals entschieden.“

Andrej lief zum Fenster, riss es auf, um den klaren Wintermorgen zu spüren. Der kalten Nord-Wind auf seinem Gesicht gab ihn immer Ruhe und Stärke. In der Ferne konnte er die Stimmen der Menschen hören.

Dann wurde der Fremde plötzlich ernst. „Aber es gibt vielleicht einen anderen Weg, um Ihrer Schuld zu begleichen.“

Andrej drehte sich um und sah den Fremden an. „Quid pro quo. Geben Sie mir eine Alternative. Etwas ähnlich Wertvolles. Eine andere Seele. Vielleicht die einer geliebten Person?“

„Ich höre?“

„Ihre junge Nichte ist wie alt? Acht Jahre, richtig? Sanftes Gesicht, neugierige Augen, langes blondes Haar. So viel Unschuld, so viel Potenzial. Das ist ein Deal, mit dem ich leben kann … und Sie auch!“

Andrej versuchte, den Vorschlag zu verarbeiten. „Es gibt immer einen Ausweg“, hörte er den Fremden hinter sich flüstern. „Sie müssen nur zustimmen.“

Andrejs Blick glitt noch einmal neben den Nachttisch. Dort lag, ohne dass er zuvor einen Gedanken daran verschwendete, das kleine Tabak-Etui, das ihm die zarte Allela genäht hatte. Tränen stiegen in seinen Augen empor und machten seinen Kopf leicht. Ohne weiter nachzudenken, sprang Andrej.

Für einen kurzen Augenblick stieg er wie ein Engel empor. Dann begann der Absturz. Die Ewigkeit in seinem Kopf dauerte in Wahrheit nicht einmal drei Sekunden, bevor er mit dem Kopf auf den Kopfstein-Pflaster aufprallte. Andrej war sich nicht sicher, ob er sein eigenes Genick noch knacken hörte, bevor es Dunkel wurde.

Am Boden sammelten sich augenblicklich Menschen um den Leichnam. Sie unterhielten sich aufgeregt, zeigten auf den berühmten Andrej Alexanowitsch, dann auf das Zimmer. Einige rannten hoch, suchten nach Hinweisen, nach einem Täter. Doch das Zimmer war leer, das Bett war gemacht. Neben dem Bett nur leere Flasche und ein kleines Tabak-Etui.




Daniel O’Brien, in Hamm zwischen Sauerländern, Westfalen und Ruhrgebiet geboren (Jahrgang ’91). Seit seiner Jugend versucht sich als Autor, Regisseur und Wissenschaftler, in der Hoffnung, die richtigen Worte, Bilder und Gedanken zu finden. Er ist seit 2022 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TH Köln. Im selben Jahr schloss er seine Promotion über die digitale Transformation des Journalismus ab. Vor seiner Promotion absolvierte Daniel O’Brien einen Bachelor in Philosophie & Politikwissenschaft (Universität Münster), einen Master in Cognitive Science (Ruhr-Universität Bochum) und einen weiteren Bachelor in Filmregie (Internationale Filmschule Köln).







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Veröffentlicht von Jens Faber-Neuling

Redakteur von #kkl Kunst-Kultur-Literatur Magazin, Autor, Trainer und Coach im Bereich Potentialentfaltung und Bewusstseinserweiterung, glücklicher Papa und Ehemann.

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